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MehmetDaimagüler - Nebenklage-Anwalt im NSU-Prozess

Foto: Andreas Wohland

NSU: Annäherung an eine Antwort

Anwalt Mehmet Daimagüler legte in Zwickau vor rund 30 Zuhörern seine Sicht auf eines der aufwändigsten Verfahren der neuen deutschen Geschichte dar. Ihm geht es nicht nur ums Urteil.

Von Sara Thiel
erschienen am 13.04.2018

Zwickau. Wenn es um den NSU geht, den Nationalsozialistischen Untergrund, dann hat Zwickau einen Ruf. Nämlich den, dass ein großer Teil der Zwickauer nichts mehr von der Sache wissen will. Dass diese Menschen froh sind, dass das Haus an der Frühlingsstraße abgerissen wurde und Gras über die Sache gewachsen ist. Aus den Augen - aus dem Sinn.

Insofern hat es die Vertreter der Friedrich-Naumann- und der Wilhelm-Külz-Stiftung nicht sehr gewundert, als am Mittwochabend von den rund 90.000 Zwickauern gerade einmal etwa 30 ins Ubineum gekommen waren, um über den NSU-Prozess zu diskutieren. Immerhin: Ein Teil von ihnen nimmt Anteil, unter ihnen waren auch Weißenborner, die am 4. November 2011 durch eine Hausexplosion aus ihrer Ruhe gerissen wurden. Und die in den Wochen und Monaten darauf auf mitunter unsanfte Art erfahren mussten, wer denn da unerkannt mitten unter ihnen wohnte: Menschen, die aus purem Rassismus, aus Menschenhass heraus eine Frau und neun Männer getötet haben sollen.

Seit fünf Jahren nun steht die ehemalige Weißenbornerin Beate Zschäpe vor Gericht. Die Frau, die ihre beiden Katzen bei einer Nachbarin abgab, ehe sie ihre Wohnung an der Frühlingsstraße anzündete. Die Frau, die nach Ansicht von Nebenklägervertreter Mehmet Daimagüler zu Recht als Mörderin angeklagt ist. Der Anwalt sprach am Mittwoch über den Prozess - darüber, was erreicht worden ist. Aber auch darüber, was versäumt wurde. Und auf der Strecke blieb vieles, sagt Daimagüler.

Die Frage nach dem Warum, die den Hinterbliebenen der ermordeten Menschen so wichtig ist, die blieb bislang unbeantwortet. Denn die Angeklagten schweigen. Nur einer zeigte Reue, erleichterte sein Gewissen. So bleibt im Dunklen, wie viele Helfer, Mitwisser und Unterstützer es gab. Der Anwalt ist überzeugt davon, dass einige einfache Antworten, die die Staatsanwaltschaft gefunden hat, zu einfach sind. Er sagt: Der NSU - das war nicht nur ein isoliertes Trio. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt waren in einem Netzwerk verknüpft. Wie sonst ließe es sich erklären, dass sie ausgerechnet diese zehn Menschen töteten. Zufallstreffer? Sie sind mit einem geliehenen Wagen von Zwickau nach Köln gefahren, um in einer wenig bekannten Straße einen Iraner zu töten, an dessen Schaufenster "Getränke-Schmitz" stand. "Das ist nicht plausibel." Das sagt er oft an diesem Abend.

Den Opfern - den Hinterbliebenen der Getöteten - geht es nicht um eine möglichst harte Strafe oder gar um Rache: Sie möchten verstehen, warum ihnen der Vater, der Mann genommen wurde. Deswegen gibt Mehmet Daimagüler keine Ruhe. Deswegen gibt er sich mit manchen Antworten nicht zufrieden. Deswegen glaubt er nicht an Ermittlungspannen, als die Morde über Jahre hinweg nicht aufgeklärt wurden. "Schuld daran waren rassistische Stereotype in den Köpfen der Ermittler", sagt er. Gut 140 Polizisten und Polizeibeamte wurden im Laufe des Prozesses verhört. "Ein einziger hat sich dabei umgedreht und sich bei den Witwen und Hinterbliebenen entschuldigt." Wenn ein Gerichtsprozess auch so zu verstehen sei, dass der Rechtsfrieden wieder hergestellt wird, dann gibt es in seinen Augen noch viel zu tun.

Nicht nur in München, nicht nur vor dem Richter. Sondern auch vor sich selbst, sagt Daimagüler. Er selbst - in Siegen geborener Sohn türkischer Einwanderer - sei sich damals in Gesprächen immer sicher gewesen, dass hinter den so genannten Döner-Morden Rechtsradikale stecken müssten. Öffentlich geäußert habe er seine Zweifel an der gängigen Drogenmilieu-These jedoch nicht. Warum? "Aus Feigheit und Opportunismus." Das damalige Mitglied des FDP-Bundesvorstands wollte noch etwas erreichen. Da seien solche Thesen unpopulär gewesen. "Heute ist mir klar, dass man sich zu Wort melden muss."

Übrigens: Der etwas übersichtliche Besucherzuspruch ist zwar typisch - aber nicht allein für Zwickau. Am Abend zuvor fand die gleiche Veranstaltung im thüringischen Eisenach statt. Vor knapp 50 Leuten. In den alten Bundesländern ist die Resonanz ungleich größer - in den Städten, aus denen die Opfer stammen.

 
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