Only heute: Denglisch to go

Wieder einmal wird der Tag der deutschen Sprache begangen. Grund genug, ihren Verfall zu beklagen. Oder ist es ganz normale Veränderung?

Zwickau.

Jedes Jahr am zweiten Septembersamstag begeht der Verein Deutsche Sprache (VDS) den Tag der deutschen Sprache. Mit allerlei Veranstaltungen macht er darauf aufmerksam, wie wichtig sie ist als Bindeglied unserer Gesellschaft - von der ja nicht wenige glauben, sie gleite ins Bindungslose ab. Bekannte Mitglieder stehen für dieses Anliegen. Entertainer - uuups - Unterhaltungskünstler Hape Kerkeling, Fußball-Übungsleiter Ottmar Hitzfeld sowie Autor und Regisseur Eberhard Görner sind darunter, ebenso bildende Künstler, Juristen, Sprachwissenschaftler und ... Politiker - auch eine Reizfigur wie Erika Steinbach. Die langjährige Chefin des Bundes der Vertriebenen und baldige Ex-Bundestagsabgeordnete wird von vielen politischen Gegnern im zu weit rechten Bereich verortet.

Eines der Reizthemen des VDS neben Sprachpanscherei und Gender-Sprache ist das immer weitere Einsickern englischer beziehungsweise pseudoenglischer Begriffe - also von Denglisch, das in Großbritannien oder Nordamerika gar niemand versteht. Handy (mobile oder cell phone), Oldtimer (classic oder vintage car) und Hometrainer (exercise bicycle) sind gern angeführte Beispiele für "Englisch-Vokabeln", die eigentlich nur Deutsche benutzen. Die Londoner "Times" hat dafür laut dem 1.VDS-Vorsitzenden Wolfgang Krämer einmal den Begriff "linguistic submissiveness" (sprachliche Unterwürfigkeit) geprägt.

Man kann darüber streiten, ob das zutrifft. Vielleicht sind Übernahme englischer Begriffe und Verknüpfung unterschiedlicher Sprachen samt Kreation neuer Begriffe ja etwas völlig Normales: als Ausdruck des Wandels in einer Welt des grenzüberschreitenden Austauschs von fast allem. Auch wenn die Zwickauer Buchhändlerin Gabriele Hertel das mit Grausen sieht: Sie findet, die Sprache leidet eh schon genug. "Wenn ich sehe, wie man nach der Sprachreform Spaghetti schreiben darf - ohne h! Warum muss man das Niveau so tief ansetzen?"


Patrick Schulze

Der Leiter der Volkshochschule im Kreis Zwickau stößt sich nicht nur am Denglisch, sondern auch daran, dass vieles ins Englische übersetzt wird.

FACILITY MANAGER

Berufsbezeichnungen sind heutzutage oft mehr Schein als Sein, weiß Schulze. Nehmen wir den Facility Manager - im Grunde genommen ist das ein Hausmeister mit erweitertem Aufgabengebiet. "Bei vielen derartigen Berufsbezeichnungen weiß man gar nicht mehr, was derjenige denn nun wirklich macht." Übrigens: Managen heißt auf deutsch verwalten. (sth)


Gabriele Hertel

Die Antiquariatsbuchhändlerin aus Zwickau hat von Berufs wegen eine enge Bindung an die Sprache. Deswegen ärgern sie Nachlässigkeiten besonders.

SALE

"Das ist eines von vielen Beispielen, wie sich das Englische in den Sprachgebrauch schleicht", sagt Hertel. Sicher falle das Wort leichter ins Auge als Schlussverkauf. Aber die deutsche Variante trifft es viel genauer. Denn sale steht im Englischen auch für Verkauf oder Auktion. (sth)


Conny Erler

Im Rathaus in Werdau ist Conny Erler (22) seit dem Juni die Ansprechpartnerin für die Vereine aus der Stadt. Sie lädt noch zu Beratungen ein.

BRIEFING

Sie ist überrascht, wie viele Anglizismen im Alltag auftauchen. Das würde erst auffallen, wenn man bewusst darüber nachdenkt. Am meisten stört sie das "Briefing". Erler: "Man könnte meinen, dass die gute alte Beratung ausgedient hat oder nicht mehr effizient sei. Dabei kann man sich mit seinen Kollegen oder Partnern auch einfach mal auf gut deutsch unterhalten." (hof)


Bernd Richter

Der Schulleiter (56) der Glauchauer Wehrdigtschule hat kein Verständnis für denglische Wörter, obwohl es ganz einfache deutsche Begriffe gibt.

SHOPPEN

Bernd Richter liebt es, mit seiner Frau einkaufen und bummeln zu gehen. Gern unternimmt er dafür auch einen Ausflug nach Chemnitz. Nur shoppen geht er nicht. "Wir sind schon immer einkaufen gegangen, dazu muss ich nicht shoppen oder Shopping sagen", meint Richter. Denn für etliche denglische Begriffe könne man problemlos das deutsche Wort verwenden. (tgo)


Marco Wölfer

Der 30-jährige Künstler aus Crimmitschau, der mit seiner Show "Mr. Rod" unterwegs ist, geht am liebsten ganz klassisch in die Bäckerei.

BACKSHOP

Für Marco Wölfer ist dieser Ausdruck auch ein Spiegelbild für Faulheit und minderwertigen Konsum. Er macht deutlich: "Die Worte Bäcker und Bäckerei spiegeln für mich die harte Arbeit in einer Backstube wider. Dagegen ist ein Backshop eine Degradierung für das Berufsbild." (hof)


Klaus Franke

Der Stadtrat und Pfarrer in Rente (76) aus Hohenstein-Ernstthal findet englische Wörter im Deutschen nicht immer schlecht. Doch manche ärgern ihn.

PUBLIC VIEWING

Die öffentliche Vorführung von Sportereignissen braucht nach Meinung von Klaus Franke keinen englischen Begriff. "Im Englischen versteht man darunter unter anderem eine öffentliche Leichenschau", erklärt Franke. Die Vermischung von Deutsch und Englisch findet er meistens nicht gut. "Das ist Unsinn und führt zu Missverständnissen." (jreb)


Kerstin Lauer

Die Reisebüroleiterin (47) aus Hohenstein-Ernstthal erschrickt immer wieder, wenn sie feststellt, dass sie und andere Denglisch im Alltag benutzen.

LOL (laughing out loud)

Kerstin Lauer nervt es, wenn ihre Jungs "Lol" sagen. Die Abkürzung steht für "Laughing out loud", zu deutsch: "laut lachen". Gelacht wird, wenn die Reisebüroleiterin zuhause eine lustige "Story" von der Arbeit erzählt. "Sie könnten doch auch sagen, 'das gefällt mir'", sagt Lauer. Aber: Sie selbst benutze aus Gewohnheit auch englische Wörter. (jreb)


Ines Springer

Für die Glauchauer CDU-Landtagsabgeordnete (60) gibt es gleich mehrere das Deutsche ersetzende Begriffe, die sie im Sprachgebrauch nicht mag.

BEAMER

Sobald ein Film auf eine Großleinwand projiziert werden soll, verwendet man einen Beamer - also auf Deutsch einen Projektor. Im nordamerikanischen Raum steht Beamer hingegen für ein BMW-Motorrad. Ines Springer kann noch mehr Denglisch: Slip hat auf Englisch viele Bedeutungen, aber eigentlich nix mit "underwear" zu tun. (tgo)

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