Tod oder Leben: Warum diese Frau für Frühchen näht

Bislang sitzt Nicole Graichen aus Oberwiera eher im stillen Kämmerlein. Doch jetzt geht sie mit ihren Engagement an die Öffentlichkeit.

Oberwiera.

Es mutet schon seltsam an, dass in diese Decke einmal ein totes Kind gelegt wird. Nicole Graichen hält die kleine, dunkelblaue Einschlagdecke, die mit Sternen bestickt ist, in die Höhe. Das Stück ist nur etwas größer als die Hand eines Erwachsenen und dient als Decke für die Kleinen, die es nicht geschafft haben.

Die junge Frau aus Oberwiera näht Bekleidung für Frühchen - also für Kinder, die um das Überleben kämpfen. Und zum Kampf gehöre manchmal auch Verlieren. Seit ein paar Jahren dürfen auch Kinder, die mit einem Gewicht von unter 500 Gramm geboren wurden, beerdigt und standesamtlich eingetragen werden. Das Personenstandsgesetz wurde im Jahr 2012 entsprechend geändert.

Bislang nähte Nicole Graichen, die als Erzieherin im Hort der Grundschule Waldenburg arbeitet, bei sich Hause. Doch jetzt will sie an die Öffentlichkeit und plant einen ersten Nähtreff in Oberwiera. Der soll am 7. April stattfinden. "Gemeinsam wollen wir kleine Hosen, Strampler, Mützen und Deckchen nähen", sagt Nicole Graichen. Die Sachen seien für Kliniken bestimmt, die über Frühchenstationen verfügen. Normalerweise werden die betroffenen Kinder in Kliniktücher gewickelt, sagt sie. Mit einem Strampler, mit Mützchen und Schühchen würden sie etwas Warmes zum Anziehen bekommen. Außerdem verleihe die Bekleidung, die es in den von ihr hergestellten Größen nicht ohne Weiteres zu kaufen gibt, mehr Würde. Beim Nähen müsse man auf das Material achten, denn nicht jeder Stoff vertrage sich mit der hochempfindlichen Kinderhaut der Frühchen. Und auch die Arm- und Halsausschnitte der Strampelanzüge werden zuweilen so geschnitten, dass zum Beispiel die medizinischen Schläuche ohne Probleme hindurchpassen und das Kind nicht behindern. Stoffspenden und Anleitungen für den ersten Treff in Oberwiera seien vorhanden.

Doch wie kommt eine junge Frau dazu, die selbst noch keine Kinder hat, dazu, sich dem Thema Frühchen und deren Überlebenskampf zu widmen? Vor ein paar Jahren hat sie im Internet vom Verein "Herzenssache - Nähen für Sternchen und Frühchen" gelesen. Seit 2015 näht Nicole Graichen für den Verein und fungiert mittlerweile als Ansprechpartnerin für Kliniken und Eltern in Sachsen und Thüringen. Sie selbst will später auch eine Familie gründen, lebt derzeit noch im Elternhaus. Angst davor, selber einmal Kinder zu bekommen, hat Nicole Graichen, die das Nähen von ihrer Oma gelernt hat, nicht - auch wenn sie vom Schicksal einiger Familien gehört habe.

Doch auch umgekehrte Fälle, nämlich, dass die Frühchen überleben, treiben sie immer wieder an, sich an die Nähmaschine zu setzen und zu helfen und die Freude darüber mit anderen zu teilen. "Es ist doch schön, dass es auch positive Fälle gibt", sagt Nicole Graichen.


Verein seit 2015 aktiv

Ein Kind ist das größte Wunder, das es auf dieser Welt gibt. Leider haben nicht alle Kinder das Glück, gesund und zeitgerecht das Licht der Welt zu erblicken, teilt der Verein "Herzenssache - Nähen für Sternchen und Frühchen", der deutschlandweit aktiv ist, mit. Was im Juni 2015 als kleines Projekt begann, habe sich zu einem anerkannten und gemeinnützig eingetragenen Verein entwickelt.

Für die Eltern seien Frühgeburten eine Zeit des Hoffens, des Bangens und auch der Trauer. Mit den Kindersachen könnten die Vereinsmitglieder den Eltern die Ängste und den Schmerz nicht nehmen, aber etwas Farbe und Freude in den Alltag bringen. Der Verein organisiert neben regionalen Nähtreffs auch einmal im Jahr ein großes Gruppentreffen. (sto)

Vereins-Homepage

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