Von der Bücherei zum Datenspeicher

Die Hochschulbibliothek gibt es seit 20 Jahren. Gegenüber ihrer Eröffnung sind die Anforderungen an die Einrichtung heute ganz andere.

Zwickau.

Man sieht es ihr nicht an, aber die Hochschulbibliothek gegenüber des Kornmarkts in Zwickau ist ein aus der Hüfte geschossenes Projekt. Ein Schuss aber, der ins Schwarze getroffen hat. Denn der markante Glasbau ist in den vergangenen 20 Jahren nicht nur ein akzeptierter Bestandteil des Stadtbildes geworden, sondern auch für die Studenten ein beliebter Arbeitsplatz.

Heute vor 20 Jahren wurde der Bau eröffnet. Reingard Al-Hassan, Leiterin der Einrichtung, berichtet davon, wie das Konzept für die Bibliothek innerhalb kürzester Zeit aus dem Boden gestampft wurde. "Zu dieser Zeit war so etwas noch möglich." Das Ziel: Aus mehreren Teil-büchereien sollte eine große werden. Groß ist sie auch geworden - jedenfalls für damalige Verhältnisse. Inzwischen ist der Bau an seine Grenzen gestoßen - und das ist nicht nur eine Frage der Größe, sagt Reingard Al-Hassan. "Damals hatte man noch keine Vorstellungen von den modernen Nutzungsanforderungen an solch eine Einrichtung." Das beginnt schon damit, dass längst keiner mehr von einer Bücherei redet. Schließlich stehen Medien aller Art zur Verfügung. "Deswegen sprechen wir fast nur noch über Daten und Informationen."

Das klingt wenig romantisch, doch für einen Arbeitsplatz wie eine Hochschulbibliothek ist das auch angebracht. Al-Hassan singt deswegen auch ein Loblied auf die elektronischen Medien, denn sie können viel mehr bieten als ein Buch, das Wissen zwischen zwei Deckeln bereithält: "Es gibt eine Suchfunktion, ist immer verfügbar, schnell aktualisiert - und wir müssen keine Diebstähle mehr befürchten." An dieser Stelle im Gespräch hält sie inne, lächelt kurz und berichtet von einer Statistik aus den 1990er-Jahren. Danach wurde besonders aus den Bibliotheken für angehende Juristen und Theologen gestohlen. Privat, fügt die Bibliothekarin noch an, bevorzugt sie Belletristik in gedruckter Form oder auch Hörbücher.

Warum die Bibliothek aus den Nähten zu platzen droht, liegt daran, dass sie mehr und mehr als Arbeitsplatz begehrt ist. "Den Studenten wäre es am liebsten, wenn wir täglich 24 Stunden offen hätten." Das aber sei nicht zu leisten, sagt die Leiterin, die ihre Aufgabe 2011 übernommen hat. Zumindest erweitert wurden die Öffnungszeiten. "Gleich am ersten Samstag war hier ziemlich viel Gewusel - inklusive eines Hochzeitspaares, das sich vor dem Regen zu uns geflüchtet hat und bei uns seine Fotos machen wollte."

Neben solchen Gästen finden noch viele andere Zwickauer den Weg in den Glasbau, denn er steht nicht nur Hochschulangehörigen offen. "Bei uns gibt es keine Belletristik, aber wer Fachliteratur braucht, darf gern bei uns suchen." Außerdem veranstaltet die Diplomingenieurin für Maschinenbau Vorträge , die ebenfalls rege besucht werden. Zuletzt dazugekommen ist die Reihe "Internationales", in der Lehrende, Studenten und andere von ihren Erfahrungen aus fremden Ländern berichten. "Dabei geht es mir auch um Weltoffenheit", sagt Al-Hassan, die als Christin lange Zeit in einem muslimischen Land gelebt hat.

Sie wünscht sich die Offenheit, die sie dort erfahren hat, auch hier. Sie wünscht sich aber noch mehr - für ihre Bibliothek: "Ich hätte gern Chill-out-Zonen und Sportmöglichkeiten." Denn wer Pausen macht - das gilt auch für Studenten - kann besser arbeiten.

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