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Die Kameraden der Lichtensteiner Feuerwehr holen die Kiste voller Einbruchswerkzeug aus dem Einsatzwagen. Ein Mann liegt hilflos in der Wohnung, so der Verdacht am Dienstag - der sich auch bestätigte.

Foto: Andreas KretschelBild 1 / 3

Feuerwehrleute als "Einbrecher vom Dienst"

Oft werden die Lichten-steiner Kameraden zu Tür-Notöffnungen gerufen. Dann müssen sie abwägen. Denn ohne Weiteres dürfen sie nicht in eine Wohnung eindringen.

Von Ulrike Abraham
erschienen am 07.12.2017

Lichtenstein. Wenn sie Leben retten, kämpfen Feuerwehrleute nicht nur gegen Rauch und Flammen. Manchmal ist der Gegner auch eine verschlossene Wohnungstür. Dann werden die ehrenamtlichen Helfer gewissermaßen zu Einbrechern. Zu 23 Tür-Notöffnungen wurden die Kameraden der Lichtensteiner Feuerwehr in den vergangenen zwei Jahren gerufen, das sind mehr als zehn Prozent der Einsätze.

Der jüngste Fall liegt erst zwei Tage zurück. In einer Wohnung in Lichtenstein lag ein hilfloser Mann, ein Nachbar rief die Feuerwehr. Ortswehrleiter Marco Joneleit ließ seine Kameraden die Tür aufbrechen, um den Mann zu retten. Bei solchen Einsätzen hat der 34-Jährige immer ein mulmiges Gefühl. Denn ohne Weiteres darf er nicht in eine Wohnung eindringen. Paragraf 13 im Grundgesetz schreibt die Unverletzlichkeit der Wohnung fest - doch es gibt Ausnahmen. Droht unmittelbare Gefahr, gilt das Gesetz nur eingeschränkt, erklärt René Kahl. Er ist Leiter der Landesfeuerwehrschule, an der auch Joneleit ausgebildet wurde. "Der Einsatzleiter muss genau abwägen - und eine Entscheidung treffen", sagt Kahl.

Meist sind es ältere Menschen, die von Joneleit und seinen Kollegen aus ihren Wohnungen gerettet werden. Auch ein piepender Rauchmelder rechtfertigt einen Einbruch. Für die Entscheidung hat der Einsatzleiter wenig Zeit. Ist tatsächlich ein Mensch in Gefahr, und wie dringend braucht er Hilfe? Wenn Schreie aus der Wohnung kommen, oder jemand anruft, weil er sich nicht bewegen kann, ist die Lage eindeutig. Doch oft alarmieren Angehörige, Pflegedienst die Feuerwehr, weil sie sich Sorgen machen: wenn der Briefkasten des Nachbarn überquillt oder niemand die Tür öffnet. Joneleit versucht dann herauszufinden, ob der Vermisste in der Wohnung ist -oder doch nur kurz beim Bäcker. Die Feuerwehrleute schauen von der Leiter aus durch die Fenster in die Wohnung, befragen Nachbarn oder Angehörige. Erhärtet sich der Verdacht, dass da einer hilflos in der Wohnung liegt, brechen die Kameraden ein.

Mit roher Gewalt dürfen sie die Tür nur im Ausnahmefall öffnen. "Es gilt die Verhältnismäßigkeit der Mittel", fasst Ausbilder Kahl zusammen. Das heißt: So wenig Schaden wie möglich verursachen. Ist das Fenster angekippt, steigen die Retter dort ein, ansonsten kommt der Koffer voller Einbruchswerkzeuge zum Einsatz. Beim Hersteller lernen die Feuerwehrleute den Umgang mit Dietrich und Brechstange.

"Früher ließen sich die meisten Schließzylinder recht einfach aufbrechen", sagt Ortswehrleiter Joneleit. Heute ist mehr Geschick nötig, die Sicherheitsmechanismen werden komplizierter. Für die Kameraden ist es das reinste Wettrüsten mit der Technik, seufzt Joneleit. Das ist dem wachsenden Sicherheitsbedürfnis der Menschen geschuldet. Ausbilder Kahl sieht das mit Skepsis. Wer sich einschließt, kann nur schwer gerettet werden.

Und wenn dann doch niemand in der Wohnung ist? Hat der Einsatzleiter nach bestem Wissen abgewogen, trägt die Gemeinde die Kosten für den Schaden, beruhigt Kahl. In Lichtenstein hat sich bisher niemand über eine Tür-Notöffnung beklagt, sagt Joneleit. Damit es nicht dazu kommt, haben die Lichtensteiner einen Tipp: einfach einen Ersatzschlüssel beim Nachbarn parken.

 
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