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20 Särge liegen in der über 200 Jahre alten Familiengruft der Schönburger. Sie wurden einst durch eine Öffnung von oben aus der Schlosskapelle herabgelassen.

Foto: Uwe Mann Bild 1 / 5

Willkommen im Gruselkabinett

Schloss Lichtenstein im Zwickauer Land ist nichts für schwache Nerven. Otto Victor Fürst von Schönburg-Waldenburg (1785 bis 1859) hat sich in der Familiengruft seinen eigenen Sargdeckel offen gehalten, weil er Angst vor dem Scheintod hatte. Angeblich.

Von Erik Kiwitter
erschienen am 12.07.2017

Lichtenstein. Hier unten könnte man einen neuen Dracula-Film drehen. Und sich ganz gut vorstellen, wie sich plötzlich einer der Sargdeckel hebt und der bleichgesichtige Graf herausspringt. Graf Dracula höchstpersönlich, der Untote mit den knallroten Lippen und den leuchtend hellen, spitzen Zähnen. Tagsüber lag er ja immer in seiner Gruft, ruhte sich aus, bevor er munter wurde und nachts auf die Piste ging, um sein Unwesen zu treiben.

Allerdings ist die Sache in der Familiengruft von Schloss Lichtenstein im Zwickauer Land - am Sonntag dritte Station der Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Ort" - nicht ganz so einfach. Dracula würde sich hier womöglich seine Hauer ausbeißen, mit ziemlicher Sicherheit sogar. Denn die Deckel der 20 nebeneinander aufgestellten Sarkophage sind aus Gusseisen und so schwer, dass sie nicht mal ein Gewichtheber aufbekommen würde. Dracula müsste also drinnen bleiben, aber das wäre vielleicht gar nicht so schlimm. Die Kulisse hier unten ist auch so mehr als geeignet für einen guten Film, genauso wie die Geschichte von Schloss Lichtenstein. In den Streifen könnte man so viel hineinpacken, Abenteuer, Politik, Finanzkrisen und Legenden, von jedem etwas. Und natürlich jede Menge - Grusel.

Im schmalen Gang steht ein riesengroßer Kerzenständer, von der Decke bröckelt Putz. Gleich obendrüber befindet sich die Schlosskapelle - von dort aus wurden die Särge einst drei Meter tief hinab in die Gruft gelassen, die es seit 220 Jahren gibt. 20 Mitglieder des Hauses Schönburg wurden hier bestattet. Man kann sie alle aufzählen, man weiß genau, welche Gebeine in welchem Sarg liegen, auch wenn sich keine Schilder mit den Namen der Toten an den Deckeln befinden.

Ganz vorn an der Treppe ein kleiner Kindersarg, Emma von Schönburg-Waldenburg, gestorben am 26. November 1866. Das Mädchen lebte nur ein Jahr. Steht man ein paar Meter weiter schließlich vor dem vierten Sarkophag von hinten, linke Reihe, glaubt man wirklich, es spukt. Der Sarkophag ist geöffnet, etwas mehr als einen Spalt, sodass man locker einen Blick hineinwerfen kann und für einen kurzen Augenblick glaubt, die Hand eines Skelettes zu erkennen. Aber es ist nur ein altes, zerknittertes Tuch. Die Gebeine unter ihm gehören zu keinem Geringeren als zu Otto Victor Fürst von Schönburg-Waldenburg (1785-1859), der bei der Schlacht von Waterloo eine schlimme Fußverletzung erlitt und später maßgeblich an der Erstellung der sächsischen Verfassung beteiligt war. Dass sein Sarg geöffnet ist, das hat seinen Grund. Der Fürst hatte Angst vor dem Scheintod und ließ deshalb zwischen Unterteil und Deckel zwei Hölzer legen. Vom Sarg führte eine Leine durch ein Loch in der Decke in die Gemächer. Weil die Leine mit einer Glocke verbunden war, hätte Otto Victor nach seinen Dienern läuten können, falls er aus dem Scheintod erwacht wäre. Mit großer Wahrscheinlichkeit aber ist das alles nur eine Legende, eine reizvolle Mär, aber wenn man hier unten steht in der düsteren Familiengruft der Schönburger, da kann man sich so manches vorstellen.

Dann wird es ganz verrückt. Auf einem Sargdeckel steht ein Behälter, der aussieht wie ein kleines Bierfass. In ihm ist das Herz eines spanischen Adeligen aufbewahrt. "Und das ist keine Legende. Das ist tatsächlich so", sagt Restaurator Wolfram Voigt. Er gehört am Sonntag zu den Experten, die die Besucher im um 1200 entstandenen Schloss Lichtenstein empfangen werden.

Aber trotzdem ist es noch ein Rätsel, wie das spanische Herz einst hierhergekommen ist, gibt der Restaurator zu. Unabhängig davon kann man sich neben der Familiengruft noch viele andere Sachen anschauen, einige davon sind wie die Gruft ebenfalls nichts für sanfte Gemüter, wie das sogenannte Angstloch zum Beispiel. Damit ist ein enger Zugang zu einem Verließ gemeint, durch den die Gefangenen mit einem Seil oder einer Strickleiter herabgelassen wurden. Unten bekamen die armen Schlucker dann nur Wasser und Brot, manche sind verhungert. Ja, das Mittelalter war kein Zuckerschlecken.

Die Geschichte der alten Gemäuer ist spannend bis in unsere Gegenwart, wenn auch nicht immer so gruselig. Im Herbst 2014 kam das Schloss unter den Hammer. Prinz Alexander von Schönburg-Hartenstein hatte über einen längeren Zeitraum hinweg die Grundsteuer nicht bezahlt, deshalb wurde das Schloss in einer Außenstelle des Amtsgerichtes Zwickau zwangsversteigert. Einziger Bieter war Bauunternehmer Mario Schreckenbach aus St. Egidien. Für das inzwischen verfallene Anwesen musste er nur noch 78.400 Euro auf den Tisch legen - aber dafür den Prinzen herausklagenklagen, weil der sich in sein eigenes Schloss eingemietet hatte. Sachen gibt's, die gibt's gar nicht. Seither sind die Archäologen am Werk, die schon viele wundersame Dinge an das Tageslicht geholt haben ...

Informationen zur gesamten Veranstaltungsreihe "Unentdeckte Ort" finden Sie im Internet unter

www.freiepresse.de/ueo2017

Schloss Lichtenstein in seiner heutigen Form entstand im 17. Jahrhundert.

Foto: Uwe Mann

Streifzug durch die Historie 

Natürlich gibt es am Sonntag nicht nur die Gruft zu sehen: Im ganzen Schloss befinden sich Infopoints, an denen den Besuchern von Mitgliedern des Geschichtsvereins die spannende Historie des Hauses erläutert wird. Wenn der Besucherandrang groß ist, kann es besonders in der Gruft zu längeren Wartezeiten kommen.

Im Innenhof stoßen die Gäste auf den Sockel eines alten Bergfriedes, der bei den laufenden Ausgrabungen entdeckt wurde. Als Bergfried bezeichnet man den Hauptturm der mittelalterlichen Anlage, der bei Angriffen der letzte Rückzugsort für die Bewohner war. Der entdeckte Sockel soll erhalten bleiben, möglicherweise mit Glas überzogen werden, damit der Bergfried-Stumpf als wertvolles Zeugnis ständig zu besichtigen ist.

Beim Rundgang durch die Gemäuer geht es auch durch den alten Rittersaal, der erst 2015 wiederentdeckt wurde. Die Restauratoren stießen hier hinter dem Putz auf ein großes, rot-weißes Wappen: das Wappen der Schönburger.

Die Burg war gut zu verteidigen. Sie steht strategisch günstig auf einem hohen Geländesporn und wurde durch einen Graben vom Hinterland abgetrennt. Wann der Bau errichtet wurde, steht nicht ganz fest. Weil sich die Experten uneinig sind, ist es am besten, man hält sich mit einer genauen Angabe zurück. Wenn man von der Entstehungszeit um 1200 ausgeht, macht man auf keinen Fall etwas falsch. Im ausgehenden 13. Jahrhundert werden die Schönburger zum ersten Mal als Besitzer genannt.

So strategisch günstig die Burg auch lag, im Dreißigjährigen Krieg war es mit der Herrlichkeit vorbei. 1632 wurde das Schloss durch die kaiserliche Armee zerstört. Es dauerte 16 Jahre, bis es in der heutigen Form wieder aufgebaut wurde.

Nach 1945 kam ein Altersheim in das Schloss. 2000 ging es in den Besitz von Alexander Prinz von Schönburg-Hartenstein über, der es wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Daraus wurde nichts. Er häufte Schulden an, sodass die Anlage versteigert wurde.

Schlossherr Mario Schreckenbach.

Foto: Uwe Mann

Und so soll die Zukunft des Schlosses aussehen 

Eigentümer Mario Schreckenbach will aus dem desolaten Gemäuer ein Schlosshotel mit Wellness-Landschaft machen. Erst Anfang des Monats hatte der Technische Ausschuss des Stadtrates Lichtenstein das gemeindliche Einvernehmen erteilt, wie es im Beamtendeutsch heißt. Im Klartext: Die Kommune ist mit dem Projekt einverstanden. Das Landratsamt muss aber den Plan noch absegnen.

Schreckenbach hatte im April 2016 zum ersten Mal seine kühnen Pläne vorgestellt. Die Baukosten werden demnach rund 15 Millionen Euro betragen. Bund und Land werden sich aller Voraussicht nach mit fünf bis sechs Millionen Euro am Umbau des historischen Baudenkmals beteiligen.

Ursprünglich war als Baubeginn das Frühjahr 2017 vorgesehen. Aber er verzögert sich, auch weil die Ausgrabungsarbeiten des Landesamtes für Archäologie mehr Zeit in Anspruch nehmen als gedacht. Diskussionen gab es auch mit dem Denkmalschutz. Der hatte Bedenken mit dem Plan, ein Außenschwimmbecken an das Schloss mit Blick auf die Stadt zu errichten. Inzwischen sind die Bedenken aber wohl ausgeräumt.

Mit dem Bau soll nun im Frühjahr des kommenden Jahres begonnen werden. Nach zwei Jahren, also 2020, könnte das Mammut-Projekt beendet werden. Schlosskapelle und Familiengruft sollen dann ständig für die Öffentlichkeit zugänglich sein.


 

Von der Gruft bis zum begehbaren Tresor 

Hinkommen, anschauen, mitmachen: So läuft der Tag auf Schloss Lichtenstein 

Termin/Ort: Schloss Lichtenstein ist am Sonntag von 10 Bis 18 Uhr geöffnet. Die Adresse lautet Schloßallee 1 in 09350 Lichtenstein.

Programm: Besichtigt werden können Schlosskapelle, Familiengruft, Rittersaal mit freigelegtem Familienwappen aus dem 16. Jahrhundert, die alten Ganganlagen, Folterkeller und Verlies, Fürstinnenzimmer, der begehbare Tresor, die Rußküche und der Bergfried.

Angebote: Erinnerungsfoto (mit Pressekarte kostenlos), Basteln und Buttons, Lesezelt (analog, digital), Freie-Presse-Erlebnistouren.

Eintritt: Tickets vor Ort für Erwachsene zu 5, Kinder zu 2,50 Euro, mit Pressekarte je 1 Euro Rabatt - für Besucher ohne Pressekarte in gleicher Höhe nach Registrierung unter www.freiepresse.de/ueo2017.

Parkplätze: an der Miniwelt, Chemnitzer Str. 43, Lichtenstein

 
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