Werbung/Ads
Menü

Themen:

Helmut Zagermann tritt für die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands an. Bekannt ist er vor allem als Initiator der Montagsdemonstrationen in Zwickau.

Foto: Ralph Koehler/propicture

Der sture Träumer von der Montagsdemo

Wahl 2017 Sieben Kandidaten bewerben sich im Wahlkreis Zwickau um das Direktmandat für den nächsten Bundestag. "Freie Presse" stellt sie vor. heute: Helmut Zagermann (MLPD/Internationalistisches Bündnis).

Von Sara Thiel und Uta Pasler
erschienen am 12.09.2017

Zwickau. Man soll Menschen nicht unterschätzen. Helmut Zagermann ist unter den sieben Kandidaten im Wahlkreis Zwickau vermutlich der, der am meisten belächelt wird. Wie er Montag für Montag in Zwickau steht. Mit seinen Kampfgenossen, seinem Transparent und seinem Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Frei von Hartz IV, frei von Altersarmut, frei von im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlingen. Die meisten Leute gehen vorbei, lassen ihn links liegen.

Die Handvoll Montagsdemonstranten rufen dennoch Woche für Woche ihren Frust in die Welt hinaus, seit 637 Wochen. Sie hauen der Regierung - ach was: den Mächtigen dieser Welt - ihre Verfehlungen um die Ohren. Halten ihnen vor, dass sie den Menschen die Würde nehmen. Was dagegen hilft, sagt Helmut Zagermann, sind keine Reformen. Das wäre nur ein Herumdoktern am bestehenden System. Zagermann setzt seine Hoffnungen vielmehr auf eine weltweite Revolution. Angesichts dessen vergeht manch einem dann doch das (Be-)Lächeln.

Zagermann, Doktor der Philosophie, Gewerkschafter und im Herzen Proletarier, kämpft für das Gute. Schon lange und noch immer und egal, was andere denken. Um Stimmen für den Bundestag kämpft er auf der Liste der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands. Er selbst spricht lieber vom Internationalistischen Bündnis - und was dann folgt, beim Gespräch am Kaffeetisch kurz vor der nächsten Demo, ist eine Lehrstunde in Marxismus: in Philosophie und Geschichte gleichermaßen.

Dabei wird klar, dass der 77-Jährige kein Kandidat für Ewig-Gestrige ist, die die DDR gern zurück hätten, weil sie sich in ihr so gut eingerichtet hatten. Zagermann, der Wessi, der seit 1997 in Zwickau lebt, wäre trotz seiner marxistischen Überzeugungen kein Mann für den Osten gewesen. Das sagt er selbst. "Ich hätte nicht in die DDR gepasst. Das war doch nichts anderes als einbürokratischer Kapitalismus." Nichts Erstrebenswertes.

Was er anstrebt, hört sich zumindest für einen gelernten DDR-Bürger bekannt an: eine Diktatur des Proletariats - die Herrschaft des arbeitenden Volkes also, und das weltweit. "Aber solche Begriffe sind nicht gern gehört." Denn Diktatur klingt nach Gewaltherrschaft. Und Gewalt lehnt er ab - in gewisser Weise. "Ich bin gegen jede Form von Krawallen. Allerdings bin ich trotzdem dafür, Widerstand zu leisten."

Im Klartext heißt das, er findet es in Ordnung, wenn Arbeiter die Arbeit niederlegen, um ihre Interessen durchzusetzen. "Damit übe ich ja auch Gewalt aus."

Er fand es hingegen nicht in Ordnung, dass während des G-20-Gipfels in Hamburg Autos angezündet wurden. "Das ist doch nicht im Sinne der Arbeiter, die sich so ein kleines Auto gekauft haben."

Helmut Zagermann bezeichnet sich selbst als einen Systemkritiker. Und er ist der Meinung, dass er sehr wohl mit seiner Kritik auf offene Ohren stößt. Auch wenn der geringe Zuspruch bei seinen montäglichen Auftritten einen anderen Eindruck nahelegt: Er findet seine Zuhörer. "Ich höre oft ein ,Weiter so'." Nicht nur von Hartz-IV-Empfängern, sondern auch ausdrücklich von Industriearbeitern, wie sie etwa bei VW angestellt sind. "Meine Leute", nennt er sie und sagt zu seiner Kandidatur: "Meine Leute wollten, dass unsere Themen nicht nur theoretisch besprochen werden." Sondern eben tatsächlich auf die Tagesordnung kommen.

Ein bisschen verwunderlich ist das schon. Immerhin wirbt die MLPD auf den von Zagermann unabhängigen Plakaten auch mit dem Spruch: "VW, RAG (ehemals Ruhrkohle AG, Anm. d. Red.) ... Umweltverbrecher strafrechtlich verfolgen." Aber der Philosoph denkt halt nicht an die Vorstände, sondern an die Arbeiter, von denen es in Zwickau viele gibt. "Eine Malochestadt", beschreibt er seine neue Heimat.

Allerdings lockt er Wähler nicht mit einfachen Lösungen. Dazu ist die Welt, ist auch der Marxismus-Leninismus zu kompliziert. Aber mit Zahlen, sagt der Mann des Wortes, kommt man weit.

Er nennt eine: Fast zwei Milliarden Überstunden machen die Deutschen jährlich - laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Viele davon sind nicht bezahlt. Damit kann er die Leute packen, sagt Zagermann, der nicht davon ausgeht, in den Bundestag einzuziehen. Ihm geht es vor allem darum zu zeigen, dass noch Menschen da sind, die andere Pläne für diese Welt haben. Und das nicht nur einmal in der Woche.

 
Seite 1 von 3
Der sture Träumer von der Montagsdemo
Zur Person
In einem Satz*
 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0

Lesen Sie auch

Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
Bildergalerien
  • 17.11.2017
Jason Bryant
Bilder des Tages (17.11.2017)

Tete-a-Tete, Englisches Wetter, Weihnachtsmann-Seminar, Elefant an der Wand, Öko-Klo, Auf der Zugspitze, Aus dem Busch ... ... Galerie anschauen

 
  • 16.11.2017
Marius Becker
Neue Kunstmesse Art Düsseldorf feiert Premiere

Düsseldorf (dpa) - Die Premiere wurde mit Spannung und vor allem aus Köln argwöhnisch beobachtet: Die neue Kunstmesse Art Düsseldorf will den Kunstmarkt im Westen aufmischen. Kaum haben sich die Tore zu den ehemaligem Fabrikhallen im Areal Böhler am Donnerstag geöffnet, strömen bereits Sammler und Kunstinteressierter durch die Gänge. zum Artikel ... Galerie anschauen

 
  • 16.11.2017
Ellen Liebner
Altchrieschwitz : Scheune geht in Flammen auf

Plauen. Knapp drei Jahre nach der Aufsehen erregenden Brandserie in Altchrieschwitz hat es in dem Plauener Stadtteil erneut einen Großbrand gegeben. ... Galerie anschauen

 
  • 16.11.2017
Uncredited
Mugabe verhandelt nach Putsch in Simbabwe mit Militärführung

Harare (dpa) - Nach dem Militärputsch in Simbabwe ist die politische Zukunft des Landes weiter ungewiss: Der unter Hausarrest gestellte Präsident Robert Mugabe verhandelte mit der Militärführung, während die Opposition seinen Rücktritt und Neuwahlen forderte. zum Artikel ... Galerie anschauen


 
 
 
 
 
 
Wetteraussichten für Werdau
Sa

4 °C
So

4 °C
Mo

6 °C
Di

8 °C
Mi

9 °C
 
Unsere Youtube-Videos

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Freie Presse Immobilien
Immobilienangebote für Werdau und Umgebung

Finden Sie Ihre Wohnung in der Region Werdau

Immobilienportal

Mietangebote

Kaufangebote

 
 
 
 
Online Beilagen

Die aktuellen Angebote von Ihrem Media Markt Meerane

Mega-Geburtstags-Deals - 11 Jahre Media Markt Meerane

 
 
 
 
Ärztliche Notdienste
Apotheken und Ärzte der Region

Manchmal muss es schnell gehen. Notrufe und Notdienste der Apotheken und Ärzte finden Sie hier.

weiterlesen
 
 
 
 
Freie Presse vor Ort

08412 Werdau
Markt 32
Telefon: 03761 18960
Öffnungszeiten:
Mo./Di./Do. 9.00 - 13.00 Uhr u. 14.00 - 17.30 Uhr, Mi./Fr. 9.00 - 13.00 Uhr

weiterlesen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm