Der sture Träumer von der Montagsdemo

Wahl 2017 Sieben Kandidaten bewerben sich im Wahlkreis Zwickau um das Direktmandat für den nächsten Bundestag. "Freie Presse" stellt sie vor. heute: Helmut Zagermann (MLPD/Internationalistisches Bündnis).

Zwickau.

Man soll Menschen nicht unterschätzen. Helmut Zagermann ist unter den sieben Kandidaten im Wahlkreis Zwickau vermutlich der, der am meisten belächelt wird. Wie er Montag für Montag in Zwickau steht. Mit seinen Kampfgenossen, seinem Transparent und seinem Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Frei von Hartz IV, frei von Altersarmut, frei von im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlingen. Die meisten Leute gehen vorbei, lassen ihn links liegen.

Die Handvoll Montagsdemonstranten rufen dennoch Woche für Woche ihren Frust in die Welt hinaus, seit 637 Wochen. Sie hauen der Regierung - ach was: den Mächtigen dieser Welt - ihre Verfehlungen um die Ohren. Halten ihnen vor, dass sie den Menschen die Würde nehmen. Was dagegen hilft, sagt Helmut Zagermann, sind keine Reformen. Das wäre nur ein Herumdoktern am bestehenden System. Zagermann setzt seine Hoffnungen vielmehr auf eine weltweite Revolution. Angesichts dessen vergeht manch einem dann doch das (Be-)Lächeln.

Zagermann, Doktor der Philosophie, Gewerkschafter und im Herzen Proletarier, kämpft für das Gute. Schon lange und noch immer und egal, was andere denken. Um Stimmen für den Bundestag kämpft er auf der Liste der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands. Er selbst spricht lieber vom Internationalistischen Bündnis - und was dann folgt, beim Gespräch am Kaffeetisch kurz vor der nächsten Demo, ist eine Lehrstunde in Marxismus: in Philosophie und Geschichte gleichermaßen.

Dabei wird klar, dass der 77-Jährige kein Kandidat für Ewig-Gestrige ist, die die DDR gern zurück hätten, weil sie sich in ihr so gut eingerichtet hatten. Zagermann, der Wessi, der seit 1997 in Zwickau lebt, wäre trotz seiner marxistischen Überzeugungen kein Mann für den Osten gewesen. Das sagt er selbst. "Ich hätte nicht in die DDR gepasst. Das war doch nichts anderes als einbürokratischer Kapitalismus." Nichts Erstrebenswertes.

Was er anstrebt, hört sich zumindest für einen gelernten DDR-Bürger bekannt an: eine Diktatur des Proletariats - die Herrschaft des arbeitenden Volkes also, und das weltweit. "Aber solche Begriffe sind nicht gern gehört." Denn Diktatur klingt nach Gewaltherrschaft. Und Gewalt lehnt er ab - in gewisser Weise. "Ich bin gegen jede Form von Krawallen. Allerdings bin ich trotzdem dafür, Widerstand zu leisten."

Im Klartext heißt das, er findet es in Ordnung, wenn Arbeiter die Arbeit niederlegen, um ihre Interessen durchzusetzen. "Damit übe ich ja auch Gewalt aus."

Er fand es hingegen nicht in Ordnung, dass während des G-20-Gipfels in Hamburg Autos angezündet wurden. "Das ist doch nicht im Sinne der Arbeiter, die sich so ein kleines Auto gekauft haben."

Helmut Zagermann bezeichnet sich selbst als einen Systemkritiker. Und er ist der Meinung, dass er sehr wohl mit seiner Kritik auf offene Ohren stößt. Auch wenn der geringe Zuspruch bei seinen montäglichen Auftritten einen anderen Eindruck nahelegt: Er findet seine Zuhörer. "Ich höre oft ein ,Weiter so'." Nicht nur von Hartz-IV-Empfängern, sondern auch ausdrücklich von Industriearbeitern, wie sie etwa bei VW angestellt sind. "Meine Leute", nennt er sie und sagt zu seiner Kandidatur: "Meine Leute wollten, dass unsere Themen nicht nur theoretisch besprochen werden." Sondern eben tatsächlich auf die Tagesordnung kommen.

Ein bisschen verwunderlich ist das schon. Immerhin wirbt die MLPD auf den von Zagermann unabhängigen Plakaten auch mit dem Spruch: "VW, RAG (ehemals Ruhrkohle AG, Anm. d. Red.) ... Umweltverbrecher strafrechtlich verfolgen." Aber der Philosoph denkt halt nicht an die Vorstände, sondern an die Arbeiter, von denen es in Zwickau viele gibt. "Eine Malochestadt", beschreibt er seine neue Heimat.

Allerdings lockt er Wähler nicht mit einfachen Lösungen. Dazu ist die Welt, ist auch der Marxismus-Leninismus zu kompliziert. Aber mit Zahlen, sagt der Mann des Wortes, kommt man weit.

Er nennt eine: Fast zwei Milliarden Überstunden machen die Deutschen jährlich - laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Viele davon sind nicht bezahlt. Damit kann er die Leute packen, sagt Zagermann, der nicht davon ausgeht, in den Bundestag einzuziehen. Ihm geht es vor allem darum zu zeigen, dass noch Menschen da sind, die andere Pläne für diese Welt haben. Und das nicht nur einmal in der Woche.


Zur Person

Geboren wurde Helmut Zagermann 1940 in Düsseldorf. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie, die in beiden Weltkriegen Opfer zu beklagen hatte. Als Kleinkind erlebte er den Krieg über große Strecken im Luftschutzkeller. Er sagt: "Es waren harte Jahre für die Familie. Wir wurden ausgebombt, und die Familie verlor die bewegliche Habe." Aus dieser Zeit stammt seine politische Einstellung - seine antiimperialistische Grundüberzeugung, wie er es nennt. Er war 1982 Gründungsmitglied der MLPD.

Studiert hat er Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte, unter anderem in Tübingen. Um das Studium zu finanzieren, hat er immer wieder gearbeitet. "Ich habe beispielsweise Motorblöcke gebaut oder Transmissionsriemen in Kraftwerke eingebaut", sagt der Mann, der seit 41 Jahren in der Industriegewerkschaft Metall aktiv ist. Er engagiert sich auch seit Langem für außerbetriebliche Gewerkschaftsarbeit, beispielsweise durch den Verkauf des MLPD-Blattes "Rote Fahne" vor den Werkstoren eines großen Konzerns.

Beruflich fasste er auf dem Kunstmarkt Fuß. Unter anderem arbeitete er als Gutachter für Auktionen. Dass er nie selbst Kunst verkauft hat, darauf ist er stolz, sagt Zagermann. Er kam 1992 in den Osten Deutschlands und hat zunächst in Leipzig gearbeitet. 1997 kam er nach Zwickau und

initiierte hier die Montagsdemos, von denen er in all den Jahren nur gut ein Dutzend verpasst hat. Er ist geschieden. Privat interessiert er sich für Kunst und Kultur und hat Nordic Walking für sich als Hobby entdeckt.


In einem Satz*

1. Wie würden Sie den Zuzug von Migranten nach Deutschland regulieren?

Gar nicht: Migration ist Menschenrecht.

2. Wie lässt sich die Zukunft der deutschen Automobilbranche mit ihren mehr als 800.000 Arbeitsplätzen sichern?

Nur durch konsequente Umstellung auf neue Verfahren - und damit meine ich Dinge wie Elektromobilität und Wasserstoffantriebe.

3. Welche war die schlechteste Entscheidung des Bundestages in den vergangenen vier Jahren?

Die Verschärfung der Asylgesetze habe ich als einen Rechtsruck der Regierung empfunden.

4. Wie stehen Sie zur beschlossenen Ehe für alle?

Ich bin dafür, dass die Menschen zusammenleben können, die das wollen - die bisherige Regelung möchte ich als Diskriminierung beschreiben.

5. Was halten Sie von Auslandseinsätzen der Bundeswehr?

Die lehne ich generell ab. * Die ersten drei Fragen bekommen alle Kandidaten gestellt, die anderen sind individuell.

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