Geschichtsträchtiger Ort im Rathaus

Wie sich Werdau und seine Ortsteile verändert haben. Heute: Ratskeller (Folge 101)

Werdau.

Der letzte Beitrag der Artikelserie "Werdauer Postkartengeschichten" soll den Kreis schließen und wieder zum Ausgangspunkt der Serie zurückkehren - dem Werdauer Rathaus. Jenes wurde bekanntlich am 26. April 1911 im Beisein des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. eingeweiht. Am gleichen Tag öffnete auch das im Kellergeschoss liegende Restaurant "Ratskeller" seine Pforten, das gegenwärtig geschlossen ist. Seien mir abschließend also einige Ausführungen zur Geschichte des Ratskellers gestattet.

Seit Alters her, vermutlich schon seit etwa 1400, besaß der Rat der Stadt Werdau das Salz-, Bier- und Weinschankrecht. Bereits in den Vorgängerbauten des heutigen Werdauer Rathauses gab es Ratskeller mit Schankbetrieb. Die erste Erwähnung eines Werdauer Rats-Weinkellers ist eine kurfürstliche Urkunde vom 24. August 1545. Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen gestattete damals dem Werdauer Rat, kleinere Verstöße gegen die guten Sitten, Misshandlungen oder Verbrechen im Ratskeller selbst bestrafen zu dürfen. Im Falle der Erhebung einer Klage aber seien unbedingt der Amtmann oder das kurfürstliche Amtsgericht zu Rate zu ziehen. Diesen Amtspersonen musste auch Einsicht in die Gebührenlisten gewährt werden.

Als die verschiedenen Werdauer Rathäuser durch Kriege und Brände Schäden erlitten, war auch stets der Ratskeller mit betroffen. Besonders die Einquartierung von rohem Kriegsvolk während des Dreißigjährigen Krieges brachte dem Haus viel Unglück. Als Zeichen des Schankrechts waren an beiden Seiten des Eingangs Weinkränze angebracht. Jene wurden im Jahre 1801 repariert und angestrichen.

Als im 19. Jahrhundert mehr Verwaltungsräume im alten Rathaus benötigt wurden, musste zunächst der Tanzsaal im oberen Geschoss weichen. 1871/72 wurde dann der alte Ratskeller in eine Stadtsteuereinnahme und Sparkasse umgewandelt. Fast 40 Jahre lang hatte nun Werdau keinen Ratskeller. Im Zuge des Rathausneubaus an der Ecke Markt/Burggasse beschlossen die Stadtverordneten am 16. September 1910 mit neun gegen sieben Stimmen, dass im neuen Rathaus die alte Tradition des Ratsschankes wieder aufgenommen werden soll. Als Standort des neuen Ratskellers waren die holzvertäfelten Gewölberäume im linken Teil des Kellergeschosses vorgesehen. Neben den Gasträumen umfasste der Ratskeller auch Wirtschaftsräume.

Für die Ausstattung des Ratskellers speziell wurden auch eigene Kunstwerke in Auftrag gegeben. Neben bleiverglasten Fenstern enthielt die große Schankstube zwei großformatige Historiengemälde des Münchner Malers S. B. Schmitz, zum einen eine Ölkopie des historischen Dilich-Stichs von 1628 mit der ältesten überlieferten Gesamtansicht der Stadt Werdau, zum anderen eine Ansicht der Stadt Werdau im Jahre 1836, gesehen vom gleichen Standpunkt auf dem Schützenhausberg aus. Beide Gemälde befinden sich heute im Stadt- und Dampfmaschinenmuseum und sind neben dem Stadtmodell Bestandteil der stadtgeschichtlichen Ausstellung.

Die Einweihung des Ratskellers am 26. April 1911 erfolgte durch ein großes Festessen für 20 geladene Gäste, die sogenannte Königstafel. Zum Menü gehörten unter anderem Schildkrötensuppe, Lachs als Fischspeise, Spießerrücken, Poularde und auserlesene Nachspeisen. Bürgermeister Rudolph brachte einen Trinkspruch auf den besonderen Ehrengast König Friedrich August aus. Anlässlich der 100-jährigen Wiederkehr der Rathausweihe 2011 stand dieses Festmenü erneut auf der Speisekarte. Erster Betreiber des neuen Ratskellers war Emil Knoch, danach 1926-1929 Karl Schimmel. Für 1937 ist der in der Burgstraße 11 wohnende Alfred Beier als Pächter nachgewiesen. Nach 1945 kam der "Ratskeller" in die Verwaltung der HO. In dieser Zeit wurde seine historische Einrichtung teilweise entfernt. 1990 übernahm Ullrich Müller die Gaststätte als Pächter, ihm folgte Rigo Reuter. Der machte Anfang 2015 die Schotten dicht. Der Grund: Ein Sanierungsstau im Gebäude, der unter anderem Toiletten und Umkleideräume des Personals betrifft, rief immer wieder Mitarbeiter der Lebensmittelhygiene des Landratsamtes auf den Plan. Der Stadt als Eigentümerin fehlte das Geld, die Schäden zu beheben. So ist die Zukunft der Traditionsgaststätte offen.

Es geht weiter Die Serie wird im kommenden Jahr fortgesetzt. Dann erscheinen jeden Samstag "Crimmitschauer Postkartengeschichten", erzählt von Holger Norden.


"Ein Buch mit den Postkartengeschichten ist in Vorbereitung"

Michael Kellner hat zwei Jahre lang die "Werdauer Postkartengeschichten" geschrieben. Heute endet die Serie. Uwe Mühlhausen sprach mit dem Autor.

Freie Presse: Welche Folge der 101 Postkartengeschichten ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Michael Kellner: Die Folge zu den Villen am Schützenhausberg in Werdau, weil es darüber kaum Unterlagen gibt. Das ist in Crimmitschau beispielsweise ganz anderes. Da gibt es zu den alten Fabrikantenvillen mehrere Publikationen, die bei den Recherchen hilfreich sind.

Welche Quellen haben Sie für die Postkartengeschichten genutzt?

Verschiedene. Da wären zum Beispiel die "Werdauer Adressbücher" zu nennen oder die Chronik der Stadt Werdau. Aber auch der "Werdauer Stadtanzeiger" oder die "Werdauer Heimatbilder" dienten für meine Recherchen als Quellen.

Bei welchen Beitragen waren die Recherchen am einfachsten?

Bei den Postkarten mit Ansichten aus Steinpleis. Als Ortschronist von Steinpleis besitze ich einen großen Fundus mit umfangreichen Material. Ganz anders sah das beispielsweise bei Postkarten mit Motiven aus dem Ortsteil Königswalde aus. Da waren die historischen Unterlagen spärlich.

Die Postkarten, zu denen die Geschichten erzählt wurden, stammen aus dem Bestand der Werdauer Museums. Wer hat die Motive ausgewählt?

Als die Serie im Januar 2016 begann war ich als Bufdi im Museum tätig und konnte in Absprache mit dem Leiter des Hauses eine Auswahl treffen. Danach war ich einmal pro Woche im Museum, um eine Karte auszuwählen. Das Museum besitzt schätzungsweise 1500 regionale Postkarten.

Wie lange dauerten die Recherchen für jeder Folge?

Das ist unterschiedlich gewesen, je nach Motiv. Im Durchschnitt habe ich für jeden Beitrag zwischen drei und vier Stunden Freizeit investiert.

Zwei Jahre lang waren jeden Samstag die Postkartengeschichten ein fester Bestandteil der "Werdauer Zeitung". Wie war die Resonanz?

Ich gab lobende Worte, aber auch einige kritische und ergänzende Hinweise von Nachfahren der in den einzelnen Beträgen erwähnten Personen.

Zahlreiche Leser haben sich die "Werdauer Postkartengeschichten" in Buchform gewünscht. Wird es dieses geben?

Ja, das ist bereits in Vorbereitung. In dem werden alle 101 Folgen zusammengefasst und in die Hinweise, die im Nachhinein kamen, in die Folgen auch eingearbeitet.

Steht der Erscheinungstermin schon fest?

Das wird erst im Herbst 2018 sein. Als Ortchronist bin ich ab Januar intensiv in die Vorbereitungen der 700 Jahr-Feier von Steinpleis eingebunden, die im Juni gefeiert werden wird.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...