Politik beeinflusst Areal enorm

Wie sich Werdau verändert hat. Heute: Gedächtnisplatz (Folge 29)

Werdau.

Die historische Postkarte stammt aus dem Jahr 1925 und zeigt den Werdauer Gedächtnisplatz nach seiner Umgestaltung. Den Mittelpunkt bildete das Ehrenmal für die Gefallenen des Infanterieregiments 105 des kaiserlichen Heeres. Das war bis 1918 gleichzeitig das 6. Königlich Sächsische Infanterieregiment mit dem Stab in Chemnitz. Aufgrund der Organisationsstruktur des Heeres leisteten die meisten Werdauer Wehrpflichtigen ihren Dienst in diesem Regiment. Obwohl Werdau keine Garnisonsstadt war, wurde während des Ersten Weltkrieges das 1. Ersatz-Bataillon des 105er-Regiments in Werdau stationiert. Am 20. November 1914 trafen die ursprünglich in Straßburg stationierten Soldaten in Werdau ein und blieben bis Kriegsende in ihren hiesigen Quartieren. Der Bataillonsstab befand sich in der späteren Fröbelschule (heute Gymnasium Haus II). Insgesamt fielen dem Ersten Weltkrieg 774 Werdauer zum Opfer.

Hauptinitiator des 105er-Ehrenmals war der "Stahlhelm" (Bund deutscher Frontsoldaten), der seit März 1924 eine eigene Werdauer Ortsgruppe besaß. Das Ehrenmal war jedoch von Anfang an umstritten. 1923 schuf der Berliner Bild- hauer Hans Dammann (1867-1942) den insgesamt 35 Tonnen schweren Denkmalskörper. Über einem dreistufigen Fundament erhob sich ein würfelförmiger Sockel. Dieser wurde von einer vollplastischen monumentalen Sitzfigur gekrönt, die einen muskulösen Krieger mit freiem Oberkörper und Stahlhelm darstellte, der den Kopf trauernd auf seinen linken Arm stützte. Außerdem beinhaltete die Komposition einen Lorbeerkranz als Symbol ewigen Ruhms und Gedenkens. Die Weihe war für den 2./3. Juni 1923 vorgesehen. Da die Regierung Zeigner in dieser innenpolitisch konfliktreichen Zeit Ausschreitungen zwischen den politischen Lagern fürchtete, erließ sie für den Juni 1923 ein Verbot öffentlicher Feierlichkeiten. Im Garten des Schützenhauses kam es letztendlich doch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit kommunistischen Gegnern des Denkmals. Dessen feierliche Weihe erfolgte schließlich erst ein reichliches Jahr nach seiner Fertigstellung anlässlich des Regimentstages der 105er am 26./27. Juli 1924 in Werdau. Alljährlich wurde das Denkmal nun zu einem Treffpunkt des konservativen und rechten Lagers und zum Mittelpunkt von Kranzniederlegungen. 1946 veranlasste der KPD-Bürgermeister Gerhard Thiemann, 1923 schon ein Gegner des Denkmals, auf Anordnung der übergeordneten Organe dessen völlige Beseitigung.

Entsprechend den völlig veränderten neuen historischen Bedingungen wurde der Gedächtnisplatz in Leninplatz umbenannt. Eine Neugestaltung der Anlagen erfolgte in Vorbereitung des 15. Jahrestages des Kriegsendes. Von 1950 bis 1966 war der 8. Mai als "Tag der Befreiung" ein gesetzlicher Feiertag. Zu diesem Anlass schuf der Zwickauer Bildhauer Edmund Schorisch im hinteren Teil der Anlage ein Ehrenmal im Stil der sowjetischen Memorialplastik. Es hat die Gestalt einer Mauer, in deren Mitte sich ein Halbrelief mit sieben Figuren befindet. Dieses zeigt unter anderem drei Rotarmisten, von denen einer das Kleinkind einer deutschen Familie im Arm hält. Die Art und Weise der Darstellung sollte also bewusst die Sowjetarmee nicht vorrangig als Sieger und Besatzungsmacht zeigen, sondern die deutsch-sowjetische Freundschaft betonen. Der Raum um das Denkmal wurde als Freifläche gestaltet, mit Blumenrabatten umgeben und durch Treppen mit der dahinter vorbeiführenden Straße verbunden. Anstelle der Hecken traten nun einfache Rasenborde. Die feierliche Einweihung dieses auch als OdF-Denkmal bezeichneten Monuments erfolgte am 8. Mai 1960 in Anwesenheit eines Vertreters der sowjetischen Garnison Glauchau. Auch dieses Denkmal wurde nun alljährlich Schauplatz von Manifestationen und Kranzniederlegungen, so beispielsweise auch zum 100. Geburtstag Lenins im April 1970. Nach 1990 erhielt der Platz wieder seinen alten Namen Gedächtnisplatz zurück. Das Ehrenmal wurde an seinem angestammten Platz belassen und die Treppen erneuert. Es ist jedoch heute im Bewusstsein der Werdauer fast vergessen.

Den gesamten Hintergrund des Bildes nimmt das 1921 errichtete neue Gebäude der Papierhülsen- und Spulenfabrik A. Schneider ein. Die Gründung der Firma erfolgte 1868 am Brühl. Ferdinand Schneider kaufte 1879 die ehemalige Naundorfsche Spinnerei an der Ostseite des Königsplatzes für 33.300 Mark und richtete hier seine Papierhülsenfabrik ein. Er ließ auch das Eckhaus zum Schützenhausberg (Königsplatz 2) errichten. Sein Sohn Wilhelm Schneider war ein versierter Erfinder und Konstrukteur. 1898 erhielt er ein Patent für konische Hülsen und wurde dadurch über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Der Betrieb hieß im Volksmund "Tutel-Schneider" nach einer anderen Bezeichnung für die Papphülsen. Die alten Fabrikgebäude im Hintergrund wurden 1929 durch einen Brand schwer beschädigt. In den 1950er-Jahren verstaatlicht, firmierte der Betrieb unter der Bezeichnung VEB Plast- und Metallverarbeitung und wurde einem Kombinat in Halle zugeordnet. 1991 wurde der Betrieb abgewickelt, und das gut erhaltene Fabrikgebäude stand leer. Ein Plan aus dem Jahr 1999 sah vor, das Gebäude einer neuen Verwendung zuzuführen. Ein Investor bot sich an, hier ein Seniorenheim einzurichten. Nach längeren Verhandlungen wurde das Fabrikgebäude schließlich doch abgebrochen.

Ganz rechts, nicht mehr im Bild sichtbar, bildete die Maschinenfabrik C.E. Schwalbe den südlichen Abschluss des Gedächtnisplatzes. Die Firma wurde 1849 als kleine Eisenhandlung am Markt gegründet. 1859 erwarb Eli Schwalbe das gesamte Gelände südlich des Ziegelteiches und baute hier eine Fabrik und mehrere Wohnhäuser. Die zu Weltgeltung aufgestiegene Firma wurde 1945 demontiert und als VEB Spinnereimaschinenbau volkseigen. 2008 erfolgten großflächige Abbrucharbeiten unter Beibehaltung von Teilen der historischen Bausubstanz. Am 12. November 2009 wurde hier das Fachmarktzentrum Schwalbe eröffnet.

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1Kommentare
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    Interessierte
    30.07.2016

    Eine sehr schöne ,momentan nicht blühende Landschaft mit einem Rhododendron- Busch ...
    Aber wo ist denn das Gebäude hin ?



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