Als Shopping noch "zum Schocken" hieß

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 32: ehemalige Schocken-Kaufhäuser.

Zwickau.

Das jüdische Unternehmen Schocken mit Sitz in Zwickau galt als eine der fünf größten Warenhausketten in Deutschland. Von den Nazis wurde es arisiert und in Merkur AG umbenannt. "Zum Schocken" ging man einst auch in Nürnberg, Stuttgart und Chemnitz. Bis heute lebt dort der Name Schocken in der Bevölkerung fort. Was wurde aus diesen Filialen?

Nürnberg, Aufseßplatz: Im Arbeiterviertel Südstadt baute der renommierte Architekt Erich Mendelsohn (1887-1953) eine alte Fabrik zum Kaufhaus um. Zur Eröffnung im Oktober 1926 nahmen tausende Menschen das moderne Gebäude in Augenschein. Mit klaren Linien, funktionaler Struktur und großen Fensterfronten sorgte es für Diskussionsstoff, überzeugte die Massen aber letztlich mit dem vielfältigen und erschwinglichen Angebot.

1953 verkaufte Salman Schocken den zurückerlangten Besitz an "Merkur, Horten & Co.". Das Nürnberger Merkur wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut, erweitert und verlor sein ursprüngliches Erscheinungsbild. In den 1960er-Jahren erhielt es eine Eiermann-Fassade - benannt nach dem Architekten Egon Eiermann, der zu dieser Zeit Warenhäuser der Horten AG mit wabenartigen Elementen verkleidete.

Ab 1975 hieß das Haus offiziell "Horten", und direkt vor den Türen eröffnete die U-Bahn-Station "Aufseßplatz". Die Metro machte allerdings auch die Innenstadt und das Franken-Center am Stadtrand schneller erreichbar. Ausbleibende Investitionen beschleunigten den Abstieg des Warenhauses, das 2004 in "Galeria Kaufhof" umbenannt wurde und 2012 schloss. Seitdem steht der Komplex leer und wird teilweise zwischengenutzt, etwa vom Kulturzentrum "ArtiSchocken".

2016 hat Edeka die Immobilie erworben. Medienberichten zufolge will Edeka das Gebäude abreißen und ein Stadtteilzentrum mit Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistungsangeboten errichten. Als möglicher Name ist "Schocken-Center" im Gespräch.

Stuttgart, Eberhardstraße: Dieses Mendelsohn-Gebäude wurde in Stahlskelett-Bauweise errichtet und eröffnete am 2. Oktober 1928 in exponierter Innenstadtlage. Das Kaufhaus gilt als herausragendes Beispiel des Neuen Bauens: Der Werkbund-Architekt kombinierte Sachlichkeit und Funktionalität mit halbrundem Turmvorbau an der Ecke zur Hirschstraße. Ein raffiniertes Lichtkonzept ließ das Haus mit den langen Fensterreihen nachts wie ein Negativ der Tagansicht wirken. Der aus 2,3 Meter hohen Leuchtbuchstaben bestehende Schriftzug "SCHOCKEN" zeugte vom Selbstbewusstsein des Zwickauer Konzerns. Für die Gäste gab es eine Cafeteria, für die Mitarbeiter eine Bibliothek.

Das trotz Kriegsschäden bereits 1945 wieder in Betrieb genommene Warenhaus wurde 1960 dem Konzept einer autogerechten Stadt geopfert, um die Eberhardstraße verbreitern und einen Neubau planen zu können. Horten forcierte den Abbruch mit Verweis auf fehlende Rolltreppen und Klimaanlagen sowie zu viel ungenutzten Raum, etwa im Treppenhausturm. Im In- und Ausland formierte sich Protest. Der "Spiegel" berichtete 1959 auf drei Seiten über den Architekturstreit. Horten drohte mit Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe, sollte das Kaufhaus zum Denkmal erklärt werden. Schließlich setzte sich der Konzern durch und ließ von Egon Eiermann einen neuen Konsumtempel mit Parkhaus planen.

Der wuchtige Komplex gilt aus heutiger Sicht als irreparable Bausünde und Fremdkörper im städtischen Gefüge. Der "Club Schocken" an der Hirschstraße 36 - bei Nachtschwärmern eine bekannte Adresse - nimmt im Namen Bezug auf das verschwundene Kaufhaus.

Chemnitz, Brückenstraße: Mendelsohns neungeschossiger Stahlbetonskelettbau wird in Fachkreisen als Ikone der Klassischen Moderne bezeichnet. Seine Front - eine nichttragende Vorhangfassade - ist gebogen und wird wieder durch lange Fensterreihen geprägt. Diese horizontalen Linien brach der Architekt mit seitlich angeordneten Treppenhäusern. Das Warenhaus war mit Rolltreppen und Aufzügen ausgestattet und besaß größere Verkaufsräume durch Verzicht auf einen Lichthof. "SCHOCKEN"-Schriftzüge wurden über den vier Eingängen montiert und waren zurückhaltender als in Stuttgart. Der Chemnitzer Bau sollte noch stärker für sich selbst sprechen. Das Tag-Nacht-Lichtkonzept für die Fassade wurde übernommen. In Sachsen wurden die Merkur-Filialen nach dem Krieg enteignet und dem Verband Sächsischer Konsumgenossenschaften angeschlossen. Das wenig beschädigte Chemnitzer Gebäude hat auch die DDR, wo es als Centrum-Warenhaus genutzt wurde, und den Neubau-Boom nach der Wende überstanden. Von der Kaufhof-Kette übernommen, schloss es jedoch 2001 und stand anschließend 13 Jahre leer.

Am 15. Mai 2014, auf den Tag genau 84 Jahre nach der Kaufhaus-Einweihung, öffnete hier nach umfangreicher Sanierung das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz (SMAC) seine Pforten. Eine eigenständige Ausstellung im Erker widmet sich auf drei Etagen der Geschichte des Warenhaus-Konzerns aus Zwickau. Im Erdgeschoss begrüßt das "Café Schocken" die Chemnitzer und ihre Gäste.

Das Kaufhaus Doblouggården in Oslo ähnelt dem Chemnitzer Schocken. Es wurde 1932/33 nach Mendelsohn-Plänen durch den norwegischen Architekten Rudolf Emanuel Jacobsen an der Straße Dronningensgate 40 errichtet und beherbergt heute einen Elektronikfachmarkt - eine nachahmenswerte Nutzungsidee für das leerstehende Zwickauer Schocken-Kaufhaus.

www.zwickautopia.de

www.freiepresse.de/spuren

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