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Mario Pecher lässt die Seele gern an der Koberbachtalsperre baumeln.

Foto: Sven Frommhold

Angel-Idylle statt Schulz-Zug

Wahl 2017: Sieben Kandidaten bewerben sich im Wahlkreis Zwickau um das Direktmandat für den nächsten Bundestag. "Freie Presse" stellt sie vor. Letzter Teil: Mario Pecher (SPD).

Von Michael Stellner und Sven Frommhold
erschienen am 14.09.2017

Zwickau. Drei Tage vorm Wahl- forum im "Alten Gasometer", wo er bei der Probeabstimmung keine einzige Zuschauerstimme bekommen wird, sitzt Mario Pecher an der Koberbachtalsperre beim Angeln. Das ist seine Art der Entspannung. Dorthin zieht er sich zurück, wenn es wieder einmal hektisch wird zwischen Landtag in Dresden, Kreistag in Glauchau, Stadtrat in Zwickau und Familie in Hartmannsdorf. Nur der Blick aufs Wasser, den Grill und ein paar Flaschen Bier, mehr braucht er nicht, um den Akku wieder aufzuladen, sagt er.

Gute Nerven braucht er im Wahlkampf mehr denn je. Pecher wird im Netz angefeindet, mit seiner Mutter liegt er im Dauer-Rechtsstreit, und bei der Wahl zur Landesliste der Sachsen-SPD erhielt er mit 72 Prozent für seinen ohnehin aussichts- losen Platz 10 das zweitschlechteste Ergebnis aller Genossen. Parteifreunde führen das auf seine Ehe mit der CDU-Landtagskollegin Kerstin Nicolaus zurück. Pecher selbst sagt: "Mit einer CDU-Abgeordneten verheiratet zu sein, macht einen bestimmt nicht dümmer."

An der Kober ist er allein, wenn nicht gerade einer seiner Söhne vorbeischaut. "Für die Kerstin ist Angeln nichts, die werde ich nie dazu kriegen", sagt er. Wie die beiden eigentlich zusammengefunden haben? "Ich habe einmal miterlebt, wie sie von ihren CDU-Leuten im Landtag zusammengefaltet worden ist, weil sie in einer Sache zu sozial argumentiert hat. Da hat sie mir leid getan." 2007 auf dem Sportlerball in der "Neuen Welt" forderte er sie dann zum Tanzen auf. "Und das konnte die Kerstin gar nicht. ,Wir gehen jetzt gemeinsam in die Tanzschule', habe ich gesagt. Und dann war es so weit." Geheiratet hat das Paar am 30. Dezember 2014.

Der automatische Bissmelder an der Angel brummt, Pecher blickt aufs Wasser. "Jetzt zieht einer dran", sagt er. Nach wenigen Sekunden hört das Ziehen auf. Der Fisch hat es sich anders überlegt.

Dass er im Wahlkreis Zwickau für die SPD zur Bundestagswahl antritt, ist aus der Not geboren, auch wenn die Genossen das so deutlich nicht sagen mögen. "Mario Pecher versteht sein Handwerk und hat Ahnung, wovon er spricht. Deswegen haben wir ihn nominiert", sagt Kreischef Andreas Weigel. Dass sich kein vergleichbarer Kandidat aufgedrängt hat, gehört aber auch zur Wahrheit. Als Notnagel will Pecher sich trotzdem nicht sehen. Er bezeichnet seine Kandidatur als Dienst an der Partei. "Seit 25 Jahren lebe ich von der SPD, als Geschäftsführer, später Abgeordneter. Da gehört es sich, einzuspringen."

Im Landtag ist er eigentlich gut ausgelastet, dort hat er den Vorsitz im Innenausschuss inne und gilt als Finanzexperte. Würde er mit diesem Hintergrund tatsächlich den Abgeordnetenstuhl in Dresden mit dem in Berlin tauschen? "Klar", sagt er. "Dort gibt es einen Job zu machen."

Wenn man ihm zuhört, wird klar, dass er kein romantisches Verständnis von Politik hat, sondern ein pragmatisches. Nächtelange Sitzungen, zähes Feilschen, Handwerk eben. "Wenn Besuchergruppen in den Landtag kommen, sage ich immer: Ich bin der, der mit Geld umgeht, und zwar gerne und ganz viel. Die Leute lachen dann", sagt er.

An der Talsperre ist es dunkel geworden. Noch immer hat kein Fisch angebissen. Nicht schlimm, sagt Pecher. "Angeln ist eine Mischung aus Jagdfieber und Camping." Ihm gehe es mehr ums Camping. Und die beste Bisszeit komme erst später in der Nacht. Das Jagdfieber hat irgendwie auch die gesamte SPD verlassen. "Der Schulz-Zug ist mit Volldampf losgefahren, aber hat zu viele Leute am Bahnsteig zurückgelassen", sagt Pecher. Er wünsche sich nur, in Zwickau mehr Zweitstimmen zu schaffen als die SPD im Durchschnitt des Freistaats. Sein persönliches Glück hängt er aber auch daran nicht. "Ich hab' eine Frau, vier Söhne, zwei Enkel, einen Hund und zwei Rasenroboter. Mir geht's blendend", sagt er.

Irgendwann schimpft er, dass viele Leute die Politik einfach nicht begreifen wollen. "Je älter die Menschen werden, desto intoleranter werden sie", hat er beobachtet. Wenn in Marienthal-West Anwohner darauf beharren, dass der geschlossene Lebensmittelmarkt ersetzt werden muss, obwohl dort offenbar kein auskömmlicher Geschäftsbetrieb möglich ist, dann hat er dafür kein Verständnis. "Wenn's einer nicht verstehen will, dann braucht man nichts mehr erklären."

Endlich zuckt die Angelrute, Pecher schnallt sich ein Nachtlicht auf die Stirn und holt die Schnur ein. Ein Kaulbarsch hat angebissen, kaum länger als ein Finger. Es bleibt der einzige Fang in dieser Nacht.

 
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Angel-Idylle statt Schulz-Zug
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