Das weggeworfene gerettete Leben

Ein Gutachter sagte am Mittwoch im Mord- prozess gegen ein junges Zwickauer Pärchen aus. Er beschrieb die beiden zwar als psychisch auffällig, aber nicht als krank.

Zwickau.

Kann man bei schweren Verbrühungen von "Glück" reden? Der Psychiater, der gestern im Landgericht Zwickau sein Gutachten über den 20-jährigen Angeklagten abgab, tat es. Im Alter von acht Jahren war der Junge mit verbrühten Füßen in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Ein Arzt ordnete eine Ganzkörperuntersuchung an, bei der schwerste Misshandlungen festgestellt wurden: unter anderem Würgemale und ein Schädelhirntrauma. "Als Achtjährigem und offenbar auch davor war ihm immer wieder auf den Kopf geschlagen worden", zitierte der Psychiater aus alten Akten und versicherte, dass er mit derart schwerwiegenden Misshandlungen noch nie konfrontiert wurde. Der Angeklagte selbst habe diese Episoden verdrängt.

Der Arzt rettete dem Jungen damals vermutlich das Leben. Das Jugendamt nahm ihn aus der Familie heraus. Doch das Glück des einen wurde trotz fast familiärer Heim- betreuung und gymnasialer Ausbildung zum Unglück eines anderen: Ein 45-Jähriger, der am Abend des 10. November 2017 zur falschen Zeit am falschen Ort in Gera war, wurde von dem 20-Jährigen erstochen, weil der für sich und seine Freundin ein Auto brauchte. Mindestens 15 Stiche sollen es gewesen sein.

Nach Aussagen des Psychiaters war der Angeklagte im Heim auf eine Person, eine Art Ziehmutter, besonders fixiert. Nur wenn sie Urlaub hatte, baute er Mist. Die Betreuerin schätzte ihn als empathiefähig, feinfühlig und sogar überdurchschnittlich intelligent, aber auch als faul ein. Kurz vorm Abitur schmiss er die Schule. Da er mehrere Gelbe Karten übersehen hatte, flog er kurz vor dem regulären Abschied aus dem Heim, berufliche Versuche scheiterten, er rutschte in die Drogenszene ab.

Nach Aussagen des Psychiaters hat der 20-Jährige ein labiles Selbstbild, ist durchaus als intelligent einzuschätzen, trägt aber narzisstische Züge und zeigt eine geringe Anstrengungsbereitschaft. Ihm fehle ein solides Wertefundament, er riskierte, seine wichtigsten Bezugspersonen zu verprellen. Von einer Persönlichkeitsstörung wollte der Gutachter nicht sprechen, weil die sich erst später manifestiere, auf alle Fälle fehle dem Angeklagten aber Reife. Das zu therapieren, so der Psychiater auf Nachfrage des Gerichts, könne Jahre dauern. Eine abgeschlossene Berufsausbildung könne jedoch ganz erheblich zu einem anderen Selbstbild beitragen.

Die 17-jährige Freundin, die mit auf der Anklagebank sitzt und nach Aussagen des 20-Jährigen einen erheblichen Anteil an der Tat hatte, sei durchschnittlich intelligent und sehr unreif, so der Gutachter. Sie wuchs in einem Elternhaus mit drei jüngeren Geschwistern auf. Der Psychiater stellte bei ihr eine Sehnsucht nach Bindung und ein abhängiges Verhalten fest. Bereits als 14-Jährige sei sie mit ihrem ersten Freund ein Jahr länger zusammengewesen als sie wollte - weil er ihr gedroht hatte. Der zweite Freund habe sie geschlagen. Sie habe die Flucht aus Zwickau mit dem Mitangeklagten und einem Dritten nur angetreten, weil sie ihren Freund nicht verlassen wollte.

Weder bei ihr noch bei dem 20-Jährigen konnte der Sachverständige Hinweise auf eine psychische Störung feststellen. Beide wollten eine Einheit werden, das heißt, sich selbst aufgeben, um zusammenzusein. Der Prozess wird fortgesetzt.

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