Die Thoss hoch zu Ross

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 49: eine musikalische Archivperle.

Zwickau.

Die Entertainerin Regina Thoss feierte in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum und ihren 70. Geburtstag. Im Deutschen Rundfunkarchiv findet man eine besondere Archivperle mit der temperamentvollen Rothaarigen: 1988 machte die Zwickauerin die Zuschauer des DDR-Fernsehens mit ihrer Geburtsstadt bekannt. Der musikalische Stadtrundgang begann um 20 Uhr im ersten Programm und trug den Titel ihrer neuen Platte - "Wenn uns die Liebe berührt".

Diese 45-minütige Sendung gehört "zu meinen schönsten und authentischsten Fernseherlebnissen", sagt Regina Thoss. Die Unterhaltungsshow beginnt auf dem Windberg mit einem Schwenk über die dunstbehangene Industriestadt. In einem Autocross-Flitzer der Marke Lada saust "die Thoss" zum "Ringkaffee" ("das Café meiner Teenagerzeit"). Am Eingang zur Inneren Plauenschen Straße, wo es damals einen Brunnen gab, singt sie "Ich trag doch keine Eulen nach Athen". Schaulustige nehmen ihren Star in Augenschein.

Die nächste Szene spielt - passend zum Lied "Schenk uns noch einmal ein" - in den Historischen Weinstuben. Thoss' Eltern, Sohn und Freundinnen werden vorgestellt. Es folgen bekannte Melodien: das Duett "Islands in the Stream" mit Wolfgang Ziegler auf der nächtlichen Hauptstraße, "Erinnerung" aus dem Musical "Cats" im Puppentheater, "Blue Bayou" im Kanu auf dem Wildwasserkanal in Cainsdorf und die Theodorakis-Komposition "Zusammenleben" vor dem Standesamt ("wohl mit eines der schönsten in unserem Land"). "Die Thoss mal hoch zu Ross" (Lied: "Halt mich fest") heißt das Motto im Schwanenteichpark, wo sie zunächst selbst reitet und sich danach mit schulterfreiem Festkleid im Vierspänner kutschieren lässt.

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"Kann mich nicht erinnern, dass es Vergleichbares gab"

Regina Thoss (70), hat bis heute mehr als 200 Tonträger produziert. Im Interview spricht sie über die Fernsehshow in ihrer Geburtsstadt.

Freie Presse: Frau Thoss, wer kam auf die Idee für diese Sendung?

Regina Thoss: Mein Team und ich hatten die Idee, dass es doch mal schön wäre, etwas in der eigenen Stadt auf die Beine zu stellen. Wir schlugen dem Fernsehen vor, die Lieder meines neuen Albums "Wenn uns die Liebe berührt" in Zwickau vorzustellen. Die Sendung sollte "Ein Star und seine Stadt" heißen. Diese Formulierung lief jedoch nur als Untertitel. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass die Verantwortlichen ein großes Problem mit dem Wort "Star" hatten. Darum gab es heiße Diskussionen, weil in der DDR Gleichmacherei auf der Tagesordnung stand. Es war nicht erwünscht, dass man seinen Kopf zu weit aus dem Fenster lehnt.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Aufnahmen?

Das Sprichwort vom Propheten im eigenen Land traf überhaupt nicht zu. Die Leute haben mich wunderbar begrüßt, wollten Fotos und Autogramme. Das war sehr schön und richtig sympathisch, da ich meine Geburts- und Heimatstadt liebe. Darüber habe ich mich gefreut. Die Dreharbeiten im Sommer 1988 dauerten drei Tage. Das Wetter hat mitgespielt.

Welcher Schauplatz hat Ihnen am besten gefallen?

Mir hat es überall gefallen. Ich will keinen Platz hervorheben. Ich war glücklich, dass die Sendung überhaupt gedreht wurde. Es ging darum, die schönen Plätze meiner Heimatstadt zu zeigen, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht und ich mich wohlgefühlt habe. Zum Beispiel sind wir als junge Leute frisch verliebt am Schwanenteich spazieren gegangen. Diese Abendsendung war generell ungewöhnlich und einmalig. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es etwas Vergleichbares mit anderen Kollegen und Städten gab.

Welche Reaktionen haben Sie erhalten?

Aus Zuschriften an die Programmzeitschrift "FF dabei" konnte man entnehmen, dass es den Leuten gefallen hat. Meine Zwickauer haben das sowieso geschaut - auch die Lokalzeitung druckte Briefe ab. Wie bei den Plattenverkäufen hat man aber nie Zahlen erfahren. Einschaltquoten gab es damals nicht. Generell hatte das DDR-Fernsehen starke Konkurrenz durch das Westfernsehen, außer im "Tal der Ahnungslosen".

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