Eine Frau, die faszinierte

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 39: die Neuberin.

Zwickau.

Caroline Friederike Neuber (1697-1760) wäre begeistert: Am Zwickauer Neuberinplatz, benannt nach der Theaterreformerin und Schauspielerin, drehen sich bald die Baukräne. Für rund 14 Millio- nen Euro lässt die Stadt Zwickau das baufällige Gewandhaus, in dem seit 1823 das Theater residiert, sanieren. Von 1702 an verbrachte die Frau ihre Kinder- und Jugendjahre in Zwickau, wo die Familie am Oberen Steinweg (heute Innere Schneeberger Straße) lebte.

Friederike Caroline Weißenborn, so der Mädchenname der Neuberin, stammt aus Reichenbach im Vogtland. Im Geburtshaus erinnert das Neuberin-Museum an ihr Wirken. Das Konzert- und Kulturzentrum "Neuberinhaus" ist eine Spielstätte der Vogtland-Philharmonie. Gedenktafeln an diesen beiden Gebäuden, eine Sandstein-Büste und eine mächtige Neuberin-Buchstaben-Installation vor dem Museum, ein Wandbild im Stadtzentrum, eine Neuberin-Medaille für besondere Verdienste und eine nach ihr benannte Straße zeugen vom Stolz der Stadt auf ihre berühmte Tochter.

1717 floh die junge Frau mit dem Reinsdorfer Lateinschüler und Bauerssohn Johann Neuber vor dem cholerischen Vater Daniel Weißenborn, zunächst Gerichtsdirektor in Reichenbach und danach Advokat in Zwickau, aus der Muldestadt. Ein von der Mäzenin Gisela Meierkord gestifteter Gedenkstein erinnert auf dem Neuberinplatz an die bekannte Bürgerin. Eingraviert ist ihre Aussage "Ich will sie alle im Theater haben, auch die Ihr verachtet". Der Förderverein "Caroline Neuber" setzt sich für das Zwickauer Theater ein.

In Weißenfels schloss sich das Paar, das dann 1718 im Braunschweiger Dom geheiratet hat, der Schauspieltruppe von Christian Spiegelberg an. Vermutlich bei einem Gastspiel im Zwickauer Gewandhaus hatte Caroline Neuber 1715 die wandernden Komödianten kennen gelernt - eine ihrer ersten Berührungen mit der Schauspielkunst. Im Innenhof des Weißenfelser Schlosses Neu-Augustusburg verweist eine Gedenkplatte auf ihr Schaffen: "Hier im Schlosse begann die Neuberin, die Reformatorin des Theaters, 1717 ihre Schauspielerlaufbahn, spielte auch später mehrmals auf der Bühne des Herzogshofes." Später leitete die Neuberin ihre eigene Theatergruppe und gastierte in Städten wie Leipzig, Dresden, Hamburg, Frankfurt, Straßburg, St. Petersburg und Wien. Sie verbannte den Hanswurst - Inbegriff des schlechten Geschmacks - von der Bühne und setzte stattdessen auf künstlerischen Anspruch. Die Stadt Leipzig vergibt seit 1998 alle zwei Jahre den mit 10.000 Euro dotierten Caroline-Neuber-Preis. 2016 erhielt ihn die Theaterregisseurin Monika Gintersdorfer.

Am Leipziger Brühl steht neben dem ehemaligen Konsument-Warenhaus ("Blechbüchse") das Gebäude "Großer Blumenberg", in dem Caroline Neuber einst mit ihrer Gruppe auftrat. Im Fachwerk-Ambiente des Innenhofs befand sich einige Zeit lang das Weinlokal "Zur Neuberin". Es ist inzwischen geschlossen, ein neues Weinrestaurant wurde eröffnet. Eine Gedenktafel von 1964 ist laut der städtischen Internetseite derzeit beim Kulturamt Leipzig eingelagert: "In diesem Haus spielte 1749 Friederike Caroline Neuber, die Neuberin, mit ihrer Truppe. Das Gebäude wurde 1943 im faschistischen Krieg zerstört und im 15. Jahr der Arbeiter- und Bauernmacht 1964 historisch getreu wieder aufgebaut." Eine Gedenktafel und Büste gibt es der Internetplattform leipzig.de zufolge auch im Schauspielhaus.

Johann Wolfgang von Goethe setzte der Neuberin als "Madame de Retti" im 1795/96 erschienenen Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" ein literarisches Denkmal. Trotz ihrer Verdienste um das deutsche Theater war sie während des Siebenjährigen Krieges verarmt in Laubegast bei Dresden gestorben. Konkurrierende Theatergruppen hatten ihr das Publikum abspenstig gemacht. Für die breite Masse war sie zu fortschrittlich.

An der Stelle des Volkshauses Laubegast stand bis 1896 ihr Sterbehaus. Eine Sandsteintafel erinnert dort an die "Mutter der deutschen Schauspielkunst". Das Vorgängermodell aus Kupfer im Wert von rund 2500 Euro war 2012 gestohlen worden. Das Neuberin-Grab gehört zu den bekanntesten Ruhestätten auf dem Friedhof Leuben in Dresden.

Verehrer errichteten in Laubegast bereits 1776 ein Denkmal. Die Inschrift: "Zur Ehrung einer Frau voll männlichen Geistes, der berühmtesten Schauspielerin ihrer Zeit, der Urheberin des guten Geschmackes auf der deutschen Bühne (...)." Der heutige Dresdner Stadtteil ehrt seine bekannte Bewohnerin zudem mit einer Neuberinstraße und der Fähre "Caroline", welche Laubegast mit dem unweit des Fernsehturms gelegenen Stadtteil Niederpoyritz verbindet.

www.zwickautopia.de

www.freiepresse.de/spuren

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