Einst unterwegs auf den Weltmeeren

Zwickau. Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 45: die DDR-Schiffsflotte "Zwickau".

Zwickau.

Im tschechischen Melník, 30 Kilometer nördlich von Prag, liegt in einem Seitenarm der Elbe das Wrack des Binnenfrachters MS Zwickau. Bug und Heck des untergegangenen Schiffes ragen aus dem Fluss heraus. Deutlich zu erkennen ist der Schriftzug "Berenica", wie die "Titanic von Melník" zuletzt hieß. Fast vier Jahrzehnte lang war der 67 Meter lange und acht Meter breite Frachter als Botschafter der Automobil- und Robert-Schumann-Stadt unterwegs. Im Ratsprotokoll vom 5. Januar 1961 steht geschrieben: "Der Rat der Stadt Zwickau stimmt dem Antrag des VEB Deutsche Seereederei zu, einem Motorgüterschiff unserer Binnenschifffahrt den Namen ,Zwickau' zu geben." In der Sitzung am 25. Mai 1961 beschloss der Rat ein Programm für den Empfang der Besatzung. Laut Protokoll wurden vom 3. bis 5. Juni 17 Matrosen erwartet.

Bis zur Wende transportierte der aus der Rosslauer Werft stammende Zwickauer Botschafter Güter für den VEB Binnenreederei Berlin, ab 1990 für die Deutsche Binnenreederei Berlin. Ab 1998 fuhr das Schiff mit neuem Namen unter tschechischer Flagge. 2003 wurde es wegen eines Maschinenschadens aus dem Fahrtbetrieb genommen und im Prager Hafen abgestellt, 2012 entkernt und von den Oberbauten befreit und schließlich 2014 nach Melník verlegt.

182 Meter lang, 23 Meter breit und 15 Knoten schnell war der Erz-/Öl-Frachter MS Zwickau. Das 7200 PS starke Schiff wurde Ende der 1950er-Jahre in der Werft Kockums in Malmö (Schweden) gebaut und hieß zunächst Vitafors. Die Deutsche Seereederei (DSR) kaufte das Schiff auf, taufte es auf den Namen der westsächsischen Stadt und setzte es ab 1969 ein.

Laut Band 1 der "Bordgeschichten" von DSR-Seeleuten absolvierte der Hochseefrachter 235 Reisen und lief in 16 Ländern 41 Häfen an - von Murmansk bis Rio de Janeiro. Die zurückgelegten Strecken entsprachen 47-mal dem Erdumfang. Das Güterschiff transportierte 5,2 Mil- lionen Tonnen Ladung. Es besaß zwei Laderäume, elf Luken und 22 Tanks, hatte eine Tragfähigkeit von fast 24 Tonnen und bot 50 Besatzungsmitgliedern Platz.

Am 27. Mai 1976 trugen sich Seeleute ins Ehrenbuch der Stadt Zwickau ein. "Von großer Fahrt kommend, nutzte ein Teil unserer Besatzung die Möglichkeit, Ihrer Stadt einen Besuch abzustatten." Aufgrund der Formulierung ist von der Hochsee-Crew auszugehen. Weiter hieß es: "In vielen Begegnungen mit der Zwickauer Bevölkerung, wobei besonders die Einfahrt in die Martin-Hoop-Grube hervorzuheben wäre, konnte enger Kontakt geknüpft werden. Durch den Abschluss eines Patenschaftsvertrages legten wir mit Ihrer Stadt einen bedeutenden Grundstein für eine weitere gute Zusammenarbeit auf breitester Ebene. Im Namen der Besatzung der MS Zwickau danken wir für die herzliche Aufnahme durch unsere Patenstadt."

Die letzte große Fahrt führte nach Murmansk - das häufigste Reiseziel der "Alten Lady", wie das Schiff von seiner Stammbesetzung genannt wurde. Am 28. April 1988 endete diese Reise im Heimathafen Rostock. Beim Abschiedsbordfest war eine Zwickauer Delegation anwesend. Der Patenschaftsvertrag wurde aufgehoben, das Schiff nach 19-jährigem DSR-Dienst am 10. Mai 1988 außer Dienst gestellt. Am 5. April 1989 traf es in einer Abwrackwerft von Alang (Indien) ein.

Ein auf Zwickau getaufter Seitentrawler vom Typ 1 stach für den VEB Fischkombinat Rostock in See. Heimathafen eines Fischkutters namens Zwickau war Saßnitz. Die DDR-Volksmarine betrieb ein Räumboot vom Typ Schwalbe Projekt 508 mit dem Namen der Muldestadt.

www.freiepresse.de/spuren

www.zwickautopia.de

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