IHK-Chef alarmiert: Kleine Firmen bilden seltener aus

Weil sie nur noch schwer Nachwuchs finden, verzichten einige Unternehmen inzwischen auf die Azubi-Suche. Das ist nicht das einzige Problem.

Zwickau.

Die Ausbildung passt sich nicht schnell genug neuen Gegebenheiten an: Darin stimmten gestern Vertreter aus der westsächsischen Wirtschaft überein. Sie trafen sich auf Einladung der DGB-Kreisvorsitzenden Sabine Zimmermann, um über den regionalen Ausbildungsmarkt zu sprechen.

Den zeichnet aus, dass die Zahl der Schulabgänger seit rund vier Jahren wieder leicht steigt, sagte Andreas Fleischer, Chef der Agentur für Arbeit Zwickau. Dennoch finden junge Leute immer noch leichter eine Lehrstelle als vor zehn bis 15 Jahren. Derzeit stehen im Kreis rund 600 Jugendlichen ohne Ausbildungsstelle fast 700 unbesetzte Stellen gegenüber. Obwohl es genug Angebote gibt, verzeichnet die Agentur seit Jahren konstant rund 200 Jugendliche, die den Übergang von Schule zu Ausbildung nicht schaffen. Wer aber keinen Beruf erlernt hat, habe im Landkreis ein fast fünfmal höheres Risiko, arbeitslos zu werden, so Fleischer. Seiner Einschätzung nach erreicht ein Ausbildungsabschluss einen noch höheren Stellenwert, weil die Anzahl an Stellen für Hilfskräfte weiter zurückgeht. Sabine Zimmermann sagte, dass in Westsachsen derzeit rund fünf Prozent der Arbeitnehmer zwischen 25 und 35 Jahren keine abgeschlossene Ausbildung vorweisen können. Zudem haben in dieser Altersgruppe rund 900 Menschen ohne Berufsabschluss gar keine Arbeit.

Martin Lange, Leiter der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW), sieht bei den Auszubildenden teils deutliche Schwächen, was soziale Kompetenzen und den Umgang mit digitalen Medien angeht. Dabei sagt Sabine Zimmermann: "Die Jugendlichen sind nicht dümmer als vor zehn Jahren." Es seien aber insgesamt weniger Menschen geworden, die sich um die Ausbildungsstellen bewerben - was bedeutet, dass auch Jugendliche mit einem Dreier-Zeugnis leichter als früher eine Lehre finden. Übrig bleiben dann die Mädchen und Jungen mit mehreren Vieren auf dem Zeugnis. "Um die muss man sich besonders kümmern. Das ist für die Ausbildung eine neue Herausforderung", sagt Jens Geigner, Standortkoordinator des FAW-Ausbildungszentrums in Zwickau. Die Einrichtung übernimmt für die praktisch ausbildenden Betriebe einen Teil der Lehre - den, den die Unternehmen selbst nicht leisten können, weil ihnen beispielsweise die Maschinen dazu fehlen.

Die Frage, wie man Jugendlichen hilft, denen schon die Schule schwerfiel, ist aber nur eine von mehreren neuen Aufgaben. Seit gestern arbeitet ein Team in dem Haus daran, neue Lehrinhalte zum Thema Digitalisierung in Unternehmen und Industrie 4.0 zu erstellen. "Schon seit 2010 wird davon gesprochen, dass die Digitalisierung eine Rolle in der Ausbildung spielen muss", so Geigner. Nun habe das Team drei Jahre Zeit, um Ausbildungsansätze dazu zu entwickeln.

Nach Ansicht von IHK-Geschäftsführer Torsten Spranger ziehen sich kleinere Betriebe bereits sichtbar aus der Ausbildung zurück, weil sie keine Lehrlinge mehr finden. Das sei bedauerlich, doch er warnte auch davor, zu große Zugeständnisse an die jungen Leute zu machen. "Man sollte nicht auf alle Forderungen eingehen und sie auch nicht mit einem geschenkten Tablet in die Betriebe locken."


Unternehmen suchen nicht nur Schüler mit Bestnoten

Uwe Klemm, Personalentwickler bei GKN Driveline, Mosel: "Die Leistungserwartung an die Bewerber um einen Ausbildungsplatz hat sich etwas reguliert. Wir bestehen nicht mehr nur auf sehr guten oder guten Abschlüssen. Das ist auch nicht falsch. Wir müssen uns ja überlegen, ob ein Abiturient jahrelang an der Maschine stehen will. Das verlangen unsere Jobs eben. Wir werben für uns, indem wir mit Schulen - etwa in Glauchau oder Zwickau - zusammenarbeiten. Viel geht auch über Mund-zu-Mund-Propaganda unserer Lehrlinge. Was zudem sinnvoll ist: Man sollte die Berufsbilder auch den Eltern vorstellen. Deren Einfluss auf die Jugendlichen ist noch groß."

Gerd Richter, Ausbildungsleiter bei Technify Motors, St. Egidien: "Wir tun uns schwer, Lehrlinge zu finden. Bis 2008 brauchten wir gar keine Werbung zu machen. Dann kam die Insolvenz, dann die Übernahme. Jetzt sind wir kaum bekannt. Als Hersteller von Flugzeugmotoren suchen wir ausschließlich Zerspanungsmechaniker. Die brauchen mindestens eine Drei in Mathe und Physik. Bei allem, was darunter liegt, sind die Ausbildungsinhalte schwer zu vermitteln. Woran es - wie bei anderen - oft scheitert: Jugendliche sind nach der 10. Klasse nicht so mobil, und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man schwer voran. Deswegen ist es fast nur sinnvoll, Bewerber aus der Region anzusprechen."

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