"Im Netz sind nicht nur Idioten unterwegs"

Der Umgang mit Youtube und Co. stand gestern im Mittelpunkt einer Tagung für Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten. Überwiegen die Gefahren oder Chancen?

Zwickau.

Einer sagt entschieden "Nein." Zwei andere nicken gleichzeitig zustimmend. Dann schauen sich alle etwas verlegen an. Die Frage war: Haben Kinder und Jugendliche den Pädagogen etwas voraus, wenn es ums Internet geht?

Roland Bader ist Medienpädagoge und sieht da keinen Vorsprung. Alexander Prinz und Philipp Senkbeil widersprechen im selben Augenblick. Denn da, wo Bader mit der größeren Lebenserfahrung argumentiert, bringen die beiden deutlich jüngeren Männer den ungezwungeneren Umgang mit dem Internet und die häufigere Mediennutzung ins Spiel. Die einen tun es, die anderen wittern die Gefahren. Dazwischen soll die Erziehung stattfinden.

So trafen sich gestern Vormittag rund 80 Vertreter aus Jugendämtern und -einrichtungen im SOS-Kinderdorf am Rande von Zwickau, um über die neuen Medien zu reden, über Gefahren, über Chancen und über den Wunsch, als Influencer berühmt zu werden. Influencer - das sind Menschen, die über Internetkanäle wie Youtube eine sehr große Anzahl von Menschen erreichen. Das macht sie als Werbeträger interessant. Macht es sie auch gefährlich, weil sie - möglicherweise bedenkliche - Meinungen verbreiten?

Youtuber Alexander Prinz hält die Angst für größer als die Gefahr. Natürlich komme mit wachsender Bekanntheit ein Punkt, an dem man sich seiner Verantwortung bewusst werden müsse, sagt er nach der Veranstaltung. "Aber es gibt im Netz ja auch eine Gemeinschaft, die ein Regulatorium bildet."

Philipp Senkbeil, der ein Youtube-Netzwerk leitet, sieht das ähnlich, denn auch Werbetreibende und Meinungsmacher stünden mit ihren Aussagen nie unkommentiert da. "Und schon hat man eine angeregte Diskussion." Die allerdings mitunter ausufert, auch das müssen die Männer zugeben. "Aber es ist nicht so, dass nur Idioten im Netz unterwegs sind. Viele setzen ihren Grips ein", sagt Prinz.

Das bestätigt auch der Hochschulprofessor, der dennoch die Tücken des Netzes im Auge behält. "Wir haben auch über Filterblasen und Echokammern gesprochen." Das bedeutet, das Netz bietet Nutzern aufgrund vorher abgerufener Inhalte immer wieder ähnliche Inhalte an. Zudem vernetzt man sich eher mit Gleichgesinnten als mit Andersdenkenden. Das droht die eigene Sicht auf die Welt einzuschränken. "Das ist eben so", sagt der Professor. "Wenn man das weiß, ist es doch in Ordnung."

Alexander Prinz hakt ein: Wer das Netz nutze, der dürfe nicht blind allem vertrauen. Er erwarte da von den Zuschauern den Willen, sich selbst weiterzubilden. Auch wenn sich an dieser Stelle sicher einige Nutzer verweigern.

Bei der Diskussion über die neuen Medien fühlten sich weder Alexander Prinz noch Philipp Senkbeil schief angeguckt. "Ich hatte eher den Eindruck, dass ich den Teilnehmern Einblicke in eine Welt geben konnte, mit der viele nicht so intensiv in Berührung kommen", sagt Senkbeil.

Er selbst fand für sich die medienpädagogische Sicht auf seine Arbeit spannend - etwa die Bedenken, die ältere Menschen eher dem Internet gegenüber hegen, als das Kinder und Jugendliche tun. "Dieser Perspektivwechsel war für uns auch bereichernd", sagt Prinz.

Am Ende konnten sowohl die Tagungsteilnehmer als auch die Gäste auf dem Podium neue Erkenntnisse mitnehmen. Dass man Dinge hinterfragen sollte. Dass man aber auch nicht hinter jedem Baum einen Schurken vermuten darf. Und eine Erkenntnis hat Roland Bader noch, mit all seiner Lebenserfahrung als Medienpädagoge: "Wohl jeder Jugendliche wird einmal Grenzen überschreiten. Vielleicht im Supermarkt klauen oder so etwas. Wichtig ist immer, dass aus diesen jungen Menschen anständige Erwachsene werden."


Die Gesprächspartner

Roland Bader ist Psychologe und lehrt als Professor für Medienwissenschaft und Medienpädagogik an der Fachhochschule in Holzminden. Seine Dissertation hat er über Lerngemeinschaften im Internet verfasst.

Philipp Senkbeil ist studierter Germanist und betreibt als Chef eines Youtube-Netzwerks Marketing für Influencer. Zur Webedia Gaming GmbH gehören mehrere Internetportale und Agenturen.

Alexander Prinz veröffentlicht unter dem Namen Der dunkle Parabelritter Videos auf Youtube. Darin befasst er sich einerseits mit Heavy Metal, andererseits aber auch mit Youtube selbst und mit der Frage, wie Menschen miteinander umgehen (sollten).

www.freiepresse.de/ritter

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