So viel Zwickau steckt in Hamburg

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 33: am Tor zur Welt.

Zwickau/Hamburg.

Vor dem Fußball-Pokalknaller FSV Zwickau gegen HSV bin ich mit dem Eurocity "Robert Schumann" auf Spuren- suche nach Hamburg gefahren.

Zwickauer Stahl gibt dem "Tor zur Welt", wie die maritime Millionenstadt genannt wird, Form und Halt. Die ZSB Zwickauer Sonderstahlbau GmbH fertigte ein 140 Tonnen schweres Stahlfachwerk für das 2007 eröffnete, 88 Meter hohe "Atlantic"-Haus. Es prägt die Skyline hinter den St.-Pauli-Landungsbrücken. Die 20. Etage des Hochhauses wird für Veranstaltungen vermietet. Den Gästen liegen Hafen, Elbphilharmonie, Reeperbahn, Michel und Rathaus zu Füßen. Apropos Rathaus: Ole von Beust, Erster Bürgermeister von 2001 bis 2010, entstammt dem Adelsgeschlecht, dem einst das Schloss Planitz in Zwickau gehörte. Joachim von Beust, Juraprofessor und Rektor der Universität Wittenberg, erwarb das Rittergut 1579.

Bahn- und Straßenbrücken zwischen Altona und Alster stammen ebenfalls aus Zwickau. Ein aktuelles Projekt ist die Langenfelder Brücke entlang der A 7 über die Bahngleise in Hamburg-Stellingen. Dafür plant, fertigt, liefert und montiert die ZSB die Hohlkastenträger.

Vom S-Bahnhof Stellingen gelangt man zu Fuß zum Volksparkstadion des Hamburger SV. Im Vorgängerbau schrieb die DDR 1974 Fußballgeschichte, als sie in der WM-Vorrunde den späteren Weltmeister BRD mit 1:0 besiegte. Jürgen Croy von der BSG Sachsenring Zwickau hielt den DDR-Kasten sauber. Am 19. Oktober wird der "Panther von Planitz" 70.

Vom "Arsch der Welt" sprach Schauspielerin Inge Meysel , als sie in der WDR-Talkshow "B. trifft ..." mit Moderatorin Bettina Böttinger über ihre Theateranfänge in Sachsen plauderte. Gemeint war Zwickau, wo die gebürtige Berlinerin und Wahl-Hamburgerin 1930 im Stück "Etienne und Luise" von Ernst Penzoldt debütierte. Später wurde die schrullig-kontroverse Hutträgerin zur "Mutter der Nation" und Charakterdarstellerin. Ihr Grab befindet sich auf dem größten Parkfriedhof der Welt in Hamburg-Ohlsdorf.

Auch die "Mutter der deutschen Schauspielkunst", die in Zwickau aufgewachsene Friederike Caroline Neuber, hinterließ Spuren im Norden. Ihre Schauspieltruppe gastierte wiederholt in Hamburg - mit durchwachsener Resonanz. Bei Neubers letzter Vorstellung im Opernhaus am Gänsemarkt kritisierte sie 1740 das zu wenig feinsinnige, ans derbe "Hanswurst"-Theater und die Oper gewöhnte Publikum: "Denn von der Schauspielkunst habt ihr sehr wenig Licht, weils Euch an Zärtlichkeit, Natur und Kunst gebricht."

Der Planitzer Gert Fröbe drehte mit Hans Albers den Film "Das Herz von St. Pauli". Szenen des Edgar-Wallace-Klassikers "Der grüne Bogenschütze", in dem Fröbe den Millionär Abel Bellamy spielt, entstanden auch in Hamburg. Lange nach seinem "Goldfinger"-Ruhm gastierte Fröbe ab 1978 auf der schwimmenden Theaterbühne "Das Schiff", wo er sein Solo-Programm "Als wär's heut gewesen - Kleine Geschichten sind das Leben" vor regelmäßig ausverkauftem Haus aufführte. Fröbe kam auf 410 Vorstellungen und ist "Ehrenmatrose" des Kulturschiffs an der Holzbrücke. Vis-à-vis residiert übrigens das Management von Helene Fischer.

Weitere Hamburg-Gastspiele gab der Westsachse in der "Fabrik" im Stadtteil Ottensen und im Operettenhaus an der Reeperbahn, wo er den Schmierentheaterdirektor Striese im "Raub der Sabinerinnen" verkörperte - eine Paraderolle für den leidenschaftlichen Komödianten. Gert Fröbe nächtigte unter anderem im noblen Hotel "Atlantic" an der Außenalster. Wegen eines Mundhöhlenkarzinoms ließ er sich 1986/87 im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf behandeln und musste das richtige Sprechen erst wieder erlernen.

Hamburgs heutzutage sehr wohl kunstinteressiertes Bürgertum kann gegenwärtig das Schaffen Max Pechsteins betrachten. Bis September stellt das Ernst-Barlach-Haus unter dem Motto "Aufbruch in Farbe" expressionistische Meisterwerke, so auch vom Zwickauer Pechstein, aus dem Osthaus-Museum Hagen aus. 2017 zeigt das "Bucerius Kunst Forum" am Rathausmarkt die Schau "Max Pechstein. Künstler der Moderne". Eine Max-Pechstein-Straße gibt es in der Hochhaussiedlung Mümmelmannsberg.

In Barmbek-Süd ehrt Hamburg auch das Musikerpaar Schumann mit einer Straße. Clara Schumann, geborene Wieck, gab in Hamburg 55 Konzerte zwischen 1835 und 1881. An ihren künftigen Ehemann schrieb sie 1840: "Könnt ich Dir doch das ganze Hamburg mit seiner schönen Elbe und seinen Seeschiffen mitschicken! (...) Ach Robert, wir müssen einmal zusammen hin! Ich sage Dir, am Jungfernstieg zu wohnen und früh bei schönem Sonnenschein die Alster zu sehen mit den vielen Schwänen darauf, das ist ein himmlischer Anblick." 1842 und 1850 fuhren der Zwickauer und seine Frau in die Hansestadt. Ihre Konzertreisen durch Norddeutschland waren ein künstlerischer und finanzieller Erfolg.

Eine Zwickauer Spurensuche in Deutschlands zweitgrößter Stadt führt zwangsläufig auch auf die Tasköprüstraße am Bahnhof Altona. Benannt ist sie nach Süleyman Taşköprü, dem dritten Opfer der NSU-Terrorzelle. Der 31-jährige türkischstämmige Kaufmann war im Juni 2001 erschossen worden. Auf Höhe der Schützenstraße 39, wo der Mord geschah, erinnern zwei Gedenksteine und eine sternförmige Gedenktafel an den Familienvater.

www.zwickautopia.de

www.freiepresse.de/spuren

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...