Stahl aus Zwickau hält Dresden zusammen

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt Zwickau. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 28: Zwickau ist das Z in "Elbflorenz".

Zwickau/Dresden.

Das Blaue Wunder gehört zu den touristischen Attraktionen der Landeshauptstadt Sachsens. In Elbtal und Elbhänge eingebettet, verbindet die 280 Meter lange Brücke die Villenviertel Blasewitz und Loschwitz. Die Königin-Marien-Hütte im heutigen Zwickauer Stadtteil Cainsdorf fertigte die Stahlteile für die 1893 eingeweihte "Loschwitzer Brücke" - so heißt die graublaue Elbquerung offiziell. Dieses Bauwerk war die 1500. Brücke der großen Eisenhütte, die zeitweise mehr Arbeiter beschäftigte als Krupp in Essen. Dass sich der zunächst angeblich grüne Anstrich des Dresdner Wahrzeichens nach kurzer Zeit blau verfärbt haben soll, gilt als Zeitungsente.

Als eine der ersten Brücken kam sie ohne Pfeiler im Strom aus. Vor der Eröffnung hielt sie einer Belastungsprobe stand: Auf der Brücke befanden sich gleichzeitig unter anderem mit Steinen und Schiffsankern beladene Straßenbahnen, Dampf- und Straßenwalzen, Wasserwagen, Pferdekutschen, eine Kompanie des Dresdner Jägerbataillons und 150 Passanten. Ihre heutzutage hohe Verkehrsbelastung führte mit zum Bau der 2013 eröffneten Waldschlösschenbrücke, die "Elbflorenz" den Unesco-Welterbetitel kostete. Bereits 1985 war die Straßenbahn vom Blauen Wunder verbannt worden. Der Lokalpresse zufolge könnte eine Sanierung dieses Denkmals bis zu 45 Millionen Euro kosten.

Vis-à-vis vom Dresdner Hauptbahnhof steht das gläserne "Kugelhaus am Wiener Platz", eine Reminiszenz an einen 1928 errichteten Rundbau im Großen Garten. Er entstand im Rahmen der "Jahresschau Deutscher Arbeit - Die technische Stadt" und galt als erstes Kugelhaus der Welt. Der Durchmesser betrug 24 Meter. Ein Personenaufzug fuhr die Besucher ins Restaurant im obersten der fünf Geschosse. Die Nationalsozialisten beurteilten das auch für Ausstellungen genutzte Gebäude als "undeutsch" und "entartet". 1938 ließen sie den innovativen Stahlgerüstbau abreißen. Heute befinden sich hier der Hauptbahnhof der Parkeisenbahn und die Gläserne Manufaktur der Zwickauer Volkswagen Sachsen GmbH.

Für das Geschäftshaus am Wiener Platz konstruierte die ZSB Zwickauer Sonderstahlbau GmbH, die in der Tradition der Cainsdorfer Hütte steht, im Jahr 2004 die 30 Tonnen schwere Kugelkonstruktion. Im Gegensatz zum freistehenden historischen Vorbild ist die Kugel aus Zwickau in den Büro- und Geschäftskomplex integriert. Unter der Glaskuppel befindet sich ein Achterbahn-Restaurant. Hier fährt das Essen auf einem verschlungenen Schienensystem direkt an den Tisch. Zu den Mietern gehören auch eine Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie sowie ein Erotikmarkt.

Die Molenbrücke am Ballhaus "Watzke" im Stadtteil Pieschen wurde 2009/10 gebaut und schloss eine Lücke im Elberadweg am rechten Flussufer. Das 250 Tonnen schwere Bauwerk ist 150 Meter lang, 3,8 Meter breit und besitzt einen 35 Meter hohen Pylon. Die in Eckersbach ansässige ZSB fertigte die Schrägseilbrücke vor. Danach wurden die Stahlteile in den Dresdner Alberthafen transportiert, dort zusammengesetzt und per Ponton in den Pieschener Hafen verschifft. Die Montage vieler Stahlteile erfolgte vom Wasser aus.

Nach einer Schwingungsmessung wurde die Brücke freigegeben. Sie kostete zusammen mit dem Ausbau des Radweges 2,6 Millionen Euro. Sehenswert ist die Plastik "Undine kommt" an der nördlichen Brückenrampe. Die von der Künstlerin Angela Hampel geschaffene Figur tritt quasi aus der Elbe. Ein Stopp lohnt an der südlichen Rampe, wo man auf einer kleinen Aussichtsplattform den berühmten "Canaletto-Blick" Richtung Dresdner Altstadt genießen kann. LED-Elemente im Geländer beleuchten die kühn geformte Radbrücke.

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