Stangengrün lässt sich benoten

Per Autokorso und mit straffem Zeitplan ist gestern die Jury des Landeswettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft" durch den Kirchberger Ortsteil geführt worden.

Stangengrün.

Der kleine Autokorso kommt nur relativ gemächlich voran. Immer wieder hüpft Juryleiter Markus Thieme mit dem Fotoapparat aus dem Kleinbus und setzt Knöterichwiesen und seltene Fachwerkkonstruktionen ins Bild. Der Referent des sächsischen Landesumweltamtes ist Vorturner einer zehnköpfigen Jury, die derzeit in 17 sächsischen Dörfern ein Mammutprogramm abspult. So wie gestern in gut drei Stunden in Stangengrün heißt es für die Experten Zuhören, bestimmte Nachfragen freundlich gestalten, immer wieder auf die Uhr schauen und doch für das Dorf nachvollziehbare Bewertungen in vielen Dutzend Kategorien zu Papier bringen.

Dass es bei dem Jurybesuch für die Stangengrüner um einiges geht, ist am besten an der etwas angegriffenen Stimme von Katja Müller zu erkennen. Sie referiert im in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Firmensitz der Ebert und Weichsel GmbH über "ihr" Dorf, und ihre Stimme überschlägt sich dabei immer mal wieder ein wenig. Man weiß nicht, ob es die Aufregung ist oder einfach Ergriffenheit. Sie scheint angesichts der vielen bemerkenswerten Entwicklungen im Dorf gar nicht zu wissen, wohin mit ihrer Freude und ihrem Stolz. Und die bodenständige Zurückhaltung der Stangengrüner wirkt auf alle geladenen Gäste - in die professionell freundlichen Nachfragen des Thieme-Teams mischt sich immer wieder merklicher Respekt für das Bewahren von Tradition, ohne die Zukunft aus den Augen zu verlieren.

Dass Stangengrün sich zu dem auf Landesebene präsentablen Ort entwickeln würde, war so nach der politischen Wende nicht unbedingt abzusehen. Es sind auch Macher wie Pascal Weichsel, der Junior-Chef der auf Polier- und Reinigungswerkzeuge spezialisierten Firma Ebert und Weichsel, die für Verantwortung und für Entwicklung stehen. Weichsel trägt den Feuerwehrpieper am Hosenbund und bringt erst als Firmenchef und dann auch noch als Vertreter der Ortsfeuerwehr den Gästen den Ort nahe. "Wir waren mit der letzten Erweiterung des Firmengebäudes sehr mutig", sagt Weichsel über den markanten Holzbau und sieht sich bei der Präsentation bestätigt, dass die Stangengrüner den traditionsbewussten, aber auch futuristischen Bau als sehenswerten Teil ihres Ortes begreifen. Jurychef Thieme vermutet beim abschließenden Imbiss im Gasthaus zur Talmühle gar, dass der Bau einen Architekturpreis bekommen hat.

Die Jury ist zu Fuß und auch im Auto drei Stunden lang im Leben der Stangengrüner zu Gast. Sie sehen zumeist herausgeputzte Höfe, und ab und an sagt einer der Gastgeber fast etwas schüchtern "Hier wohne ich", sodass den Gästen bewusst wird, dass hier tatsächlich auch Stangengrüner wohnen und leben. "Es gibt nur ganz wenig Leerstand", sagt Katja Müller. "Steht ein marodes Haus zum Verkauf, findet sich schnell ein Käufer", sagt sie. Müller selber kombiniert derzeit auf ihrem Hof die modernsten Heiztechniken und lässt sich dabei gern auf die Baustelle schauen. "Heute ist Tag der offenen Hoftür", kommentiert es Jurychef Markus Thieme etwas flapsig. Ortsvorsteher Michael Reichardt hatte die Bewohner im Vorfeld tatsächlich dazu ermuntert, ihre Höfe für möglichst attraktive Einblicke zu öffnen. "Öffnet die Tore" war der Aufruf überschrieben.

Der kleine Konvoi der Jury wird auf der Abreise dann doch noch stilecht ausgebremst, die Trecker fahren gerade das frisch gemähte Heu ins Trockene. Kurz vor halb eins biegt der Kommissions-Kleinbus an der Abfahrt Zwickau-West dann auf die Autobahn 72, um weiter in Richtung Erlbach-Kirchberg zu fahren, wo das nächste Dorf auf seine Beschauer wartet. Ob Stangengrün sich im kommenden Jahr noch einmal einer Bundesjury vorstellen darf, wird am 6. Juli feststehen, wenn unter den sächsischen Vorzeigedörfern die vorzeigbarsten gekürt werden.


16 sächsische Dörfer machen Stangengrün Konkurrenz

Bis zum 18. Juni schaut sich die insgesamt zehnköpfige Jury 17 Dörfer an, die sich im vergangenen Jahr auf Kreisebene qualifiziert haben.

In fünf Kategorien bewertet die Jury des Wettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft" Entwicklungskonzepte und wirtschaftliche Initiativen, soziale und kulturelle Aktivitäten, Baugestaltung und Siedlungsentwicklung, Grüngestaltung und das Dorf in der Landschaft sowie Querschnitt und Ganzheitlichkeit.

Das Understatement der Stangengrüner bei der Präsentation dürfte bei der Wertung sicher nicht schaden. "Wir waren vielleicht auch etwas betriebsblind. Wir Stangengrüner haben uns zu Beginn oft gefragt, was wir denn schon zu bieten haben", sagt Katja Müller.

Minuspunkte drohen Stangengrün wegen fehlender spezieller Entwicklungskonzepte in verschiedenen Bereichen. Fragen der Jury nach Konzepten wurde oft mit Verweis auf allgemeinere Pläne beantwortet.

Pluspunkte dürfte trotz der nicht unbedingt bis ins letzte Detail durchgeplanten Dorfentwicklung die Tatkraft der Stangengrüner sein, die insbesondere seit dem Zusammenbruch der DDR-Strukturen in den 1990er-Jahren augenscheinlich viel Vorzeigenswertes auf die Beine gestellt haben.

Die Landessieger werden Anfang Juli bei einer Veranstaltung in Rammenau (Landkreis Bautzen) gekürt. Zwei sächsische Dörfer dürfen sich dann im kommenden Jahr im Bundeswettbewerb einer Jury stellen, bevor 2017 der nächste Wettbewerb startet. (kru)

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