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Schrecksekunde: Wer bei einer Polizeikontrolle betrunken erwischt wird, hat oft langwierige Scherereien.

Foto: Peter Gercke

Vier Jahre Fußgängerin

Eine 34-Jährige hat wegen einer Alkoholfahrt 2013 ihren Führerschein verloren. Bis heute kämpft sie vergeblich um die Rückgabe.

Von Uta Pasler
erschienen am 06.12.2017

Crimmitschau/Zwickau. Es war am 29. November 2013 gegen 0.15Uhr, als die Mülsenerin Susanne Klein* in Crimmitschau ihren Führerschein verlor. Eine Polizeistreife stoppte sie mit 1,52 Promille Alkohol im Blut. Die Restaurantfachfrau, als Bistroleiterin in Crimmitschau geringfügig beschäftigt, akzeptierte den Strafbefehl, der sie für neun Monate zur Fußgängerin machte. "Es war so dumm von mir, an diesem Abend zu trinken. Ich hatte Strafe verdient", sagt sie. Doch Susanne Klein ist noch immer Fußgängerin. Die Führerscheinbehörde stellt ihr keine neue Fahrerlaubnis aus.

Im Oktober 2014 legte sie Sehtest, Foto, Ersthelferkursnachweis und Führungszeugnis bei der Behörde vor. Im November 2014 erfuhr sie, dass sie eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU), im Volksmund Idiotentest genannt, machen soll. Klein war baff. "Ich habe mich nie damit befasst. Mein Anwalt sagte damals, da kommt keine MPU auf Sie zu." Sie könne die auch gar nicht bezahlen, beteuert die Frau. Die MPU selbst kostet rund 400 Euro. Der Berater, der heutzutage ebenso wie Urin-, Blut- oder auch Haartests von zahlreichen Verkehrsrechtsexperten im Vorfeld dieser psychologischen Begutachtung empfohlen wird, ist da nicht inbegriffen, auch nicht die Kosten für den neuen Führerschein - weitere rund 100 Euro.

Die Behörde lehnte den Antrag kostenpflichtig ab - für 179,20 Euro. Warum, dazu sagt das Landratsamt derzeit nichts. "Zwei laufende Verfahren sind anhängig, ein Widerspruchsverfahren und ein Eilverfahren vor Gericht. Öffentliche Auskünfte könnten die Verfahren ver- eiteln, erschweren, verzögern oder gar gefährden", erklärt Ilona Schilk, Sprecherin des Landratsamtes.

Im Ablehnungsschreiben, das der "Freien Presse" vorliegt, begründet die Behörde das Insistieren auf eine MPU allerdings in epischer Breite. Sie beruft sich ausschließlich auf das Protokoll vom Werdauer Krankenhaus. Darin beschriebene Fakten zu Kleins Gang in dieser Nacht, zu einer Finger-Finger-Probe und plötzlicher Kehrtwende ließen demnach den Verdacht auf Gewohnheitstrinken aufkommen, im Behördendeutsch: längerfristiger missbräuchlicher Umgang mit Alkohol. Denkablauf geordnet, Sprache deutlich, Bewusstsein klar, Stimmung unauffällig - es habe keinerlei Ausfallerscheinungen gegeben, urteilten damals die Ärzte. Und das bei dem Promillewert.

Klein erinnert sich an den Aufenthalt im Werdauer Krankenhaus. Sie musste Blut abgeben und verschiedene Tests machen. "Ich war hellwach und voller Adrenalin, hatte Herzklopfen, weil ich eine Lawine voller Probleme auf mich zurollen sah. Ich habe mich mächtig zusammengerissen, um bloß nicht als betrunken zu gelten. Vermutlich hätte ich in dieser Nacht sogar einen Kopfstand hingekriegt, obwohl ich den noch nie konnte."

Rechtsberater Bernd Wolf, an den sich die junge Frau wandte, fiel aus allen Wolken, als er in diesem Jahr von Kleins Geschichte hörte. "Spätestens nach dem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts im April 2017 muss man das als Schikane bezeichnen", sagt er. Das Urteil besagt, dass die Behörde bei einer einmaligen Alkoholfahrt mit weniger als 1,6 Promille nicht auf eine MPU bestehen darf. Es müssen weitere belastende Tatsachen vorliegen. Klein zufolge liegt aber nichts weiter vor. Auch im Strafbefehl des Amtsgerichts steht kein Wort davon, dass die Mülsenerin womöglich nicht geeignet wäre, ein Fahrzeug zu führen.

In dem Grundsatzurteil heißt es, dass bei einem einmaligen Vergehen dieser Art von bis zu 1,6 Promille noch nicht von einer Gefahr zu sprechen ist, dass da jemand Fahren und Trinken nicht trennen könne. Es genüge in diesen Fällen nicht, sich auf die Eignungsbeurteilung zu beziehen, die als wertende Erkenntnis des Strafgerichts dem Führerscheinentzug zugrunde liegt. Im Neuerteilungsverfahren bei einem Wert unter 1,6 Promille bedarf es demnach zusätzlicher Anhaltspunkte für einen Alkoholmissbrauch.

Die 34-jährige Mutter einer 13-jährigen Tochter bangt um ihren Arbeitsplatz. Ihre Mutter, Verwandte, gelegentlich auch Gäste spielten bisher Chauffeure, damit Susanne Klein ihren Job, den sie liebt, behalten kann. "Ich arbeite acht Jahre dort, es geht sehr familiär zu." Jetzt aber ändern sich die Arbeitszeiten. "Wir öffnen länger und am Wochenende, wer soll mich spät abends noch fahren?" Ihr Leben ist eine einzige Abstimmung auf andere. 15 Kilogramm hat sie in den vier Jahren abgenommen. "Ich bereue diesen Tag ohne Ende, aber irgendwann muss es doch mal zu Ende sein." Sie sehnt den Tag herbei, an dem sie ihren silbernen VW Polo, Baujahr 2002, wieder flott machen kann. Seit 17. Oktober läuft ihr Widerspruch.

*Name geändert

 
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Vier Jahre Fußgängerin
Zahl der Unfälle unter Alkohol bleibt hoch
 
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