Vom Notprogramm zum Kunstwerk

Dass das Gebäude, in dem sie seit 52 Jahren wohnt, ein Juwel der Bauhaus- Architektur ist, weiß Friederike Schindler schon lange. Jetzt traf die Zwickauerin einen Fotokünstler, der das genauso sieht.

Zwickau.

Wenn der Berliner Fotograf Jean Molitor heute im Zwickauer Rathaus seine Ausstellung über die Bauhaus-Architektur eröffnet, wird Friederike Schindler zugegen sein und besonders das Bild betrachten, das jenes Haus zeigt, in dem sie seit 52 Jahren lebt. Dass das orangefarbene Gebäude in der Zwickauer Erlmühlenstraße 3 ein Juwel der Bauhaus-Architektur ist, weiß Schindler schon lange. Dass ein bekannter Berliner Fotograf es für seine Fotoausstellung in Szene gesetzt hat, freut sie umso mehr, wäre das Gebäude doch bereits fast einmal aus dem Stadtbild verschwunden.

Schindler erinnert sich, dass die ehemalige Eigentümerin - die Gebäude- und Grundstückgesellschaft Zwickau (GGZ) - ursprünglich vorhatte, das Haus am Fuße des Scheffelbergs abzureißen. "Deswegen waren die GGZ-Mitarbeiter zur Objektbesichtigung da, und ich habe sie durch das ganze Haus geführt und alles erzählt, was ich darüber wusste und dass es nicht abgerissen werden darf", erzählte Friederike Schindler dem Fotografen Jean Molitor gestern Vormittag beim Treffen in ihrer Zweiraumwohnung in der Erlmühlenstraße.

Es kam anders. Am 1. September 2009 wurde das rare, aber stark sanierungsbedürftige Zwickauer Zeugnis der Bauhaus-Architektur von einem Investor aus Jena ersteigert. "Ich bin sehr glücklich, hier weiter wohnen zu dürfen. Die Wohnung, die Tür an Tür mit meiner früheren liegt, die es nicht mehr gibt, wurde bei der Sanierung extra für mich vorgesehen", sagte die frühere Kinder- und Säuglingsschwester.

Jean Molitor besuchte die Seniorin gestern gemeinsam mit der Architekturhistorikerin Kaija Voss, die sich absolut begeistert von dem Bauhaus-Komplex zeigte. "Es ist das besondere Talent von Jean Molitor, abseits bekannter Bauhaus-Hochburgen solche seltenen architektur-historischen Perlen zu finden und sie mit seinem ganz besonderen Blick darauf abzubilden", sagte die promovierte Historikerin. "Ich frage mich nur: Wie kommt das Bauhaus in die Zwickauer Erlmühlenstraße?"

Die Antwort: Der denkmalgeschützte Komplex entstand 1932 innerhalb eines Notprogramms des Arbeits- und Wohlfahrtsministeriums zur Sicherung des Grundbedarfs an billigen Kleinstwohnungen. Die Pläne stammten von der Landes-Siedlungs-Gesellschaft Sächsisches Heim Dresden und wurden unter Federführung des Regierungsbaumeisters Paul Wrede umgesetzt. In den 1960er-Jahren, als Friederike Schindler einzog, waren alle 50Wohneinheiten belegt. Schindler bezahlte 26,20 DDR-Mark Miete. 2009 gab es in dem heruntergekommenen Komplex nur noch fünf Mietparteien. Nach der Renovierung zog 2012 ein Jugendwohnheim für Auszubildende ein, das vom Christliches Jugenddorfwerk unterhalten wird. Über ihre neuen Nachbarn kann Schindler nicht klagen.

Die Ausstellung "Zwickau und die Moderne in der Welt" des Berliner Diplomfotografen wird heute, 17 Uhr im ersten Obergeschoss des Rathauses eröffnet. Neben einem Film zum Fotoprojekt und einem Vortrag zur Bauhaus-Architektur findet eine Gesprächsrunde statt.

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