Vor 73 Jahren begann der Tod auf Raten

Eine Frau erforscht die Todesmärsche in der Region. Sie recherchierte auch, was die Zwickauer Häftlinge durchmachten.

Zwickau.

21 Jahre ist es her, dass die Breitenbrunnerin Christine Schmidt begann, sich für ein düsteres Kapitel deutscher Regionalgeschichte zu interessieren. "Es passierte auf einer Reise nach Israel. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entdeckte ich Orte in Sachsen, die heute keine jüdischen Gemeinden mehr haben. Zwickau war einer davon", erklärt die heute 62-Jährige, wie sie als gelernte Physiotherapeutin zur Hobbyhistorikern wurde.

Die Christin machte sich damals auf die Suche nach den Juden, vergrub sich in die Zeit des Nationalsozialismus und erfuhr von ihrer Schwiegermutter von Gräueltaten direkt vor der Haustür: KZ-Häftlinge waren auf den sogenannten Todesmärschen - mit wechselnden Zielen, weil immer auf der Flucht vor den Alliierten - auch durch das erzgebirgische Breitenbrunn gezogen.

Schmidt interessierte sich für deren Schicksal, wollte wissen, was das für Menschen waren, fand Hinweise in Archiven, auch Überlebende, sogar in Amerika und Australien. "Zu einigen haben sich richtige Freundschaften entwickelt", sagt sie. Besonders berührte sie eine Recherche für einen Franzosen, der das Grab seines Vaters suchte und mit ihrer Hilfe fand. "Wir standen gemeinsam an dem Grab in Sadisdorf im Osterzgebirge." In dem Buch "NS-Terror und Verfolgung in Sachsen", das es kostenlos bei der Landeszentrale für politische Bildung gibt, hat Schmidt am Kapitel Todesmärsche mitgearbeitet.

Die Zwickauer Häftlinge, die für die Horchwerke geschuftet hatten, marschierten über Planitz, Ebersbrunn, Schönheide, Eibenstock, Johanngeorgenstadt und Karlovy Vary bis Tachov (beides Tschechien). Erst dort wurden sie von den Amerikanern erlöst. Was Schmidt herausfand, hat sie nicht wirklich verändert. Erschüttert hat sie jedoch, wie nah das menschenverachtende Regime ihren Vorfahren gekommen war. Als Naturfreundin, die das Erzgebirge beinahe über alles liebt, geht sie heute ganz anders durch die Wälder. "Ich kann mich dort heute auf Rad- oder Skitouren erholen. Hunderte von Menschen mussten an deselben Orten im kalten April 1945 um ihr Leben fürchten. Und mit Sicherheit gibt es noch immer unentdeckte Tote in den Wäldern", mutmaßt Hobbyforscherin Schmidt. Die Rentnerin ist noch nicht am Ende mit ihren Nachforschungen, sie will ihre Recherchen verdichten. "Es ist wie ein Puzzle, man muss alle Teile finden", sagt sie.


Aussage eines Überlebenden: Bestialischer Mörder führte Kommando

Am 30. August 1944 zogen die ersten 30 Häftlinge aus Flossenbürg (Oberpfalz) in das Lager bei den Horchwerken in Zwickau ein. Zwickau wurde quasi Außenstelle des Konzentrationslagers. Nach Recherchen des Chemnitzer Wirtschaftsgeschichtsprofessors Rudolf Boch wohnten bis zu 1000 Häftlinge in Baracken direkt neben dem Werk. Mindestens 280 starben hier. Bisherige Forschungen gingen davon aus, dass das Lager am 14.April 1945 evakuiert worden war. Für die letzten 688 Häftlinge begann der Todesmarsch in Richtung Böhmen. An der Route fanden 1946 die Tschechen 296 verscharrte Leichen.

Christine Schmidts Recherchen ergaben, dass die Evakuierung schon am 13. April gegen Nachmittag begann und es auch zu den ersten Erschießungen auf dem Marsch kam. Der Franzosse Paul Beschet war einer der Überlebenden. Nach Beschets Angaben musste sein Landsmann Jean Chapellier als einer der ersten sterben, weil er wegen seines verletzten Fußes hingefallen war. Der damalige Wachmann Willy Hochmuth bestätigte diese Angaben, distanzierte sich aber vom Kommando Müsch, aus dessen Reihen der Schütze kam. Es habe sich um Leute gehandelt, die mit dem Lagerführer aus dem KZ Lublin (Majdanek) gekommen waren. Schmidt fand im Bundesarchiv in Berlin, dass Chapellier in Planitz starb und auf dem Hauptfriedhof Zwickau begraben ist.

Das Morden geht weiter, berichtet Beschet über die nächsten Tage. "Die Schwachen, die sich wie Schlafwandler fortbewegen, werden, wenn sie am Ende laufen, erschossen. Ein Feldwebel geht von Zeit zu Zeit an der Kolonne entlang und sucht sich die nächsten Opfer aus."

Am 14. April hörte Anna Börner, eine Hausfrau aus Oberstützengrün, vier Schüsse und sah, wie vier KZ-Häftlinge am Straßenrand umfielen. Frantisek Wretzl, Häftling aus der Lengenfelder Kolonne, mit der die Zwickauer auf dem Marsch gelegentlich zusammenstießen: "Wer am Morgen wegen Krankheit oder Übermüdung nicht mehr aufstehen konnte, wurde erschossen; das waren ungefähr 30Häftlinge. Der Befehl lautete: Kein Häftling darf in die Hände des Feindes fallen... Sorgen bereitete uns die Tatsache, dass wir immerzu gemeinsam mit dem Arbeitskommando Zwickau gingen, dessen Kommandant ein bestialischer Mörder im Rang eines Unterscharführers war."

Paul Beschet über den 21. und 22.April: "Der Weg war anstrengend. Es regnete. Es sind nur noch 350Häftlinge übrig. Der Lagerkommandant habe gesagt, der Krieg sei zu Ende. Plötzlich werden alle Ungarn aus der Kolonne gerufen, es sind Juden. Schüsse fallen." Beschet flüchtet in den Wald und findet Unterschlupf. Die Häftlinge der Kolonne stoßen am 23. April in Tachov auf die Amerikaner. (upa)

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