Wegsehen, weghören, Aussage verweigern

Teile aus den Protokollen des NSU-Prozesses standen gestern im Fokus eines Theaterstückes. Das hatten drei Schülergruppen aus Zwickau, Chemnitz und Hamburg erarbeitet.

Zwickau.

Manchmal kommt es einem so vor, als wäre die Welt voller Affen. Alles Leute, die nichts gesehen haben wollen. Nichts gehört. Und die nichts sagen wollen.

Sie haben nur winzige Steinchen aus einem großen und womöglich für immer unfertigen Puzzle gezeigt und ihrem Publikum vor die Köpfe geworfen. Dennoch war schnell ersichtlich, wie die Schüler die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und vor allem die (juristische) Aufarbeitung der Taten des Terrornetzwerkes bewerten: als ein ermüdendes Stochern im Sumpf, bei dem viel zu viel unter der Oberfläche gehalten wird, bei dem viel zu wenig ans Licht kommt.

Schüler aus der Pestalozzischule in Zwickau haben mit Gästen aus Hamburg und aus Chemnitz gestern in der Aula ihrer Schule drei selbst gestaltete Theaterstücke zu einer Aufführung verwoben. Dazu haben alle drei Schülergruppen Zitate aus dem seit 2013 laufenden Prozess gegen Beate Zschäpe extrahiert und zu einem Meinungsbild zusammengeführt. Das zeigt an der Aufklärung desinteressierte Zeugen, die sich benehmen wie die legendären drei Affen - nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Es zeigt aber auch die Angehörigen der Opfer: Menschen ohne Ansehen. Die kein Gehör fanden. Die nichts zu sagen hatten. Die zehn Opfer, von denen neun keine deutsche Polizistin waren, standen lange in Verdacht, Opfer von organisierter Kriminalität geworden und damit möglicherweise selbst schuld zu sein.

Die Sprach-, aber auch die Hilflosigkeit war das hauptsächliche Thema der drei Schülergruppen, die ihre Stücke selbstständig erarbeitet hatten. Doch das ist nur ein Teil ihrer Arbeit. Ausgerechnet die Zwickauer Schüler sagten zu Beginn, sie hätten vorher kaum etwas über den NSU gewusst. Fast nur, dass Beate Zschäpe ein Haus an der Frühlingsstraße angezündet hat. Erst durch die Beschäftigung mit den Protokollen öffneten sich ihnen die Augen. Im Nachhinein sagte beispielsweise Lisa Riedel, das Thema müsse in der Schule behandelt werden. "Man muss doch wissen, dass so etwas auch in der eigenen Umgebung passiert ist."

Die Unwissenheit der Schüler widerspricht der Ansicht einiger Zwickauer Stadträte, die das Projekt nicht unterstützen wollten, weil ihrer Ansicht nach schon genug über den NSU geredet worden ist. Und jedes weitere Gerede die Stadt nur um ihren Ruf bringt. Dazu haben die Schüler, die das Stück heute in Chemnitz und im Januar in Hamburg aufführen, eine andere Meinung. Dennoch mussten sie gestern den skeptischen Räten indirekt wohl Recht geben. Denn die Aula war längst nicht voll besetzt, obwohl die Veranstaltung in einer Oberschule und einen Katzensprung von einem Gymnasium entfernt stattfand. Selbst aus der Politik waren nur drei Vertreter da.

Nach dem Stück blieben die Zuschauer beeindruckt zurück - aber ebenso ratlos wie die Schüler selbst. Denn die hatten mit ihrer Beschäftigung mit diesen Protokollen ebenfalls mehr Fragen als Antworten gefunden. Zum Beispiel die: Wieso ist es so schwer, die Wahrheit herauszufinden? Wie können Menschen andere hassen, nur weil sie nicht deutsch sind? Wie kann man überhaupt unpolitisch sein?

So viele Fragen: Antworten findet nur, wer hinsieht. Wer zuhören kann. Und vor allem, wenn die, die etwas zu sagen haben, auch den Mund aufmachen.


Theater rund um den NSU

Deutschlandweit und theaterübergreifend findet morgen auch im Zwickauer Malsaal eine Lesung der NSU-Prozessprotokolle statt. An diesem Tag vor fünf Jahren war das Haus an der Frühlingsstraße in die Luft geflogen, in dem das Trio bis zuletzt gewohnt hatte. 19.30 Uhr beginnt die Lesung - ebenso wie in Chemnitz, Jena, Nürnberg, Bautzen. Ab 21.15 Uhr gibt es eine Podiumsdiskussion.

"Auch Deutsche unter den Opfern" - so ist das Stück überschrieben, mit dem das Residenztheater München am Sonntag ab 19.30 Uhr im Malsaal Zwickau zu Gast ist. Es hinterfragt, warum die Deutschen sich so wenig betroffen fühlen und welche Rolle der Staat gespielt hat. Und es stellt die Frage, was gewesen wäre, hätten die Morde Deutsche ohne Migrationshintergrund getroffen. Auch nach dieser Veranstaltung ist eine Podiumsdiskussion geplant. Beginn ist 21.15 Uhr, der Eintritt ist frei.

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