Zwickauer Straße erinnert an Bergbautradition im Westen

Straßen, Botschafter, ungewöhnliche Orte: Der Journalist Christian Adler begibt sich auf die Spuren seiner Geburtsstadt. "Freie Presse" veröffentlicht einige seiner Berichte. Teil 48: drei Botschafter in Nordrhein-Wetsfalen.

Zwickau.

Zwickau und das linksrheinische Moers im Ruhrgebiet sind ehemalige Zentren des Bergbaus. Der Steinkohleabbau ist möglicherweise ein Grund, warum es in der laut PR-Broschüre "schönen Niederrheinmetropole" (105.000 Einwohner) eine Zwickauer Straße gibt. Das Fazit nach meiner fast 600 Kilometer langen Reise von Dresden in die zwischen Duisburg und Krefeld gelegene Stadt: Deutschlands facettenreichste Zwickauer Straße liegt in Moers - ich schwör's!

Auf nur 210 Metern Länge fand ich eine Vielfalt an Geschäften und Einrichtungen vor: unter anderem eine Kampfkunstschule, das Alevi- tische Kulturzentrum, Textilläden, einen Elektrogerätehändler, Restaurants, Frisöre und eine Filiale der "Sparkasse am Niederrhein". Ein Spielcasino, Internetcafé und Wettbüro sorgen für ein dichtes Unterhaltungsangebot. Einige Läden stehen leer, etwa der ehemalige Floristikhändler "Holländische Oase - Blumen mit Sti(e)l".

Die Zwickauer Straße erstreckt sich im Stadtteil Rheinkamp zwischen Donau- und Lindenstraße. In der Mitte zweigen die Mosel- und Jahnstraße ab. Am Straßenschild klemmt eine kleine Tafel mit dem Erklärtext "sächsische Kreisstadt". In der Regel zweimal pro Stunde stoppt an der Bushaltestelle "Zwickauer Straße" die Linie 4, die zwischen den Stationen "Repelen Markt" und "Hülsdonk Hauptfriedhof" pendelt. In der Nähe des Bushalts hing ein Transparent der "Blue Blood Brothers 1902" - ein Fanclub von Zwickaus Drittliga-Konkurrent MSV Duisburg.

Am östlichen Ende von Deutschlands am westlichsten gelegener Zwickauer Straße steht ein auf- fälliger Kiosk, die "Trinkhalle Karatas". Schräg gegenüber startete die Nachbarschaftsinitiative "Meerbecks muntere Männer" im Sommer den Bau einer Boulebahn. Bei den Bauarbeiten kam ein Luftschutzraum zutage - neben Bremen und Dortmund (vorgestellt im Teil 1 dieser Serie) die dritte Zwickauer Straße mit einem Bunker.

An der Grünfläche befindet sich ein Förderwagen-Denkmal mit gekreuzten Hämmern, Bergarbeiter- figuren und dem Schriftzug "Meerbeck". So heißt das hiesige Wohn- gebiet - in Moers "Wohnplatz" genannt. Von 1904 an entstand hier eine auf dem Reißbrett geplante Siedlung, in der sich Bergarbeiter aus dem gesamten Deutschen Reich - wohl auch aus dem Zwickauer Revier - niederließen.

Die originalgetreu restaurierte, sogenannte "Kolonie Meerbeck" zählt zu den schönsten Zechensiedlungen Deutschlands. Sehenswert sind die Häuser mit grünen Fensterläden und Klinkerverzierungen im Bereich Zwickauer Straße/Donaustraße. Eine Gedenktafel an der "Zwickauer" liefert Information zur Geschichte des Viertels. Überhaupt ist Moers eine überraschend hübsche Stadt.

Doch wie erhielt Zwickaus Botschafterin in Moers nun ihren Namen? Infolge einer kommunalen Neugliederung ist die Kirchstraße 1977 in Zwickauer Straße umbenannt worden. "Keine Straße sollte doppelt im Stadtgebiet vorkommen", teilt die Rathaus-Pressestelle mit und fügt hinzu: "Anstelle der Stadt Zwickau hätte jede andere Stadt stehen können." Leider habe man zum Sachverhalt nicht mehr herausfinden können. Die Zwickauer Straße fällt aus der Reihe, da in ihrem direkten Umfeld keine weitere Straße nach einer ostdeutschen Stadt benannt ist. Das Motiv der gemeinsamen Bergbautradition könnte also vor 40 Jahren durchaus in die Namensgebung eingeflossen sein.

Auf dem Weg in den tiefen Westen habe ich auf zwei weiteren Zwickauer Straßen gestoppt. Im 67.000 Einwohner zählenden Lippstadt bei Paderborn liegt die 250 Meter lange Straße in einem ab 1982 erschlossenen Wohngebiet des Stadtteils Lipperbruch. Dort gilt Tem- po 30. In Schneebergs Partnerstadt Herten (61.000 Einwohner), das an Gelsenkirchen und Recklinghausen grenzt, erschließt die 100 Meter lange Sackgasse ebenfalls ein Wohngebiet neueren Typs im Stadtteil Disteln. Der Turm der Kirche St. Josef prägt die Silhouette dieser Straße.

www.zwickautopia.de

www.freiepresse.de/spuren

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