25 Jahre im Dienste der Ex-Feinde

Die Bundeswehr hat in diesem Jahr zwei Jubiläen begangen. Ihre Gründung vor 60 Jahren und die Vereinigung mit der Nationalen Volksarmee der einstigen DDR vor 25 Jahren. Vor allem letzteres war eine Herausforderung. Brigadegeneral Gert Gawellek, ein ehemaliger Offizier der NVA, hat es miterlebt - und mitgestaltet.

Chemnitz.

Auch für den jungen Gert Gawellek begann 1989/90 eine neue Zeit. Mit 19 Jahren SED-Mitglied, dann Ausbildung und später Kommandeur von Fallschirmjäger- und Aufklärungseinheiten. Der 1959 in Plauen geborene und in Heiligenstadt aufgewachsene Gawellek hatte bis dahin eine Bilderbuchkarriere bei der Nationalen Volksarmee der DDR hingelegt. Dann kam die Wende. "Das Koordinatensystem, in dem ich gelebt hatte, wurde plötzlich durch ein völlig neues abgelöst. Das war einschneidend und schmerzhaft", sagt Gawellek. Nachvollziehbar. Im September 1990 kehrte er von einem dreijährigen Studium an der Führungsakademie "Frunse" in Moskau zurück. "Als ich von dort zurückkam, prallten die bereits vollzogenen Veränderungen in der DDR und in der NVA auf mich ein. Die Wende hatte ich im fernen Russland verfolgt." Heute ist er Brigadegeneral der Bundeswehr.

Ähnlich wie Gawellek dürften damals viele NVA-Soldaten empfunden haben. Major Jochen Maurer, Historiker vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, bezeichnet das Verschmelzen der beiden einst feindlichen Armeen auch als Zäsur, stellt sie aber in ihrer Bedeutung neben das "Out-of-area"-Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1994. Das wurde nötig, weil sich die Bundeswehr unter anderem mit 1700 Soldaten an der UN-Operation Somalia beteiligt und dies zu heftigen Debatten geführt hatte. Nach dem Richterspruch konnte die Bundeswehr auch außerhalb des Nato-Gebietes - die Zustimmung des Deutschen Bundestages vorausgesetzt - agieren. Seitdem gilt die Bundeswehr als "Parlamentsarmee". Maurer: "Ich weiß nicht, was die Bundeswehr mehr verändert hat: die Vereinigung oder das Urteil über die Auslandseinsätze. Fest steht aber, dass beides nicht nur zeitlich eng miteinander zusammenhing."

Gawellek war zum Zeitpunkt des Urteils des Bundesverfassungsgerichts schon mehrere Jahre bei der Bundeswehr. Er erinnert sich an die Anfänge: "Beim ersten Tragen der Bundeswehruniform fühlte ich Beklemmung und Neugier zugleich. Es war natürlich die Uniform des ehemaligen Feindes. Beim Blick in den Spiegel dachte ich so für mich: Gawellek, Sieger sehen anders aus!" Doch gleichzeitig verspürte er auch "Neugier auf das, was so fremd war". Er probierte das Barett auf, oder wusch den Feldanzug mehrfach, damit er nicht so neu aussah.

Er kann sich auch noch gut an den 2. Oktober 1990 in der Kaserne in Bad Frankenhausen (Thüringen) erinnern: "Damals paradierten alle noch in NVA-Uniformen, zwei Tage später stand die gesamte Formation in nagelneuen Bundeswehruniformen auf dem Appellplatz." Er gibt rückblickend zu: "Man wusste schon, dass die Einheit Wille des Volkes war, musste sich aber auch eingestehen, dass ein wichtiges Argument für den Dienst in der Bundeswehr die soziale Sicherheit war." Seine ersten Eindrücke von der Bundeswehr? Ihm fiel der Umgang untereinander auf, ausgesuchte Höflichkeit und Manieren. "Der Kasernenhofton, den ich noch bei der NVA kennengelernt hatte, fehlte. Rückblickend hat mich von Anfang an das selbstbewusste Auftreten des gut ausgebildeten Unteroffizierskorps beeindruckt."

Die NVA war zum 3. Oktober 1990 aufgelöst, die Truppenteile, Soldaten und das Material in die Bundeswehr übernommen worden. Genau genommen hat es eine Vereinigung der beiden Armeen also gar nicht gegeben. Damals bestanden laut Historiker Maurer vier grundlegende Probleme: "Man musste tonnenweise Material der NVA übernehmen, die Bundeswehr musste in den neuen Ländern aufgebaut werden, Personalfragen mussten geklärt und das Integrationsproblem berücksichtigt werden."

Zur Ausrüstung der NVA gehörten damals rund 3000 Kampfpanzer, 800 Flugzeuge und Hubschrauber, rund 134.000 Radfahrzeuge, über 1,3 Millionen Handfeuerwaffen sowie 300.000 Tonnen Munition. "Es wurde eigens eine Gesellschaft gegründet, die das abwickeln sollte. Vieles davon wurde verschrottet, weniges in die Bundeswehr überführt und der Rest schlichtweg verschenkt. 93 Prozent des Materials sind vernichtet worden." Für den Laien klingt das nach Verschwendung. Dazu Maurer: "Es waren Waffen und Ausrüstung aus einem anderem militärischen System. Alles war nur schwer zu integrieren, vieles nicht kompatibel." Hinzu kam, dass auch die Bundeswehr abrüsten sollte. Im 2-plus-4-Vertrag wurde die Bundeswehr auf 370.000 Mann beschränkt. Dies bedeutete eine Reduzierung um fast 130.000 Soldaten. Im Rahmen der Rüstungskontrolle für die konventionellen Streitkräfte in Europa war 1990 weitere Abrüstung vorgeschrieben worden. "Das Heer beispielsweise musste 40 Prozent seiner Panzer verschrotten."

Kurzfristig übernommen wurden 24 MIG-29-Flugzeuge aus NVA-Beständen. Maurer: "Das war ein Kurzstrecken-Abfangjäger, der schnell in der Luft sein konnte. In Westeuropa musste aber nach 1990 niemand mehr abgefangen werden. Die MIGs wurden für ein Einsatzszenario gebaut, das es so nicht mehr gab. Daher wurden sie später auch an Polen verkauft."

Bei den ersten Auslandseinsätzen stellte die Bundeswehr fest, dass sie nur unzureichend für mobile Einsätze im Ausland ausgerüstet war. Maurer: "Man brauchte zum Beispiel mobile Gefechtsstände, von denen aus geführt und die Lage bewertet werden konnte. Daher hat man auf mobile Container der NVA zurückgegriffen. Es waren Gefechtsstände, die man bei einem Angriffskrieg im Sinne der NVA im gegnerischen Gelände mitführen konnte."

1990 standen 90.000 Soldaten im Dienst der NVA, 39.000 davon waren Wehrdienstleistende, 50.000 Zeit- und Berufssoldaten. Jeder Längerdienende der NVA konnte sich auf zwei Jahre bewerben. Jeder Zweite von ihnen hat das auch gemacht: 11.700 Offiziere, 12.300 Unteroffiziere und 1000 Mannschaftsdienstgrade haben diesen Antrag gestellt. Die andere Hälfte ist auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Jeder Antragssteller, der beim Ministerium für Staatssicherheit oder beim Amt für Nationale Sicherheit mitgearbeitet hatte, schied von vornherein aus, ebenso die Politoffiziere.

Maurer: "Rund 12.200 ehemalige NVA-Soldaten erhielten nach dem Verfahren eine Zusage für eine Weiterbeschäftigung. Bis Ende 1993 hat sich die Anzahl nochmals verringert: Die angegebenen Zahlen über die Ausgeschiedenen schwanken zwischen 1400 und 2200." Nicht nur die genauen Zahlen sind unklar, auch bei der Integration der Ost-Soldaten gibt es nach wie vor viele offene Fragen, die das Potsdamer Zentrum in einem gerade begonnenen Forschungsprojekt aufklären möchte. Maurer: "Grundsätzlich sind die Übernommenen damit klargekommen, aber es war nicht so ganz einfach: Es gab persönliche Vorbehalte und vereinzelt Probleme im Umgang mit der Führungsstruktur der Bundeswehr. Auch Misstrauen und Vorurteile sowie andere Reibungspunkte. In welchem Ausmaß aber, wissen wir nicht. Das wollen wir erforschen."

Gawellek berichtet darüber aus seiner persönlichen Sicht. Grundsätzliche Zweifel an seinem Dienst in der Bundeswehr kamen bei ihm nach zwei, drei Jahren. "Wenn alles von oben nach unten gekehrt wird, nimmt man nichts mehr als gegeben hin. Man stellt sich selbst in Frage und stellt anderen Soldaten kritische Fragen. Diesen kritischen Blick verliert man nie mehr." Der Brigadegeneral hält ihn auch in der heutigen Zeit für wichtig. "Als Soldat sehe ich es als meine Pflicht an, nicht nur treu zu dienen, sondern auch zu fragen, nachzuhaken, wenn Sinn und Logik mancher Entscheidungen nicht oder zunächst nicht erkennbar sind. Rückgrat halte ich für eine Kerntugend von Offizieren." Trotz aller Probleme: "Es war alles fair damals. Die Bundeswehr hat mir eine Chance gegeben, die ich genutzt habe. Heute empfinde ich vor allem Dankbarkeit."

Wie aber hat sich der Charakter der Bundeswehr in den 25 Jahren verändert? Laut Maurer haben sich natürlich die Selbstwahrnehmung und auch der Auftrag der Truppe gewandelt. War es früher eine Armee für die Landesverteidigung, so ist es heute eine Einsatzarmee im Rahmen der internationalen Sicherheitspolitik. "Die Bundeswehr firmiert im Kern auch heute noch als ,Armee der Einheit'. Das wurde nie ad acta gelegt. Ob sie wie oft behauptet, ein Motor für das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten war, ist auch Gegenstand unseres Forschungsprojektes."

Brigadegeneral Gawellek hält die "Armee der Einheit" heute für eine Selbstverständlichkeit. In der Bundeswehr habe sich seit der Wiedervereinigung ein überzeugendes gemeinsames Fundament entwickelt. "Offensichtlich ist, dass die Bundeswehr heute mit der dazu erforderlichen raschen Integrationsleistung, mit Anwendung von Behutsamkeit, Toleranz, Verständnis und Verstehen, Respekt, Geradlinigkeit und Stärke eine sichtbare und vorzeigbare Vorbildfunktion für die Gesellschaft darstellt. Die ,Armee der Einheit' ist vor allem ein Ergebnis der Tat, nicht schöner Reden."

Gawellek wurde Anfang 2014 als erster ehemaliger NVA-Offizier zum General der Bundeswehr ernannt. Ein weiterer Baustein in seiner Bilderbuchkarriere. Er selbst bleibt aber geerdet: " Der Offiziersberuf ist sicher ein Karriereberuf, aber Karriere ist nicht alles." Ab nächstem Jahr wird Gawellek stellvertretender Divisionskommandeur der Division Schnelle Kräfte. Die in der Öffentlichkeit bekannteste unterstellte Einheit ist das Kommando Spezialkräfte (KSK).

 

Buchtipp

Rudolf J. Schlaffer und Marina Sandig, Die Bundeswehr 1955 bis 2015: Sicherheitspolitik und Streitkräfte in der Demokratie, erschienen im Rombach-Verlag Freiburg, Berlin, Wien, ISBN: 9783793098362, 28 Euro.

 Fakten und Zahlen zur Bundeswehr und zur Nationalen Volksarmee

Zehn Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht ernannte der damalige Bundesverteidigungsminister Theodor Blank am 12. November 1955 die ersten Freiwilligen zu Berufs- und Zeitsoldaten der neuen westdeutschen Streitkräfte. Damit schlug die Geburtsstunde der Bundeswehr, die allerdings erst von April 1956 an auch so hieß. Die DDR-Volksarmee, am 18. Januar 1956 offiziell gegründet, wurde 1990 aufgelöst. Die Institution NVA wurde nicht übernommen, wohl aber ein Teil der Soldaten. Die "Armee der Einheit" war geboren.

Unter den NVA-Soldaten, die damals übernommen wurden, waren rund 3000 Offiziere, etwa 5000 höherrangige Unteroffiziere mit Portepee, knapp 2600 rangniedrigere Unteroffiziere ohne Portepee. Mit Stand Oktober 2015 betrug die Anzahl der aktiven Soldaten in der Bundeswehr, die früher in der NVA gedient haben, nur noch 2213. Laut Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr wird in der Statistik nicht nach den Dienstgraden unterschieden.

Mit Stand 30. November 2015 dienten 7664 Soldaten, die zumindest ihren Wohnsitz in Sachsen haben. Wie viele Soldaten mit ostdeutscher Biografie insgesamt, unabhängig vom Wohnsitz, tatsächlich ihren Dienst tun, ist Teil der Forschung. Laut Webseite hat die Bundeswehr derzeit eine Stärke von 168.700 Berufs- und Zeitsoldaten sowie 9498 Freiwillig Wehrdienstleistenden. 19.377 Frauen dienen in den Streitkräften.

Das damals neu geschaffene Bundeswehrkommando Ost löste bis Ende Juni 1991 mehr als 350 Dienstellentruppenteile (Standorte) in den neuen Bundesländern auf. Dafür wurden aber auch 200 neue aufgestellt. Rund 58.000 Soldaten der Bundeswehr waren 1994 in den neuen Ländern stationiert. In Sachsen sind derzeit noch 2900 Soldaten stationiert.(slo)

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