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Immer in Bewegung: Christian Lindner trifft zu einer Veranstaltung auf dem Messegelände in Chemnitz ein. Das Auto ist rollende Wahlkampfzentrale und Ruheraum in einem.

Foto: Ralph Köhler

Der rasende Retter

Christian Lindner hat die FDP ganz nach seinen Vorstellungen geformt, mit ihm als einsamer Spitze. Jetzt sind die totgesagten Liberalen auf dem Weg zurück ins Parlament. Es scheint wie ein kleines Wunder - und ist doch das Gegenteil.

Von Sascha Aurich
erschienen am 13.09.2017

Chemnitz. Sie sind schon ganz hibbelig, die Jungliberalen, die auf ihren Helden warten. Im Vorraum des Schmalenbach-Hörsaals an der Handelshochschule in Leipzig haben sie ihre Flyer ausgelegt und Aufkleber mit frechen Sprüchen. "Lieber bekifft ficken als besoffen fahren", solche Sachen. Der liberale Nachwuchs sieht zwar eher brav aus, aber wer weiß. Und wer weiß, was dieser neuen FDP alles zuzutrauen ist.

Der Retter der Liberalen betritt den Hörsaal an diesem heißen Augusttag leicht verspätet. Christian Lindner war erst mal auf der Toilette. Macht er immer so, sagt er, wenn er eine deutsche Hochschule besucht. Natürlich nicht, weil er vielleicht mal muss. "An den Toiletten sieht man, welchen Respekt eine Gesellschaft vor ihrem akademischen Nachwuchs hat." Staunen und Nicken. In Lindners Vortrag wird es um Existenzgründung gehen. Aber bevor er spricht, soll Lindners Publikum wissen, dass es ihm wichtig ist. Dass es Respekt verdient. In jeder Lebenslage, auch auf dem Klo.

Die FDP pflegt einen neuen Ton, eine neue Form der Ansprache. Augenhöhe statt Arroganz. Und sie hat ein neues Gesicht. Lindner, der früher wie ein Besserwisser-Bubi rüberkam, hat harte Zeiten und eine Haartransplantation hinter sich. Er trägt jetzt Falten und Bart. Der 38-Jährige, der seit Dezember 2013 Parteichef ist, soll wirken wie eine Mischung aus Model und Macher, zu bestaunen auf perfekt fotografierten Wahlplakaten. "Edelbewerber" nennt ihn "Spiegel Online" spöttisch.

In der Politik ist längst nicht mehr egal, wie man aussieht. Ein Mann von der Statur eines Franz-Josef Strauß hätte 2017 selbst in Bayern schlechte Karten. US-Präsident Obama, Kanadas Premier Trudeau und der französische Präsident Macron haben neue Standards gesetzt, was Aussehen und Fitness angeht. Das Image, das Lindner pflegt, erinnert an solche Vorbilder. Inzwischen sei der Körper ein "Wahlkampfobjekt", sagte der Mediziner und Moderator Eckart von Hirschhausen kürzlich dem "Spiegel". Lindner sei "ein völlig neuer Typus, der vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre".


 

Es funktioniert. Über keine andere Wahlkampagne wird so viel diskutiert wie über die der FDP. So nah an moderner Produktwerbung sind die Motive, dass sie zur Parodie einladen. Der Spruch "Alle elf Minuten verliebt sich ein Liberaler in sich selbst" neben einem Foto vom verklärt dreinblickenden Lindner, in Anspielung auf den Werbespruch einer Partnervermittlung - solche Montagen sind im Internet gerade ziemlich beliebt. Manche Lindner-Plakate sehen aus wie Werbung für ein neues, teures Parfum.

Aufmerksamkeit ist im Wahlkampf die härteste Währung. Deshalb ist Lindner auch nicht eingeschnappt, wenn im Netz über ihn gewitzelt wird, im Zweifel lacht er mit. Lindner zeigt sogar die Fähigkeit zur Selbstironie. Am Ende seines Vortrags vor den Wirtschaftsstudenten in Leipzig macht er noch ein bisschen Werbung für die FDP und ermuntert zum Parteieintritt. "Den FDP-Mitgliedsantrag auszufüllen "ist wie das innere Aufsteigen eines Vogelschwarms", sagt er schmunzelnd, "das können Sie sich heute noch gönnen." Die Studenten sind glücklich, Lindner ist hier fertig. Ab in den BMW. Weiter, immer weiter.

Linders Dienstwagen hat das Kennzeichen B -- FD 249. FD wie Freie Demokraten, 249 wie das Datum der Bundestagswahl. Er will das Comeback, dafür gibt er Vollgas. Sein Auto ist Wahlkampfzentrale und Ruheraum in einem. Anders als die meisten Spitzenpolitiker nimmt Lindner keine Journalisten in seinem Wagen mit. "Aus Prinzip", wie sein Sprecher sagt. Man kann aber mit ihm telefonieren, wenn er von einem Termin zum nächsten fährt.

Im Wahlkampf ist Lindner eine Kommunikationsmaschine. Kaum ein Spitzenpolitiker nutzt die Sozialen Netzwerke so intensiv wie der FDP-Chef. Mehr als 200.000 Menschen folgen ihm bei Facebook, gut 170.000 sind es bei Twitter. Auch auf der Fotoplattform Instagram ist er präsent. Mehrmals pro Tag wendet sich Lindner an sein Publikum. Videos, Fotos, Terminhinweise, das Wahlprogramm in Kurzform - wer Lindner abonniert, bekommt die volle FDP-Dröhnung. Und nicht nur irgendwie, sondern immer gut gemacht, in Form wie Inhalt.

Wer mag, kann sich von Lindner Whats-App-Nachrichten aufs Smartphone schicken lassen. "Sitze gerade auf dem Rückweg aus Hessen im Auto und bereite mich auf meine Diskussion morgen Abend bei Illner intensiv vor. (...) Wünsche euch einen schönen Abend! CL" Ein typischer Lindner, gesendet am Mittwoch, 6. September, 22.54 Uhr. Lindner arbeitet auch dann, wenn andere schlafen. Whats-App-Status: verfügbar. Wenn der gelbe Pullunder das Markenzeichen von FDP-Legende Hans-Dietrich Genscher war, ist es bei Lindner das Smartphone. Und er bedient natürlich auch klassische Medien. Fernsehen, Zeitung, Radio - kein Tag im Wahlkampf, an dem Lindner nicht mehrfach vorkommt.

Wer so lebt, darf auch mal müde aussehen, wie Lindner in den schicken FDP-Wahlwerbespots. Wie die Plakate sind diese Kurzfilme kleine Kunstwerke, intelligent und mit großem Aufwand gemacht. Für eines der Videos wurde Lindner wochenlang von einem Fotografen begleitet. Tausende Schwarzweißfotos entstanden, daraus bastelte die Berliner Werbeagentur "Heimat" dann einen coolen Clip. Der wurde auch deshalb bekannt, weil Lindner beim Rasieren und in einer Art Unterhemd zu sehen ist. Es ist das Bild der neuen FDP in 87 Sekunden. Lindner inszeniert sich darin als Leistungsträger, aber nicht als Supermann. Man soll ihm schon glauben können, was er da abzieht.

Lindner ist immer im Dienst. "Urlaub ist nur Arbeiten an einem anderen Ort", twittert er zu dem Hinweis, dass er der "Mallorca-Zeitung" gerade ein Interview gibt. Wann er seine Ehefrau sieht, die als stellvertretende Chefredakteurin bei der Zeitung "Die Welt" arbeitet, bleibt sein Geheimnis. Sein Programm ist straff.

Noch vor dem Auftritt am Mittag an der Hochschule in Leipzig hat er einen Termin in Berlin. Nach dem Vortrag vor den Studenten gibt er in Dresden einer Zeitung ein Interview. Am Abend ist er eingeladen bei der FDP-nahen Külz-Stiftung in Chemnitz. Ein normaler Lindner-Tag.

Mehr als 400 Zuhörer warten in Halle 2 der Chemnitz-Arena, vor der deutlich mehr Porsches und dicke Audis als bei anderen Veranstaltungen stehen. Es soll um die Digitalisierung gehen und um die Frage, welche Zukunft die Industrie in Sachsen hat. Der Abend wird jedoch noch eine andere Note bekommen. Lindner teilt sich das Podium mit einem SAP-Manager und mit Jörg Brückner, dem sächsischen Arbeitgeberpräsidenten. Brückner führt das Kupplungswerk Dresden, eine traditionsreiche Mittelstandsfirma. Man redet über langsames Internet, die Jugend von heute und die Probleme, gute Mitarbeiter zu finden.

Dann schneidet Lindner das Thema Pegida an. "Glaubt denn jemand von Ihnen, wenn am Montagabend irgendwelche sogenannten Patrioten das Abendland verteidigen mit dummen Parolen, dass eine weltoffene Familie sagt, da bauen wir jetzt unser Leben auf?" Auch das gesellschaftliche Klima sei ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung. "Sachsen ist weltoffen", entgegnet Brückner entrüstet, "wir brauchen keine Belehrungen." Er bekommt viel Beifall. Deutlich mehr als Lindner, als er hinterherschiebt, "dass die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen sich nicht mehr repräsentiert sehen wollen durch die Leute, die am Montag da Spaziergänge machen".

Toleranz ist für die Lindner-FDP nicht verhandelbar. Oder? Ein paar Wochen später tritt Lindner in Dresden auf. In den Tagen zuvor hatte er Kritik einstecken müssen für ein Interview, in dem er sinngemäß forderte, Flüchtlinge schnell in ihre Herkunftsländer zurückzuschicken, wenn sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht gebraucht würden. Er habe nur die Rechtslage referiert, verteidigt er sich. Und er sagt einen Satz, der auch von einem AfD-Politiker stammen könnte: "Vielleicht hängt manche Verunsicherung in unserem Land und auch auf den Straßen von Dresden damit zusammen, dass man sich in Deutschland fast gar nicht mehr traut, auszusprechen, was in den Gesetzen steht."

Das hätte womöglich auch Gerhard Papke gefallen. Der 56-Jährige war lange Fraktionsvorsitzender der Liberalen in Nordrhein-Westfalen, er kennt Lindner seit fast zwanzig Jahren. Papke ist derzeit die einzige halbwegs prominente FDP-Stimme, die Lindner öffentlich kritisiert. Zum Bruch zwischen den Weggefährten kam es bei der Debatte um die Neuausrichtung der Partei.

Vor vier Jahren waren die Liberalen mausetot. Minus 9,8 Prozent bei der Bundestagswahl, mit 4,8 Prozent rausgewählt aus dem Parlament. "Bildungsurlaub" nennt Lindner die Zeit, die danach kam, die Wirklichkeit sah anders aus. In der Partei entbrannte ein Streit um den Kurs. Die Eurogegner brachten sich in Stellung, Papke veröffentlichte ein islamkritisches Papier. Lindner wollte keinen Richtungswechsel nach rechts - und gewann. In einem Buch rechnete Papke in diesem Sommer mit Lindner ab. Inhaltliche Beliebigkeit und "Lifestyle-Inszenierung" wirft er ihm unter anderem vor.

Christian Lindner hat in der Politik schon vieles gesehen. Mit 18 trat er in die FDP ein, mit 19 fuhr er Porsche ("vom selbst verdienten Geld bezahlt") mit 21 saß er im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Es sah gut aus. Dann erlebte er, was schieflaufen kann, wenn eine Partei außer Kontrolle gerät. Unter Jürgen Möllemann, der sich das Leben nahm. Und mit Guido Westerwelle, der seine Partei 2009 mit dem Rekordergebnis von 14,9 Prozent in eine schwarz-gelbe Regierung führte und danach einen beispiellosen politischen Absturz durchmachte. Beide hatten mit der FDP Großes vor, jeder scheiterte auf seine Weise.

Lindner hat daraus gelernt. Beim Wiederaufbau überließ er nichts dem Zufall: Umfragen, Wähleranalysen, Leitbildprozess - die neue FDP ist eine Partei vom Reißbrett. Optisch ist sie jetzt eine schöne Projektionsfläche. Und inhaltlich? Das miese Image als Klientelpartei will man loswerden - obwohl die kleinen Liberalen auch 2017 nur knapp hinter der großen CDU liegen, wenn es um Geldspenden aus der Wirtschaft geht - 1,6 Millionen Euro sind es bereits in diesem Jahr.

Bildung ist einer der Schwerpunkte im liberalen Wahlprogramm, sie soll "gesamtgesellschaftliche Aufgabe" werden. Geht es nach der FDP, wird der Bildungsföderalismus abgeschafft, Abschlüsse sollen einheitlich und vergleichbar sein. Bei Lindners Lieblingsthema Digitalisierung steht der flächendeckende Ausbau des Glasfasernetzes ganz oben auf der Agenda. Damit das klappt, soll der Staat seine Post- und Telekom-Aktien verkaufen.

Und dann wäre da noch die Sache mit den Flüchtlingen. Bei seinen Reden schlägt Lindner oft strenge Töne an - er betont die Notwendigkeit rascher Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber, schimpft über den "Kontrollverlust" im Sommer 2015 und fordert "geordnete Zuwanderung statt grenzenloser Aufnahme und zu großer Nachsicht bei Integrationsdefiziten". In ihrem Wahlprogramm wirbt die FDP für ein Einwanderungsgesetz mit einem Punktesystem, das sich an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausrichtet. Allein dieses Thema dürfte eine große Hürde werden, sollte nach der Wahl ein Bündnis aus Union, Grünen und FDP im Raum stehen. Glaubt man Lindner, ist die FDP sowieso nicht heiß aufs Regieren.

Aber: Geht Schwarz-Gelb, kommt wohl auch Schwarz-Gelb. "Der Druck, das zu machen, wäre sehr hoch", sagt einer aus dem Führungszirkel der Partei. Lindner würde dann übrigens nicht Außenminister werden, das hat er schon gesagt. Er bleibe lieber seinen fachlichen Schwerpunkten treu, Wirtschaft, Bildung, Digitalisierung.

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