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Der Umzugshelfer, den Thüringer Observateure am 6. Mai 2000 in Chemnitz vor der Wohnung der mutmaßlichen NSU-Unterstützerin Mandy S. fotografierten, ähnelte Uwe Böhnhardt stark. Doch zum Bestätigen ihres Verdachts ließen sich Geheimdienstler und Fahnder jede Menge Zeit.

Foto: LfV Thüringen

NSU-Ermittlungen: Das merkwürdige Verhalten von Böhnhardts Zielfahndern

Bei den Ermittlungen gibt es Ungereimtheiten zuhauf. Sachsens Untersuchungsausschuss fühlt jetzt Fahndern auf den Zahn, die kurz vorm ersten Mord glaubten, Uwe Böhnhardt fotografiert zu haben - und ihn laufen ließen.

Von Jens Eumann
erschienen am 12.03.2018

Chemnitz/Dresden. Die Observation vorm Haus Bernhardstraße 11 lief seit Vormittag. Plötzlich hatte der Mann vom Thüringer Verfassungsschutz eine unbekannte männliche Person vor der Kamera. Dass der Mann, der da am 6. Mai 2000 um 18.52 Uhr begann, Möbelteile ins Haus zu schleppen, dem seit über zwei Jahren zur Fahndung ausgeschriebenen Uwe Böhnhardt zum Verwechseln ähnlich sah, erkannten auch die Thüringer Geheimdienstler. Schließlich war da nicht nur der Kurzhaarschnitt, durch den sich die meisten Männer der rechtsextremen Szene damals sehr ähnelten. Auch die Segelohren passten.

Böhnhardts Bild hatten die Observateure vor Augen. Immerhin galt die Aktion laut Antrag ja nur dem Zweck, das Trio Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe aufzuspüren. Im Januar 1998 waren die Drei aus Jena verschwunden, als man dort in einer Garage ihre Bombenwerkstatt ausgehoben hatte - mit Rohrbomben und knapp 1,4 Kilogramm Trinitrotoluol (TNT). Nun vermutete man sie in Chemnitz.

Zwar sollten Zielfahnder des Thüringer Landeskriminalamts und auch das LKA Sachsen die Observation flankieren, nach Aktenlage waren sie in Vorbereitungen eingebunden. Dennoch - am Abend des 6. Mai 2000 erfolgte kein Zugriff. Rund 17 Wochen vorm ersten der heute dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) zugeschriebenen Morde glaubte man den international gesuchten Böhnhardt in Chemnitz ausgemacht zu haben - ließ die Person aber laufen.

Bei der Adresse Bernhardstraße 11 handelte es sich um die der Friseurin Mandy S., die seit Auffliegen des NSU im November 2011 als Unterstützerin gilt. Dokumente belegten, dass Zschäpe im Untergrund ihren Namen als Tarnidentität nutzte. Mandy S. selbst räumt ein, Zschäpe im Untergrund ihre AOK-Karte gegeben zu haben, um ihr einen Besuch beim Arzt zu ermöglichen.

Doch zurück ins Jahr 2000: Neun Tage nach Aufnahme der Fotos in Chemnitz informierte der Thüringer Verfassungsschutz das Thüringer LKA. Man bat, die Identität der Böhnhardt ähnlichen Person "auf polizeilichem Weg" zu klären. Auch beim Thüringer LKA ließ man sich Zeit. Zwei Wochen später schickte man die Observationsfotos samt Vergleichsfoto von Böhnhardt als Anfrage ans BKA. Die Antwort dauerte noch mal drei Wochen. Am 23. Juni schrieben BKA-Auswerter: "Die bei einem allgemeinen Vergleich festgestellten optischen Übereinstimmungen deuten darauf hin, dass es sich bei den auf den betreffenden Aufnahmen abgebildeten männlichen Personen um ein und dieselbe Person handelt." Nur war diese Person inzwischen weg. Telefonüberwachung und Video-Observationen bei Mandy S. und ihrem Freund Kay S. ergaben keine weiteren stichhaltigen Treffer. Getroffen wurde am 9. September statt dessen der 38-jährige Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg - von acht Kugeln. Er starb zwei Tage später.

 

Zwei Thüringer Fahnder unterzeichneten den Bericht, nach dem Böhnhardts Spur in Chemnitz abriss. Sachsens NSU-Ausschuss will jetzt erstmals den zweiten Mann anhören, um offene Fragen zu klären.

Foto: Repro: Aktenvermerk LKA Thüringen

Im Zuge der Aufklärung ab 2011 berief man in Thüringen eine Kommission unter Vorsitz des Ex-Bundesrichters Gerhard Schäfer ein. Sie sollte das Handeln Thüringer Behörden im NSU-Komplex nachträglich beleuchten. Im Mai 2012 gab die Schäfer-Kommission ein 273-Seiten-Gutachten ab, in dem viele Spuren öffentlich wurden - auch die Observation an der Chemnitzer Bernhardstraße. Allerdings kam die Kommission zu dem Schluss, dass es sich bei der auf den Observationsfotos abgebildeten Person nicht um Böhnhardt gehandelt habe. Immerhin habe man der Wohnungsinhaberin Mandy S. die Fotos später vorgehalten. Und diese habe ihren Bekannten Daniel H. darauf erkannt.

Der Vorfall, auf den das Schäfer-Gutachten Bezug nahm, hatte sich am 23. Oktober 2000 ereignet, also bereits nach dem ersten Mord. Erneut hatten Thüringer Observateure - diesmal von der Zielfahndung des LKA - unterstützt von sächsischen Polizisten des Mobilen Einsatzkommandos Chemnitz (MEK), das Haus Bernhardstraße 11 beobachtet. Zielpersonen der Aktion waren Mandy S. und ihr Freund Kay S. Allerdings unterbrach man mittags die Observation auf Befehl des Thüringer Fahnders Sven Wunderlich. Der lief über die Straße und klingelte Kay S. heraus. Der Einsatzleiter des MEK Chemnitz wunderte sich später, solches Vorgehen habe er in seiner Dienstzeit noch nie erlebt.

Dieses Bild von Böhnhardt schickte man zum Vergleich mit ans BKA.

Foto: LfV Thüringen

Laut Fahnder Wunderlich sollte das Ansprechen von Kay S. eine Reaktion provozieren. Man habe ihm das Foto gezeigt. S. habe behauptet, die Person kenne er nicht. Von der Adresse seiner Freundin habe man Kay S. dann zu dessen eigener Wohnung an der Hainstraße mitgenommen, um zu prüfen, ob sich Böhnhardt dort aufhalte, sagte Wunderlich. Das sei nicht der Fall gewesen. Als man Kay S. zur Bernhardstraße zurückgebracht hatte, lief die Observation wieder an. Das MEK Chemnitz folgte nun Kay S., als dieser - jetzt mit eigenem Auto - erneut zu seiner Wohnung fuhr. Er schleppte einen Haufen Papiere aus der Wohnung und verbrannte sie auf einem Grill auf dem Garagenhof.

Warum niemand die mutmaßliche Beweismittelvernichtung verhinderte, darüber hatte sich schon der erste NSU-Untersuchungsausschuss des Sächsischen Landtags gewundert. Als Zeuge erörterte Thüringens Zielfahnder Wunderlich kopfschüttelnden Ausschussmitgliedern, die Aufgabe sei damals nicht gewesen, Papiere zu sichern, sondern Böhnhardt zu finden ("Freie Presse" vom 10. September 2013).

Während die Chemnitzer Polizisten ohne Befehl zum Eingreifen Kay S. auf dem Garagenhof beim "Papiergrillen" zusahen, suchte Wunderlich zusammen mit seinem Thüringer Kollegen Jan-Erik K. und angeblich zwei weiteren Polizisten Mandy S. im Friseurladen auf. Dort wiederholten sie ihre Prozedur. Ob sie die Person auf dem Foto kenne? Ja, kenne sie, habe Mandy S. behauptet. Der Böhnhardt ähnliche Mann sei ihr Chemnitzer Bekannter Daniel H. Postwendend fuhren die Polizisten mit Mandy S. zu dessen Adresse, einem inzwischen abgerissenen Hochhaus nahe dem Stadtzentrum.

Böhnhardts Fingerabdrücke hätten es erlaubt, die heiße Spur vom 6. Mai 2000 schnell zu prüfen, statt sie erkalten zu lassen.

Foto: Repro: Fahndungsakte

Man traf den Mann an und überprüfte seine Papiere. Was folgte, war jener von Wunderlich und Kommissar Jan-Erik K. unterzeichnete Vermerk, auf den sich die Schäfer-Kommission stützte, als sie 2012 folgerte, der Observierte auf dem Foto sei nicht Böhnhardt gewesen. "Bei der Person H. handelte es sich nicht um den gesuchten Böhnhardt", hielten Wunderlich und sein Kollege zu Daniel H. schriftlich fest. Was sie nicht festhielten, waren Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen. Wie sah Daniel H. aus? Passte seine Erscheinung zu den Observationsfotos? War eine Verwechslung mit Uwe Böhnhardt tatsächlich zu unterstellen? Oder ließen sich die Thüringer Fahnder von der als Kontaktperson des Trios vermuteten Mandy S. auf eine falsche Fährte locken? "Heute ist nicht mehr relevant, ob die Person auf den Fotos Böhnhardt war, sondern dass die Fahnder damals glaubten, er sei es", urteilt Kerstin Köditz, Vizevorsitzende des sächsischen NSU-Untersuchungsausschusses, auf Anfrage. Angesichts dessen werfen der unübliche Ablauf der Observation, der Einsatzbericht und andere Eigentümlichkeiten, die auch der Thüringer NSU-Ausschuss am Verhalten des Zielfahnders Wunderlich ausmachte, nämlich Fragen auf. Einerseits war Wunderlich der Mann, der zuerst den Verdacht ventiliert hatte, Beate Zschäpe sei V-Frau. Andererseits führte er selbst einmal eine vernommene Zeugin dem Verfassungsschutz als potenzielle V-Frau zu. Statt sieben Wochen auf die BKA-Auswertung der Fotos zu warten, hätten Ermittler am 6. Mai 2000 übrigens prompt klären können, ob die Möbelteile auf den Fotos durch Böhnhardts Hände gegangen waren. Dessen Fingerabdrücke lagen in der Fahndungsakte schließlich vor.

Nachdem die Wunderlich-Antworten Sachsens NSU-Ausschuss nicht wirklich zufrieden stellten, erhofft man sich nun von jenem zweiten Mann Aufschluss, der nachweislich bei der Kontrolle von Daniel H. dabei war. Kriminalhauptkommissar Jan-Erik K. ist heute als Zeuge in den Dresdner Ausschuss geladen.

Der Chemnitzer Daniel H. hat auf eine "Freie Presse"-Anfrage zur Klärung, ob er es war, der bei Mandy S. am 6. Mai 2000 beim Umzug half, bisher nicht reagiert.

 
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