Rechtsextreme Doktorarbeit in Chemnitz gekippt

Der Extremismusforscher Eckhard Jesse ließ einen Doktoranden wegen unwissenschaftlicher Apologetik abblitzen.

Chemnitz.

Dass er bei Extremisten aneckt, sieht der Chemnitzer Extremismusforscher Eckhard Jesse gelassen. Selbst als er und ein Kollege 2011 mit einer zugesandten Patrone samt Drohung bedacht wurden, blieb er ruhig. Von linker Seite wird häufiger Kritik laut, da die Jesse vorwirft, Rechtsextremismus zu bagatellisieren. Gestern wehte ihm der Wind indes aus der "National-Zeitung" des jüngst gestorbenen Verlegers Gerhard Frey entgegen. Die widmete sich einem Streitfall an der Technischen Universität Chemnitz (TU). Der Historiker Sebastian Maaß hatte dort einen Doktortitel erwerben wollen, war aber gescheitert. Angebliche Hürde: Eckhard Jesse.

Maaß wollte Laufbahn krönenMit Büchern über die Köpfe der "Konservativen Revolution" in der Weimarer Republik hatte sich Maaß einen Namen gemacht. Mit einer Arbeit über die "Geschichte der Neuen Rechten" habe er seine "Laufbahn krönen" wollen, schrieb die "National-Zeitung". Im Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll fand Maaß einen Doktorvater. Der habe ihm empfohlen, die Arbeit in "Geschichte der Konservativen Intelligenz 1945 - heute" umzubenennen, so Maaß. Angesichts des Titels erleide Jesse, an dem in Chemnitz keine solche Arbeit vorbeikomme, sonst einen Herzinfarkt, gab der Doktorand den Rat seines Betreuers wieder.

Einen Infarkt bekam Jesse nicht. Doch bewahrte auch der neue Titel die Arbeit nicht vor kritischen Blicken. Obwohl Kroll und ein zweiter Gutachter die Arbeit für gut befanden, übte Jesse harsche Kritik. Maaß rücke Personen der Neuen Rechten zu Unrecht in rechtsstaatliches Licht und betreibe unwissenschaftlicherweise rechtsextreme Apologetik, warf Jesse Maaß vor. Als Vorsitzender des Promotionskolloquiums verwehrte er die Nachprüfung. Dass die "National-Zeitung" deswegen die "Freiheit der Wissenschaft" infrage gestellt sieht, kann TU-Rektor Arnold van Zyl nicht verstehen. "Die erforderlichen wissenschaftlichen Kriterien für den erfolgreichen Abschluss" seien "nicht erfüllt" gewesen. Während der Auslagefrist seien, wie durchaus üblich, Einsprüche erhoben worden, ergänzt TU-Sprecher Mario Steinebach. Maaß habe seine Schrift daraufhin selbst zurückgezogen und die Promotion abgebrochen. Weder vom gescheiterten Doktoranden noch von den beteiligten Professoren war gestern eine direkte Stellungnahme zu erhalten.

Dass sich Maaß nun die rechtsextreme "National-Zeitung" als Sprachrohr sucht, passt aber ins Bild. Wenn ihm auch keine Doktor-Ehren zuteilwerden, so wird seine Arbeit wohl dennoch publiziert - beim Regin-Verlag. Auch den stuft der Verfassungsschutz als rechtsextrem ein. Zum Autorenkreis des Kieler Verlages zählen noch andere Chemnitzer. Jüngst legte Regin ein Werk von Eric F. auf, Mitglied der Chemnitzer Kameradschaft "Nationale Sozialisten".

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5Kommentare
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  • 3
    0
    14.07.2013

    Die öffentliche Verteidigung der Arbeit hätte man in der Tat zulassen müssen, man hätte den Prüfling dann immer noch durchfallen lassen können, wenn dieser die Vorwürfe von Jesse nicht entkräftet hätte.

    Das eindrucksvolle an dem Fall ist, wie unterschiedlich eine Arbeit bewertet werden kann. Für die einen Professoren ist sie cum laude (Note:2) für die anderen "verfassungsrechtlich bedenklich", wie es in der NZ wiedergegeben wird. Aber was geißt das überhaupt. Wie kann es sein, dass eine historische Arbeit nicht mit der Verfassung, also dem Grundgesetz konform geht? Da müßte der Doktorand ja schon wirklich harte Propaganda gebracht haben. Warum haben dann aber die beiden Gutachter überhaupt zugelassen, dass die Arbeit in dieser Form eingereicht wird?
    Fragen über Fragen, die man wohl erst klären können wird, wenn das Manuskript in Buchform vorliegt.

  • 4
    0
    14.07.2013

    Zweimal Note "gut" und kein Plagiat! Da wäre die Abhaltung des Kolloquiums doch angebracht gewesen, das in Chemnitz ja auch eine Verteidigung der Arbeit umfasst. Da hätte Herr Maaß dann Gelegenheit gehabt, seine Darlegungen gegen die dann offen vorzubringenden Einwände zu verteidigen. Das wäre der rechtsstaatlich richtige Weg gewesen - statt so lange Druck auszuüben, bis Doktorvater und Doktorand die Nerven verlieren. Dass die National-Zeitung den Fall aufgreift, spricht kaum gegen Maaß, zumal das Blatt, soweit man auf seiner Internetseite erkennen kann, eine Linie fährt, die kaum als radikal gelten kann. Die Frage ist eher: Warum hat sonst niemand darüber berichtet?

  • 2
    0
    14.07.2013

    Ich kenne die Dissertation von Herrn Maaß nicht, aber ich kenne die Schrift Im Schatten der Vergangenheit an der Herr Jesse in den 90ern mitwirkte. Was er dort vertritt findet man in etwas anderer Form ähnlich in den Schriften des rechtsradikalen Anwaltes Björn Clemens: http://www.schwarze-fackel.de/AbendblauundMorgenrot.pdf
    Herr Jesse sollte also vielleicht etwas zurückhaltender sein. Wer im Glashaus sitzt...

  • 5
    0
    13.07.2013

    Um den Fall abschließend bewerten zu können, müßte man den genauen Inhalt der Arbeit kennen. Man sollte auch nicht vernachlässigen, dass zwei unabhängige Gutachter die Promotion mit "cum laude" bewertet haben und wenn der Text wirklich so radikal ist, stellt sich auch die Frage, warum die Betreuer die Abgabe genehmigt haben. Normalerweise ist es ja so, dass eine Arbeit durch den Betreuer VOR der Abgabe sorgfältig geprüft wird. Wenn die Arbeit tatsächlich "rechtsextrem" ist, würde sich insofern automatisch die Frage eröffnen, inwiefern nicht Kroll selbst grenzwertige politische Ansichten vertritt.

  • 0
    3
    PeKa
    13.07.2013

    Wenn jemand eine wissenschaftliche Arbeit zu einem politischen oder historischen Thema schreibt, die anerkannt werden soll, dann ist Objektivität die absolute Grundvoraussetzung. Das bedeutet erstens, dass die Abläufe der in der Vergangenheit liegenden gesellschaftlichen Prozesse wahrheitsgetreu abgebildet werden müssen und zweitens, dass in ihr keine persönlichen Abneigungen oder Hassmomente gegen bestimmte soziale Gruppen erkennbar sein dürfen. Subjektiv gefärbte Geschichtsauslegung zählt dabei genauso als eindeutiges Anzeichen von unwissenschaftlicher Herangehensweise wie die Verhöhnung oder Beleidigung von politischen Gegnern. Von den Rechtspopulisten ist uns nun hinreichend bekannt, dass sie die Geschichte gerne mal nach ihrem eigenen Geschmack auslegen und politisch Andersdenkende verunglimpfen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Prof. Jesse, der sich als langjähriger Forscher auf dem Gebiet des Extremismus nicht so leicht übertölpeln lässt, genau diese Dinge bei dem Doktoranden Maaß festgestellt hat. Daraufhin entschied er sicher zu Recht, die Doktorarbeit zu kippen.



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