Wie der Terrorverdächtige al-Bakr geheime Geldboten nutzte

Der Chemnitzer Khalil A. hat dem mutmaßlichen IS-Terroristen al-Bakr Geld übergeben. Dahinter steckt ein geheimes Transfersystem, das viele Syrer nutzen - an Zoll, Banken und Behörden vorbei.

Khalil A. lernte Dschabir al-Bakr am 6. September am Leipziger Hauptbahnhof kennen. Der 33-Jährige überließ ihm nicht nur für 150 Euro seine leere Chemnitzer Wohnung, in der die Polizei später den hochexplosiven Sprengstoff fand. Er händigte dem Bombenbastler auch im Auftrag einer informellen Geldtransferorganisation 2250 Euro aus. Khalils Rechtsanwalt Peter Hollstein bestätigte das gestern gegenüber "Freie Presse".

Für die Geldübergabe erhielt Khalil eine kleine Provision. Der anerkannte Asylbewerber aus Syrien verdiente sich Hollstein zufolge nämlich als Bote "auf unterster Ebene" eines informellen Banksystems etwas hinzu. Hawala, auf deutsch Wechsel, wird es genannt.

Die Idee dahinter taucht schon in den heiligen Schriften des Islams auf. Das Geschäftsmodell fußt dabei auf Vertrauen und Verschwiegenheit. Syrische Flüchtlinge können über Landsleute wie A. Geld aus Deutschland in ihre Heimat schicken oder wie al-Bakr bei ihnen abholen. Es reicht ein Codewort. Quittungen oder Garantien gibt es dabei nicht. Deshalb lieben auch Terrormilizen wie der Islamische Staat (IS) und al-Kaida oder Kriminelle dieses System, weil es kaum zu kontrollieren ist. Experten schätzen, dass heute auf diese Weise täglich Milliarden durch die Welt transferiert werden.

Der Clou dabei ist, dass das Geld nicht tatsächlich über Landesgrenzen hinweg fließt. Wenn Flüchtlinge in Chemnitz Geld nach Syrien schicken wollen, sammeln es Landsleute wie Khalil bei ihnen ein. Per Whatsapp oder SMS werden dann einem Kontaktmann in Syrien und dem Empfänger in der Heimat der Betrag und das zugehörige Codewort mitgeteilt. Der Gewährsmann zahlt dann diese Summe an den Empfänger gegen Nennung des Codewortes aus. Andersherum läuft es genauso.

Von Zeit zu Zeit rechnen dann der Kontaktmann in Syrien und sein Hawala-Banker in Deutschland ab: Wenn der eine mehr ausgezahlt hat als der andere, startet er mit diesem Guthaben in die nächste Woche. Irgendwann gleicht derjenige, der zu lange beim anderen in der Kreide steht, schließlich den Differenzbetrag durch eine Warenlieferung an den anderen aus. Dienstleistungen, Schmuck, Gold oder andere Wertgegenstände können es auch sein.

Das Hawala-System ist einfacher als Banküberweisungen, für die man ein Konto braucht. Vor allem ist es viel günstiger als Anbieter wie Western Union, die für Bargeldtransfers hohe Gebühren verlangen und schlechte Wechselkurse anbieten. Das ist das Erfolgsgeheimnis von Hawala - neben der Anonymität, die auch Kriminelle und Terroristen anzieht.

Der mutmaßlich größte Hawala-Banker der Welt, ein indischer Geschäftsmann, soll zwei Milliarden Dollar am Tag bewegt haben. 2009 flog er auf. Zu seinen Kunden gehörten lateinamerikanische Drogenkartelle. Die Familie des Nizza-Attentäters soll ebenfalls über Hawala einen "Terror-Lohn" erhalten haben.

Khalil A. hat nach eigenen Angaben zunächst nur Kleinbeträge eingesammelt. Die Auszahlung an al-Bakr war demnach seine erste. Die Anweisung dazu soll nach Aussage A.s ein Syrer erteilt haben, der sich "Abu Nur" nennt und im Raum Düsseldorf Geldboten anwirbt. Ihn hatte Khalil A. laut Rechtsanwalt Hollstein während seiner Zeit in Nordrhein-Westfalen kennengelernt.

Auf der Suche nach Helfern von al-Bakr hat die Polizei nun die Wohnungen von vier Männern in Nordrhein-Westfalen durchsucht. Sie sollen den Terrorverdächtigen mit Geld versorgt haben. Festgenommen wurden sie aber nicht. "Ich gehe davon aus, dass Hinweise Khalils zu diesen Durchsuchungen geführt haben", sagte Hollstein. "Ich bin aber überzeugt, dass bei keinem die Absicht im Vordergrund stand, illegale Geldtransfers zu kriminellen Zwecken durchzuführen."

Wer in Deutschland Finanztransfergeschäfte tätigt, benötigt dazu eine Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzaufsicht. Khalil A. hat diese Genehmigung nicht. "Das kann mit Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahre geahndet werden", sagte Hollstein. "Mein Mandant hat aber alles auf den Tisch gelegt, da kann man eine solche Sache auch einstellen."

Der Verdacht der Mittäterschaft A.s ist schon seit Längerem vom Tisch. Vor knapp zwei Wochen wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen. Er konnte offenbar glaubhaft darlegen, dass er nichts von den Anschlagsplänen al-Bakrs wusste.

Neue Hinweise auf IS-Nähe

Ein Facebook-Chat, den amerikanische Dienste an das Bundeskriminalamt sandten und der die Fahndung auslöste, weist laut NDR, MDR und "Süddeutscher Zeitung" auf einen Kontakt al-Bakrs zu mutmaßlichen Vertretern des Islamischen Staates (IS) in Syrien hin. Unter Verwendung von Decknamen kommunizierte er demnach ab etwa Mitte August mit einem Mann, der sich "Der unbekannte al-Rakkawi" nennt und sich nach eigenen Angaben in der Umgebung der IS-Hauptstadt Rakka aufhält. Das Bundeskriminalamt vermutet laut Medienberichten bei diesem Unbekannten eine Nähe zum IS. An einer Stelle im Chat fragt al-Bakr nach einer Kreditkarte. Tatsächlich wurden die Bestandteile für die Bombe später mit Kreditkarte bestellt. (juerg)

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1Kommentare
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  • 1
    0
    Interessierte
    05.03.2017

    Hawala, auf deutsch Wechsel, wird es genannt.
    Der Clou dabei ist, dass das Geld nicht tatsächlich über Landesgrenzen hinweg fließt.
    Wenn Flüchtlinge in Chemnitz Geld nach Syrien schicken wollen, sammeln es Landsleute wie Khalil bei ihnen ein.

    ( genau darum ging es , 20 Banken sammeln Geld ein ...
    ( die BRD hat sich noch nicht groß damit beschäftigt ...
    ( und eine Ulla Jelpke weiß da wohl Bescheid ...
    ( Exakt vom Mittwoch - letzter Beitrag ...



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