Abgehauen und zurückgekehrt

Mit seinem Nachnamen hatte Olaf Ulbricht nie ein Problem, wohl aber mit der DDR. Deshalb ging der Schwarzenberger 1986 in den Westen. Nun ist der Autodidakt zum ersten Mal mit "Heilen Welten" wieder in seiner sächsischen Heimat. Von Köln bis Tel Aviv kennt man ihn längst.

Zwenkau/Schwarzenberg.

Es war im Sommer 1983, als fast ein Dutzend DDR-Zeitungen über einen Schwarzenberger Berufsschullehrer berichteten, der einem ungewöhnlichen Hobby nachging. Olaf Ulbricht widmete sich der naiven Malerei und schuf naive Holzbilder, obwohl er eigentlich Lehrer für Physik und Automatisierungstechnik war. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN hatte das Feature samt Fotos über den damals 32-Jährigen verbreitet - verfasst von den beiden Autoren dieses heutigen Beitrags. Ulbricht wurde dadurch auch über die Grenzen des Erzgebirges hinaus bekannt.
Obwohl er nach dem Beispiel des Vaters nie etwas anderes als Lehrer hatte werden wollen, dominierte sein Hobby die gesamte Freizeit. Gemalt hatte er schon immer gern. Über den Schwiegervater kam er zum Holz. Er stellte bald in Galerien aus, darunter der renommierten "Galerie oben" in Karl-Marx-Stadt, bei nationalen Volkskunstausstellungen, und zunehmend fanden seine humorvollen Arbeiten auch Platz in öffentlichen Gebäuden, darunter Krankenhäuser und Gaststätten. Doch je mehr Anerkennung Ulbricht fand, umso mehr wuchs die eigene Unzufriedenheit.

Die dreiköpfige Familie lebte in einer kleinen Zwei-Zimmer-Neubauwohnung in Schwarzenberg - ohne eigenes Zimmer für den Sohn, ohne einen Arbeitsraum für das Lehrer-Ehepaar und ohne Platz für das Hobby. Das Paar ging auf Suche und wurde in Rittersgrün fündig. Ein alter Bauernhof gefiel und der Bürgermeister schien erfreut über die Interessenten. "Wir glaubten uns schon am Ziel, als uns plötzlich der Rat des Kreises eine Absage erteilte. Wir seien nicht zuverlässig," sagte man uns. "Wahrscheinlich, weil wir nicht in der Partei waren. Das hat uns damals ganz schön aufgewühlt." Der nächste Tiefschlag folgte, als Olaf Ulbricht dem Verband Bildender Künstler der DDR beitreten wollte. Er sprach darüber zunächst mit dem Schwarzenberger Holzgestalter Hans Brockhage, der republikweit einen Namen hatte. "Der gab mir zu verstehen, dass mein Ansinnen sinnlos sei. Ich hätte keinerlei künstlerische Ausbildung und meine Arbeiten seien zu nahe an denen des damals schon berühmten Lothar Sell aus Meißen. Da Brockhage für mich eine Instanz und ein Mann mit Einfluss und Sachverstand war, wusste ich, dass ich es nicht in den Verband schaffen würde und das Ziel nicht weiter verfolgen brauchte."Obwohl es der Familie finanziell gut ging, wuchs die Unzufriedenheit. Olaf Ulbrichts Bruder war bereits in den Westen ausgereist, und 1985 stellten auch die Eheleute einen entsprechenden Antrag. Sie durften fortan nicht mehr unterrichten. Damit die Familie wenigstens krankenversichert war, klöppelte Ehefrau Eva-Maria: für 1,34 Mark Stundenlohn plus 50 Pfennig Heimarbeiter-Zuschlag. Der Lebensunterhalt wurde aus Erspartem und dem Verkauf des Trabant für 10.000 DDR-Mark bestritten.

Dass die Ausreise letztlich schneller befürwortet wurde als üblich, war dem DDR-Fernsehen zu verdanken. Das schickte Ende 1985 ein Telegramm ins Erzgebirge, weil es einen Film über den Lehrer und Hobby-Maler drehen wollte. "Wir wunderten uns, dass wir als Ausreisekandidaten ins Fernsehen sollten. Aber wir hatten auch nichts dagegen", erinnert sich Eva-Maria Ulbricht. Drei Tage war das Fernsehteam in Schwarzenberg unterwegs: für die Sendung "Hobby, Tipps - so wird's gemacht". "Als die am 21. Januar 1986 um 19 Uhr ausgestrahlt wurde, war in Schwarzenberg wegen eines Unwetters gerade das Westfernsehen ausgefallen. Dadurch musste man DDR-Fernsehen schauen - und viele sahen uns."

Drei Tage später standen Mitarbeiter der Staatssicherheit vor Ulbricht Tür. "Sie wollten wissen, wer die Geschichte für das Fernsehen lanciert hatte. Auch in unseren Stasi-Akten fanden wir später keinen Hinweis darauf, wie die Sendung zustande gekommen war. Die Stasi konnte nur noch eine Wiederholung verhindern", berichtet die Ehefrau. Danach sei alles sehr schnell gegangen. Kein halbes Jahr später erhielten die Ulbrichs ein Schreiben, wonach ihr Antrag "wohlwollend" entschieden werde. Kurz darauf sagten der gebürtige Meißner und die Schwarzenbergerin gemeinsam mit dem fünfjährigen Sohn der DDR Adé.Im Westen waren die Beiden willkommen - da sie nicht unbedingt nach Bayern und Baden-Württemberg wollten, sondern dem Ruf von Rheinland-Pfalz folgten, das dringend Berufsschullehrer suchte. Nach dem mehrwöchigen Aufnahmeprozedere bewarben sich die Ulbrichts beim Kultusministerium in Mainz. Das erkannte ihre Berufsabschlüsse der TU Dresden an, bestand aber auf dem Zweiten Staatsexamen. Bevor beide das in einem eineinhalbjährigen Referendariat nachholten, blieben sechs Monate "Freizeit". "Da befasste ich mich zum ersten Mal wieder mit Kunst. Meine Werkzeuge und etliche Arbeiten, darunter auch naive Holzbilder, hatte ich vor der Ausreise schon rübergerettet. Ein Grundstock war also da", erzählt der heute 65-jährige. Er habe die ersten Arbeiten verkauft und so ein Zubrot verdient. "Aber ich merkte rasch, dass es in dieser Überangebotsgesellschaft schwierig würde, sich zu etablieren, zumal die große Zeit der Naiven seit den 70er-Jahren vorbei war." Allein in der Künstlerhochburg München hätte es damals über 4000 Künstler gegeben. Die Naiven seien nicht sonderlich angesehen gewesen. "Freunde warnten mich deshalb vor dem Schritt in die Selbstständigkeit und rieten, mich lieber auf die sichere Lehrer-Bank zu begeben."

1988 hatten beide Ulbrichts das Zweite Staatsexamen in der Tasche. Sie wurden Beamte und lehrten bis 2010. Schon 1991 bauten sie sich ein Haus in Vendersheim, in einem Dorf mit 500 Einwohnern - 25 Kilometer von Mainz entfernt. Neun Jahre später entstand daneben eine große zweistöckige Werkstatt. "Erst etwa ab dieser Zeit hatte ich neben dem Beruf wieder Muse für mein Hobby. Kontakte mit Berufskünstlern wie in der DDR gab es nicht. Ich war also ziemlich auf mich allein gestellt."

Bis es zu einer Begegnung mit einer Galeristin in Köln kam: Marianne Kühn - die Witwe des 1978 verstorbenen früheren Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Heinz Kühn. Sie animierte auch Amateure, sich künstlerisch zu betätigen. "Ihr gefielen meine Bilder, sodass ich in der Folge dreimal bei ihr ausstellte - und dort gut verkaufte." So kam der Schwarzenberger auch mit immer neuen Galeristen und endlich auch mit Künstlern in Kontakt. "Durch Marianne Kühn hatte ich den Durchbruch geschafft", gesteht Ulbricht heute unumwunden.

Mit jeder Ausstellung stiegen Bekanntheit und Nachfrage. Und der Anspruch an sich selbst. "Mitunter habe ich mich dabei verheddert, weil ich immer wieder vor der Frage stand: Was schnitzt man und was malt man? Wo und wie überzieht man?" Ulbricht entschied sich irgendwann ganz für die Malerei. "Aber auch da sehe ich mich bis heute nie am Ziel, sondern experimentiere viel." Er spielt mit Größenverhältnissen, Äpfel sind dann so groß wie Häuser. Er lässt Figuren durch die Gegend fliegen und lässt sich von der Natur inspirieren, indem er faszinierende Himmel und Bäume mit dem Handy fotografiert und diese Stimmungen dann auf Bilder überträgt. "Im Moment stehe ich sehr unter dem Einfluss der klassischen Landschaftsmalerei."

In diesem Jahr stellte Olaf Ulbricht in 17 Galerien und Museen aus, darunter in Spanien, Italien, Frankreich, Dänemark, Polen, Taiwan, der Schweiz und in Israel. Auch in den vergangenen Jahren kam eine ähnlich große Zahl von Schauen zusammen. In Tel Aviv betreibt Dan Chill eine der größten naiven Galerien der Welt. Als Olaf Ulbricht ihn auf dem 1. Naiven Kunstfestival in Jerusalem 2012 kennenlernte, sagte Chill zu ihm: "Wenn ich je in meinem Leben deutsche naive Maler präsentiere, sind Sie, Herr Ulbricht, dabei." In diesem Sommer war Olaf Ulbricht dabei: bei einer Ausstellung unter Schirmherrschaft der deutschen Botschaft in Tel Aviv.

Mit den Schauen reisen die Eheleute um die halbe Welt. Und so sind sie nach 30 Jahren nun auch zum ersten Mal in Sachsen präsent - in ihrer Heimat. Nicht in Schwarzenberg und nicht in Ulbrichts Geburtsort Meißen, sondern in Zwenkau südlich von Leipzig.

Dort betreibt Catherine Scholz seit 2010 die "Lehmhaus Galerie". Sie mag naive Kunst und bietet deren Vertretern gern ein Podium. Der erste war Johannes Helm, ein Psycholgie-Professor, Buchautor und Maler. "Er war mir empfohlen worden, hatte aber nicht mal eine eigene Web-Seite", erinnert sich die Galeristin. Als sie im Internet nach ihm suchte, stieß sie auf die Seite von Olaf Ulbricht. "Das war vor zwei Jahren. Ich fragte bei ihm an, ob er bei mir ausstellen würde und bekam eine Zusage." Vor einigen Wochen sei sie nach Vendersheim gefahren und habe sich dort 44 Bilder für die Schau in Zwenkau ausgesucht.

"Für mich sind das Wohlfühlbilder. Sie rühren nicht auf, sondern an. Sie geben wunderschöne Stimmungen zu allen Jahreszeiten wieder. Und auf jedem Bild passiert unheimlich viel, man muss nur genau auf die Details schauen", sagt die Galeristin. Dass Ulbricht mit einigen Bildern fast schon weg vom Naiven und deren jugoslawischen Großmeistern geht und sich ein bisschen hinwendet zur Malweise von Caspar David Friedrich, mag irritieren, stört sie aber nicht: "Er ist einfach ein großartiger Erzähler, dessen Geschichten sich aus dem Reichtum an Details ergeben."

Die Ausstellung "Heile Welten von Olaf Ulbricht" ist bis 19. November immer Donnerstag bis Sonntag, von 14 bis 18 Uhr in der Lehmhaus Galerie in Zwenkau, Leipziger Straße 14 zu sehen. Danach sind einige seiner Bilder auch Teil einer Weihnachtsschau.

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