Absurd nah am Ernst

"Die Partei" von Satiriker Martin Sonneborn tritt erneut zur Bundestagswahl an. Die schrille Programmatik kommt oft überraschend nah an die politische Wirklichkeit heran.

Berlin.

Wie karikiert man am besten die hiesige Parteienlandschaft? Mit bissigen Witzen, die an gut eingeölten Profi-Politikern sowieso abperlen? "Die Partei" des Satirikers und ehemaligen "Titanic"-Chefredakteurs Martin Sonneborn hat einen besseren Kniff gefunden: Sie spielt die Politik nach, und zwar mit dem gleichen heiligen Ernst, der gleichen verbissenen Konsequenz, den diese selbst an den Tag legt: Forderungen und Verhalten werden dabei genüsslich ins Absurde gekippt - aber eben immer nur so dezent, dass die Nähe zur Realität erschreckend erkennbar bleibt. Oder wie war das mit den "gefährlichen Hipster-Parallelgesellschaften"? So lautet etwa der zentrale Wahlslogan des am Donnerstag gekürten Kanzlerkandidaten Serdar Somuncu (Beruf: Kabarettist): "Ja zu Politik, Nein zu Politik! Aus Gründen." Zusatz: "Die Partei wählen, damit unsere Kinder es einmal besser haben als Ihre!"

Auch das 16-Punkte-Programm zur Bundestagswahl ist gespickt mit vermeintlichem Irrsinn: Man fordert eine Bierpreisbremse, die Kopplung von Managergehältern an BH-Größen oder die höchstamtliche Anerkennung der Rechtfertigung "Es war Putin" - auch für Mietrückstände oder Auffahrunfälle. Lösungen hat man natürlich auch parat: Veterinäre sollen die medizinische Versorgung der Landbevölkerung sicherstellen. Doch spätestens, als der "Partei"-Vorsitzende Sonneborn auf einer Pressekonferenz in Berlin zur Vorstellung seines Schattenkabinetts aus Stars wie Helge Schneider, Dr. Mark Benecke oder Bela B. als erste Amtshandlung nach dem "totalen Wahlsieg" die Inhaftierung von Angela Merkel nennt, welche er in einem öffentlichen Schauprozess im Berliner Olympiastadion verurteilen lassen will, bleibt das Lachen im Halse stecken. Plötzlich sind sie da, die Bilder aus russischen, ägyptischen oder chinesischen Gerichtssälen - ein Fingerzeig der vermeintlichen Ulk-Partei Richtung Realität. Der inszenierte und überzeichnete Bruch mit der politischen Korrektheit nimmt plötzlich düstere Züge an, der Knalleffekt bekommt einen bedenklichen Nachhall - etwas, das eine groß angelegte Kunstinstallation wie "Die Partei" ausdrücklich bezweckt. Auch wenn Sonneborn betont, er wolle um die gesamte Europäische Union eine Mauer nach "bewährtem einstigem innerdeutschen Vorbild" bauen und Somuncu davon spricht, dass er "gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften in ihre Herkunftsländer zurückführen will" und eine Diktatur nach türkischem Vorbild plant, wird deutlich, dass die "Partei" vor allem die perfiden Mechanismen von Politik-Sprech und den verbalen Überbietungswettbewerb entlarvt. Ziel seiner Gruppierung sei es, "die Obszönität, die es in Politik und Wirtschaft gibt, zu übertreffen", sagt Sonneborn. Man muss unweigerlich daran denken, dass das die echten Parteien ja durchaus auch versuchen. Das Satire-Projekt bindet das Publikum ja durchaus mit ein: "Die Partei" ist seit Jahren zur Wahl zugelassen - man kann sie aus Protest wählen, statt nur nicht zu wählen: Sie erhielt bei der Bundestagswahl 2013 immerhin 78.357 Zweitstimmen und kam damit auf 0,2 Prozent. Das klingt relativ wenig - entspricht aber auch der Einwohnerzahl von Freiberg, Glauchau und Aue zusammen.

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