"Als würde der Papst aus der Kirche austreten"

Das "Rock Hard"-Magazin hat sich am Donnerstag von seinem Chefredakteur Götz Kühnemund getrennt: In der Metal-Szene gärt es!

Dortmund. Für Menschen, die in den letzten 25 Jahren mit dem Heavy Metal in Deutschland in Berührung kamen, gleicht die Nachricht einem Schock: Das Dortmunder Magazin "Rock Hard" hat am Donnerstag die Trennung von seinem langjährigen Chefredakteur Götz Kühnemund bekannt gegeben. Für die Szene ist das weit mehr als nur eine Personalie: Der 47-Jährige, der das Heft seit 1990 geleitet hatte, gilt als Institution und steht synonym für die Kultzeitschrift. Als einziges überregional am Kiosk verkauftes Musikmagazin verfolgt das "Rock Hard" im Eigenverlag das Konzept einer Zeitschrift "von Fans für Fans". Bezeichnend daher der Sturm der Entrüstung, der mit der Nachricht im Internet über das Magazin hereinbrach: In wenigen Stunden hatte die Facebook-Seite des "Rock Hard" fast 700 oft ausführliche Kommentare, deren großteils pathetisches Entsetzen zeigt, wie tief das Kühnemund-Blatt in der Szene verwurzelt ist: "Kaum vorstellbar. Dies ist so, als würde der Papst aus der Kirche austreten", schreibt ein Leser. Bezeichnend aber auch die prompte Replik eines anderen: "Was aber wiederum ziemlich geil wäre!"

Denn die Fixierung des Magazins auf seine Glaubwürdigkeit war in den letzten Jahren auch zum Problem geworden: Das Wort Kühnemunds legte oft fest, was als "echter" Heavy Metal durchging und was nicht. Mit ihm hatte das Blatt immer wieder diverse Trends als Übel ausgemacht - damit aber auch mit Gruppen wie etwa Korn wegweisende Entwicklungen ignoriert. Die gröbste Fehleinschätzung der letzten Jahre dürfte gewesen sein, dass das "Rock Hard" die seit Mitte der Nuller angewachsene Metalcore-Welle um neue Bands wie Bring Me The Horizon als substanzlose Zeiterscheinung fehlinterpretierte - und damit eine inhaltliche Erneuerung der Szene übersah. So wiederholte man quasi einen Fehler des Konkurrenten "Metal Hammer" vom Springer-Verlag, der Ende der 80er, Anfang der 90er das Potenzial von Speed- und Death-Metal verkannte und sich fast ins Szene-Aus schoss.

Hinzu kommt eine zusätzliche Spaltung der alten Metal-Szene in eine kleinere "ernsthafte" Fraktion, die in der Musikform vor allen Kunst sieht - und die auf den Party-Faktor fixierten sogenannten "Ballermann-Metaller". Für letztere steht das erfolgreiche "Wacken"-Festival, für erstere das "Rock Hard". Beide hatten sich in den letzten Jahren zunehmend mit spitzen Fingern angefasst. All das drückte die sowieso vom Internet gebeutelte Auflage weiter: Ende der 90er-Jahre lag diese bei 60.000, Ende letzten Jahres waren es knapp unter 25.000. Die Gründe für den vom Magazin offiziell als "einvernehmlich" bezeichneten Abgang bezeichnete man am Donnerstag auf der Homepage als "wirtschaftlich." Die Chefredaktion soll fortan der auch von "Spiegel Online" bekannte Journalist Boris Kaiser mit Michael Rensen und Rock-Hard-Herausgeber Holger Stratmann übernehmen.

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