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Samuel Selvon - Schriftsteller

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Ankunft ohne Ankommen

Rund 60 Jahre nach der englischen Erstauflage erscheint Samuel Selvons "Die Taugenichtse" auf Deutsch. Der Roman erzählt Zuwanderung aus Sicht der Neulinge - und ist ein gefundenes Fressen für Sprachästheten.

Von Ricarda Terjung
erschienen am 09.08.2017

London. Die Idee von einem besseren Leben war es, die Moses Aloetta einst um die halbe Erde reisen ließ: von seiner Heimat Trinidad ins kalte London. Doch mit dieser Idee ist es so eine Sache. Moses wohnt noch immer in einem kleinen, schäbigen Zimmer, schiebt Nachtschichten in derselben Fabrik wie am Anfang, wo er Topfkratzer packfertig macht. Dabei lebt er seit fast einem Jahrzehnt in dieser Stadt. So unbedeutend seine Existenz auch erscheinen mag - für andere Immigranten aus der Karibik, die nach ihm in London ankommen, ist Moses alles: Wirt, Stadtführer, väterlicher Freund.

In seinem Roman "Die Taugenichtse" - in England 1956 unter dem Titel "The Lonely Londoners" erschienen - zeichnet Samuel Selvon ein detailliertes Bild vom Leben in der Parallelgesellschaft von Einwanderern vornehmlich der westindischen Inseln. Sie gehören zu den ersten Immigranten in England überhaupt. Auch wenn der Titel der deutschen Übersetzung etwas anderes suggeriert: Die zentralen Figuren des Romans als "Taugenichtse" abzutun, würde ihnen nicht gerecht. Denn einige der Männer, die sich um Moses scharen, bemühen sich durchaus um Jobs, ums Fußfassen im Mutterland des Commonwealth. Doch Arbeit und Unterkünfte sind knapp, und die Engländer entpuppen sich als wenig gastfreundlich. So ist es nicht verwunderlich, dass die "Mokkas", so nennt sie die Erzählstimme in Anlehnung an ihre Hautfarbe, weitgehend unter sich bleiben - sexuelle Abenteuer ausgenommen. Gebeutelt von Armut treten Moses und seine Freunde auf der Stelle. Die Jüngeren wollen sich nicht von ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft trennen. Moses hingegen ist hin- und hergerissen zwischen der Faszination der Großstadt und der Sehnsucht nach der Heimat.

Dass Selvon bei der Arbeit an diesem Roman sehr genau wusste, wovon er schrieb, davon darf der Leser ausgehen. Denn der Autor, 1923 in Trinidad geboren und dort 1994 gestorben, ursprünglich Lektor und Journalist, ging 1950 selbst nach London. Die Stadt lernte er erst von einem Einwandererheim, dann von einer Kellerwohnung aus kennen. Als Büroangestellter der Indischen Botschaft hatte er es zwar beruflich gut getroffen. Die prekären Umstände aber, unter denen viele andere Menschen aus der Karibik als Gastarbeiter schufteten und lebten, studierte er genau. Sie gingen in etliche seiner Erzählungen jener Jahre ein.

Genauso wie eine ganz eigene Sprache. In den "Taugenichtsen" führt Selvon vollendet vor, wie er das britische Englisch und das Englisch im karibischen Dialekt zu einer eigentümlichen, frischen Kunstsprache verbindet. Sprachaffine werden schnell Muster in dieser Kunstsprache finden, die die Übersetzerin Miriam Mandelkow mit großem Feingefühl ins Deutsche übertragen hat. Es sind vor allem Muster des Weglassens - von Präpositionen, Präfixen, Adverbien, manchmal sogar Verben. In England sind die "Taugenichtse" vor allem deshalb zum modernen Klassiker und Vorzeigestück der Migrationsliteratur avanciert: Weil Selvon der Erste war, der einen Einwandererdialekt literarisch zu Papier brachte, wenn auch modifiziert. Die Ästhetik in Selvons Sprache rührt auch von einer ungewöhnlichen Melodik her, die in der deutschen Übersetzung ebenfalls nachklingt.

Das eigentlich Bezaubernde an diesem Roman aber sind die sprachlichen Bilder. In ihnen erhalten etliche Wörter neue Bedeutungen oder werden in ihrer Form abgewandelt, etwa wenn zwei Möwen sich auf einem Fensterbrett niederlassen, um zu "neugieren". Über die Straße geht einer der Einwanderer, indem er "das Zebra quert" und ein anderer "legt sich hin und wieder hin, dass das olle Hirn mit dem Problem ringen kann". Besonders schön auch diese Formulierung, die einen Perspektivenwechsel beschreibt: "von ihrem Gesicht aus (...) denken". - Wer Gesellschaft einmal vom Gesicht eines Fremden aus denken möchte, der sollte dieses Buch lesen.

 
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