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An der Quelle: Kürzlich hat Ragna Schirmer im Robert-Schumann-Haus in Zwickau erstmals die dort verwahrte Sammlung der Programmzettel von Konzertauftritten Clara Schumanns gesichtet. Eine Aufgabe, die sie in den nächsten Monaten noch öfter in die Geburtsstadt Robert Schumanns führen dürfte.

Foto: Ralph Köhler

Auf den Spuren der Kollegin

Heute in zwei Jahren feiert die Musikwelt Clara Schumanns 200. Geburtstag. Die Pianistin Ragna Schirmer bereitet sich bereits jetzt darauf vor.

Von Torsten Kohlschein
erschienen am 13.09.2017

Halle (Saale)/Zwickau. 1996. Da stand Ragna Schirmer noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Oder irgendwo in deren Mitte: Ihr erstes Studiendiplom mit Bestnote hatte sie schon in der Tasche. Den ersten von zwei Siegen beim Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig, 1992, ebenfalls. Der zweite sollte zwei Jahre später, 1998, folgen. Damals, im Jahr des 100. Todestages von Clara Wieck, hätte die Pianistin das erste Mal Gelegenheit gehabt, mit ihrer Kunst ein breites Publikum auf die außerordentliche Persönlichkeit der Pianistin, Komponistin, Frau und späteren Witwe Robert Schumanns aufmerksam zu machen: "Das habe ich damals schlicht verpasst", sagt die 45-Jährige. Jetzt sind die Bedingungen allemal besser: Nicht nur hat die Stimme der in der Musikszene fest etablierten, in ihrer Wahlheimat Halle auch kulturpolitisch und als Pädagogin engagierten Musikerin Gewicht. Ein anderer Aspekt ist ihr mindestens ebenso wichtig: "Die Zeit ist reif, außerordentliche Frauenpersönlichkeiten stärker in den öffentlichen Fokus zu nehmen", stellt sie fest.

Aus beruflichem Interesse sowie menschlichem an der Künstlerkollegin tut Ragna Schirmer das bereits seit 30 Jahren. Ihre Diplomarbeit galt Clara Schumann. Sie hat die Briefe der für ihre Zeit ungewöhnlich emanzipierten Künstlerin studiert, ihre Spielpraxis, ihre veröffentlichten Fingersätze. Sie hat recherchiert, was Clara Wieck-Schumann in Konzerten gespielt hat - ihre Kompositionen sowieso. Eine Aufnahme des Klavierkonzerts op.7, das Clara Wieck mit 16 Jahren vollendete, ist in diesen Tagen bei Ragna Schirmers Stammlabel Berlin Classics erschienen. Eingespielt wurde es Mitte März mit der Staatskapelle Halle unter der Leitung der Französin Ariane Matiakh im Rahmen zweier öffentlicher Sinfoniekonzerte. Ein Werk, sagt sie, das sich Clara "in die Hand geschrieben" habe, anhand eigener musikalischer Vorlieben. Die erkenne, wer weiß, was damals an Klavierliteratur gängig war: Thalberg, Moscheles, Chopin. Ein Werk, an dem man aber auch ermessen könne, welche Kraft, welche Fingerspannweite die junge Clara bereits gehabt haben muss. Schon angesichts dessen, dass sie es mit Brahms" Händel-Variationen aufgenommen habe, die vom Pianisten dank ihrer Intervalle sehr große Hände fordern: "Clara Schumann war nicht nur eine großartige Frau und Künstlerin, es ist auch wahnsinnig spannend, sich mit ihrem Werdegang zu beschäftigen - damit, wann sie was gelernt hat!"

Zusätzlich zu Claras Konzert hat das 4. Klavierkonzert G-Dur op. 58 von Ludwig van Beethoven seinen Weg auf die CD gefunden. Warum gerade das? - Eine ganz bewusste Entscheidung, sagt Ragna Schirmer: "Es gehört zu den Konzerten, mit denen Clara Schumann am häufigsten öffentlich aufgetreten ist. Mir sind 56 Termine bekannt", sagt die Musikerin, die sich für die Aufnahme ebenso bewusst eine Dirigentin ins Boot geholt hat.

Eine goldrichtige Entscheidung, wie für sie feststeht: "Wir waren uns schnell einig über viele Details, die Claras Konzert ausmachen", sagt sie. Überdies gefällt ihr der Gedanke dahinter: "Zwei Frauen präsentieren eine Frau" - zusätzlich zu der dreifachen Rolle, in der sie sich als Pianistin hier sieht: "Ich interpretiere eine Komponistin, die selbst Interpretin war und sich als solche mit anderen Komponisten auseinandergesetzt hat." Entsprechend versucht sie auch das Beethoven-Konzert so zu spielen, wie das im 19. Jahrhundert üblich war - mit etwas mehr Pedal als heute üblich, unter anderem.

Gut. Aber hätte es nicht nahe gelegen, zusammen mit Claras Werk Robert Schumanns Klavierkonzert einzuspielen? - Ganz deutliches Nein: "Dagegen hätte Claras Konzert ganz klar verloren. Sie war in einem ganz anderen Entwicklungsstadium als der Mittdreißiger Robert Schumann, als der sein Konzert schrieb. Außerdem geht es hier um Clara und ihre Musikerpersönlichkeit."

Ragna Schirmer wäre nicht Ragna Schirmer, wenn sie es bei dieser CD belassen würde. Noch dazu so vorfristig zu Claras 200. Geburtstag, heute in zwei Jahren. Vielmehr bereitet sie etwas vor, was man in anderen Lebensbereichen Reenactment nennt: Sie will Konzerte, die Clara Schumann gegeben hat, so programmgetreu und authentisch es geht, wiederholen. Clara hat nach Erkenntnissen Ragna Schirmers selten reine Soloabende bestritten. Was dort und bei Auftritten mit anderen Künstlern gespielt wurde, dazu hat sie jüngst erstmals in Zwickau recherchiert. Das Robert-Schumann-Haus verwahrt 1400 Programmzettel von Konzerten, an denen Clara Schumann im Laufe ihrer rund 50 Jahre andauernden Karriere mitgewirkt hat. Eine Fundgrube für die 45-Jährige, die anhand dieses einzigartigen Materials Konzertabende für das Jubiläumsjahr und die Zeit davor konzipieren will. Die Zettelsammlung will sie komplett durcharbeiten. Damit ist sie jedoch erst am Anfang: "Das dauert Monate", sagt sie.

Bereits vor ihren Recherchen in Zwickau hat Ragna Schirmer einiges an Gemeinsamkeiten zwischen ihr und der gebürtigen Leipzigerin festgestellt: "Wir haben einige Schnittmengen, was unser Repertoire angeht, etwa bei den bevorzugten Beethoven-Sonaten, Haydn, Händel. Mit dem Unterschied, dass Clara vieles auch nur satzweise gespielt hat, wie das damals üblich war", stellt die gebürtige Hildesheimerin fest. Und Modestücke heute weitgehend vergessener Virtuosen, die vor allem mit schnellen Läufen und anderer Tastenakrobatik brillierten. Speziell langsameren Werken, deren Virtuosität sich über andere Qualitäten als "Bravour" und Fingerfertigkeit ausdrückt, habe sich Clara erst in späteren Lebensjahren zugewandt. Etwa den Nocturnes von Frédéric Chopin - einem Komponisten, der auch zur frühen Diskografie der Wahlhallenserin gehört.

Feststehen dürfte: So wie in das Leben Clara Schumanns hat sich Ragna Schirmer noch in keine andere Künstlerbiografie vertieft. Das Ziel, dieser Frau auf breiter Front Gehör zu verschaffen, steht auf ihrer Agenda mindestens für die kommenden zwei Jahre ganz oben. Mit aller Konsequenz. Das bleibt nicht ohne Folgen für ihr künstlerisches Umfeld: "Durch Ragnas intensive Auseinandersetzung mit Clara hatte ich zeitweise das Gefühl, Clara selbst säße am Klavier", beschreibt die Dirigentin Ariane Matiakh ihren Eindruck von der Arbeit mit der Pianistin. Die hält in dieser Hinsicht den Ball indes flach: "Meine Absicht bleibt es, Clara zu ehren, nicht sie zu kopieren." www.ragnaschirmer.de

 
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