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Eine Demonstration in Berlin gedenkt der palästinensischen Katastrophe "Nakba" von 1948 (undatierte Aufnahme). Der deutsch-französische Kultursender Arte wollte einen Antisemitismus-Film wegen handwerklicher Mängel nicht zeigen. Nun springt die ARD in die Bresche und zeigt das 90-Minuten-Stück.

Foto: Preview Production GbR/WDR/dpa

"Auserwählt und ausgegrenzt": Der Film, der nicht gezeigt werden sollte

Eine Dokumentation über Judenhass, die Mittwochabend im Fernsehen lief, zeigt aufwühlend das Ausmaß antisemitischer Einstellungen. Die Ausstrahlung war umstritten.

Von Ronny Schilder
erschienen am 22.06.2017

Chemnitz. Der Film fängt mit der "Titanic" an und endet beim Untergang Frankreichs. Den sieht der Sozialist Francois Pupponi kommen, der Bürgermeister von Sarcelles, wenn die Juden gehen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen. In Pupponis Pariser Trabantenstadt, wo es eine große jüdische Gemeinde gibt, war im Juli 2014 ein pro-palästinensischer Protest eskaliert. Es kam zu antisemistischen Ausschreitungen. Im Film sieht man den aufgebrachten Mob durch die Straßen ziehen.

Bilder wie diese haben emotionale Wucht. Sie zeigen, warum des Thema des anderthalbstündigen Dokumentarfilms "Auserwählt und ausgegrenzt" dringlich ist: Antijüdische Vorurteile breiten sich in Europa aus. Dass die Autoren ihre Beweisführung bis an die Grenze des Erträglichen verkürzen, vereinfachen und polemisch aufbereiten, steigert zwar die Wirkung des Films. Sie nehmen dafür aber auch Erkenntnisverluste in Kauf.

Zum Politikum wurde der Film, weil der deutsch-französische Kultursender Arte ihn nicht zeigen wollte. Arte hatte die Produktion 2015 beauftragt. Der Rückzieher des Senders heizte Spekulationen um die Gründe an. Die Verantwortlichen bei Arte und dem zuarbeitenden Produzenten, dem Westdeutschen Rundfunk, behaupteten, das Ergebnis habe nicht der vorab vereinbarten Leistung entsprochen. Später führte der WDR "handwerkliche Mängel" ins Feld - faktische Unstimmigkeiten, unterlassene Recherchen, verkürzte Darstellungen. Unklar ist bis heute, ob und warum nicht versucht wurde, den Film durch Korrekturen schleunigst sendefähig zu bekommen.

Anfang Mai macht der Historiker Götz Aly den ganzen Fall in einer Kolumne der "Berliner Zeitung" publik. Fachleute wie der Historiker Michael Wolfssohn und die Linguistin Monika Schwarz-Friesel befürworteten den Film, ebenso der Zentralrat der Juden und Charlotte Knobloch, die frühere Zentralratsvorsitzende und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses. Der Axel-Springer-Verlag ("Bild"-Zeitung), in dessen Unternehmensgrundsätzen das Bekenntnis zum Lebensrecht Israels verankert steht, erhöhte den Druck auf die Sendeanstalten, als er den Film am Dienstag vergangener Woche für 24 Stunden ins Internet stellte. Das Video wurde nach Medienberichten 200.000 Mal angeklickt - was aber nicht heißt, dass es wirklich so oft angesehen wurde.

Mit der Ausstrahlung am Mittwochabend erreichte die ARD nach eigenen Angaben 1,19 Millionen Zuschauer, der Marktanteil lag bei 6,7 Prozent. Zeitversetzt lief der Film auch bei Arte, vor allem für das französische Publikum. Es ist anzunehmen, dass ohne die vorherige Debatte und Skandalisierung der Produktion das Zuschauerinteresse geringer ausgefallen wäre.

Die ARD betrieb einen denkwürdigen Aufwand, um sich während der Ausstrahlung des Films davon zu distanzieren. Rechtlich angreifbare Stellen, die bei "Bild Online" noch zu sehen waren, wurden vorab korrigiert. Ein halbes Dutzend Rechercheure erarbeiteten den Faktencheck, der auf der WDR-Webseite einzelne Passagen des Films unter die Lupe nimmt. Mit Laufbändern am Bildschirmrand wurde darauf hingewiesen. Was die Rechercheure des WDR auflisten, rückt Szenen in einen anderen Kontext, belegt Überspitzungen, wirkt teils aber auch kleinlich. Film-Befürworter Wolfssohn hielt dem WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn vor: "Wenn Sie diese Standards immer anlegen würden, hätten Sie nur noch Testbilder!"

Die Debatte über Judenfeindlichkeit, die der Film hätte anstoßen können, ist über die Querelen in den Hintergrund geraten. Sandra Maischberger bemühte sich in ihrer Talkshow, den Fokus vom Film auf das Thema "Antisemitismus" zu verlagern, was ihr nur eingeschränkt gelang. Am Donnerstag schob der WDR eine Live-Fragestunde nach, in der es abermals nur um die Sendung ging.

 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 28.06.2017
    17:19 Uhr

    BlackSheep: @Jemand, Luther hat trotz seiner Fehler mit seinen Thesen die Macht der katholischen Kirche schwer angeknackst, so jemand mit einem Terroristen zu vergleichen ist peinlich. Philosophen reden halt auch manchmal Mist, Luther für die Judenverfolgung im Dritten Reich verantwortlich zu machen ist Blödsinn. Klingt ja fast so als könnte Hitler nichts dafür die Juden verfolgt zu haben, leicht übertrieben.

    0 3
     
  • 28.06.2017
    07:33 Uhr

    Jemand: BlackSheep, das ist richtig, aber damit alles zu relativieren geht gar nicht (Bin Laden war privat auch zuvorkommend, nett und sozial - würden Sie deshalb seine Taten entschuldigen?). Luther wurde als Verfolgter zum Verfolger vieler Menschengruppen; was seine Hetzreden und Verdammungen bezüglich der Juden anrichteten, bringt der Philosoph Karl Jaspers auf den Punkt: »Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern«. Schauen Sie sich Luthers 7-Punkte-Plan an und entscheiden Sie danach, ob die Luther-Verherrlichung tatsächlich angemessen ist.

    2 0
     
  • 27.06.2017
    20:45 Uhr

    BlackSheep: @Jemand, ich denke eben man sollte sich nicht um die schlechten Seiten eines Menschen kümmern, die hat schließlich jeder, sondern um die guten, die nämlich auch jeder hat.

    0 2
     
  • 27.06.2017
    19:51 Uhr

    Jemand: BlackSheep, was Sie schreiben ist richtig, trotzdem wurde Luther vom Kurfürsten beschützt, wodurch er eben nicht wie andere Reformatoren auf dem Scheiterhaufen endete.
    Sein Beitrag zur Spaltung der Kirche ist Luther zweifelsfrei hoch anzurechnen; es rechtfertigt aber nicht, seine problematischen Seiten auszublenden und ihn zu einer Kultgestalt emporzuheben. Luther hasste nicht nur die Juden, er hetzte auch gegen Frauen, Leibeigene, Ketzer, Sektierer, Philosophen und Humanisten. Lesen Sie das Buch "Luther ohne Mythos" von Prof. Dr. theol. Hubertus Mynarek, da kommt Luther selbst zu Wort!

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  • 27.06.2017
    17:12 Uhr

    BlackSheep: @Jemand, Luther,95 Thesen und so weiter. https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther Ihre Äusserung zeigt das Sie sich mit Luthers Leben nicht befasst haben, wer sich zur damaligen Zeit mit der katholischen Kirche angelegt hat, hat mit seinem Leben gespielt. Die Leistung Luthers ist ja auch nicht das er etwas gegen den Judenhass getan hat, sondern die damals ziemlich allumfassen Macht der katholischen Kirche angegriffen hat.

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