"Auserwählt und ausgegrenzt": Der Film, der nicht gezeigt werden sollte

Eine Dokumentation über Judenhass, die Mittwochabend im Fernsehen lief, zeigt aufwühlend das Ausmaß antisemitischer Einstellungen. Die Ausstrahlung war umstritten.

Chemnitz.

Der Film fängt mit der "Titanic" an und endet beim Untergang Frankreichs. Den sieht der Sozialist Francois Pupponi kommen, der Bürgermeister von Sarcelles, wenn die Juden gehen, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen. In Pupponis Pariser Trabantenstadt, wo es eine große jüdische Gemeinde gibt, war im Juli 2014 ein pro-palästinensischer Protest eskaliert. Es kam zu antisemistischen Ausschreitungen. Im Film sieht man den aufgebrachten Mob durch die Straßen ziehen.

Bilder wie diese haben emotionale Wucht. Sie zeigen, warum des Thema des anderthalbstündigen Dokumentarfilms "Auserwählt und ausgegrenzt" dringlich ist: Antijüdische Vorurteile breiten sich in Europa aus. Dass die Autoren ihre Beweisführung bis an die Grenze des Erträglichen verkürzen, vereinfachen und polemisch aufbereiten, steigert zwar die Wirkung des Films. Sie nehmen dafür aber auch Erkenntnisverluste in Kauf.

Zum Politikum wurde der Film, weil der deutsch-französische Kultursender Arte ihn nicht zeigen wollte. Arte hatte die Produktion 2015 beauftragt. Der Rückzieher des Senders heizte Spekulationen um die Gründe an. Die Verantwortlichen bei Arte und dem zuarbeitenden Produzenten, dem Westdeutschen Rundfunk, behaupteten, das Ergebnis habe nicht der vorab vereinbarten Leistung entsprochen. Später führte der WDR "handwerkliche Mängel" ins Feld - faktische Unstimmigkeiten, unterlassene Recherchen, verkürzte Darstellungen. Unklar ist bis heute, ob und warum nicht versucht wurde, den Film durch Korrekturen schleunigst sendefähig zu bekommen.

Anfang Mai macht der Historiker Götz Aly den ganzen Fall in einer Kolumne der "Berliner Zeitung" publik. Fachleute wie der Historiker Michael Wolfssohn und die Linguistin Monika Schwarz-Friesel befürworteten den Film, ebenso der Zentralrat der Juden und Charlotte Knobloch, die frühere Zentralratsvorsitzende und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses. Der Axel-Springer-Verlag ("Bild"-Zeitung), in dessen Unternehmensgrundsätzen das Bekenntnis zum Lebensrecht Israels verankert steht, erhöhte den Druck auf die Sendeanstalten, als er den Film am Dienstag vergangener Woche für 24 Stunden ins Internet stellte. Das Video wurde nach Medienberichten 200.000 Mal angeklickt - was aber nicht heißt, dass es wirklich so oft angesehen wurde.

Mit der Ausstrahlung am Mittwochabend erreichte die ARD nach eigenen Angaben 1,19 Millionen Zuschauer, der Marktanteil lag bei 6,7 Prozent. Zeitversetzt lief der Film auch bei Arte, vor allem für das französische Publikum. Es ist anzunehmen, dass ohne die vorherige Debatte und Skandalisierung der Produktion das Zuschauerinteresse geringer ausgefallen wäre.

Die ARD betrieb einen denkwürdigen Aufwand, um sich während der Ausstrahlung des Films davon zu distanzieren. Rechtlich angreifbare Stellen, die bei "Bild Online" noch zu sehen waren, wurden vorab korrigiert. Ein halbes Dutzend Rechercheure erarbeiteten den Faktencheck, der auf der WDR-Webseite einzelne Passagen des Films unter die Lupe nimmt. Mit Laufbändern am Bildschirmrand wurde darauf hingewiesen. Was die Rechercheure des WDR auflisten, rückt Szenen in einen anderen Kontext, belegt Überspitzungen, wirkt teils aber auch kleinlich. Film-Befürworter Wolfssohn hielt dem WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn vor: "Wenn Sie diese Standards immer anlegen würden, hätten Sie nur noch Testbilder!"

Die Debatte über Judenfeindlichkeit, die der Film hätte anstoßen können, ist über die Querelen in den Hintergrund geraten. Sandra Maischberger bemühte sich in ihrer Talkshow, den Fokus vom Film auf das Thema "Antisemitismus" zu verlagern, was ihr nur eingeschränkt gelang. Am Donnerstag schob der WDR eine Live-Fragestunde nach, in der es abermals nur um die Sendung ging.

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16Kommentare
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    BlackSheep
    28.06.2017

    @Jemand, Luther hat trotz seiner Fehler mit seinen Thesen die Macht der katholischen Kirche schwer angeknackst, so jemand mit einem Terroristen zu vergleichen ist peinlich. Philosophen reden halt auch manchmal Mist, Luther für die Judenverfolgung im Dritten Reich verantwortlich zu machen ist Blödsinn. Klingt ja fast so als könnte Hitler nichts dafür die Juden verfolgt zu haben, leicht übertrieben.

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    Jemand
    28.06.2017

    BlackSheep, das ist richtig, aber damit alles zu relativieren geht gar nicht (Bin Laden war privat auch zuvorkommend, nett und sozial - würden Sie deshalb seine Taten entschuldigen?). Luther wurde als Verfolgter zum Verfolger vieler Menschengruppen; was seine Hetzreden und Verdammungen bezüglich der Juden anrichteten, bringt der Philosoph Karl Jaspers auf den Punkt: »Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern«. Schauen Sie sich Luthers 7-Punkte-Plan an und entscheiden Sie danach, ob die Luther-Verherrlichung tatsächlich angemessen ist.

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    BlackSheep
    27.06.2017

    @Jemand, ich denke eben man sollte sich nicht um die schlechten Seiten eines Menschen kümmern, die hat schließlich jeder, sondern um die guten, die nämlich auch jeder hat.

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    Jemand
    27.06.2017

    BlackSheep, was Sie schreiben ist richtig, trotzdem wurde Luther vom Kurfürsten beschützt, wodurch er eben nicht wie andere Reformatoren auf dem Scheiterhaufen endete. Sein Beitrag zur Spaltung der Kirche ist Luther zweifelsfrei hoch anzurechnen; es rechtfertigt aber nicht, seine problematischen Seiten auszublenden und ihn zu einer Kultgestalt emporzuheben. Luther hasste nicht nur die Juden, er hetzte auch gegen Frauen, Leibeigene, Ketzer, Sektierer, Philosophen und Humanisten. Lesen Sie das Buch "Luther ohne Mythos" von Prof. Dr. theol. Hubertus Mynarek, da kommt Luther selbst zu Wort!

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    BlackSheep
    27.06.2017

    @Jemand, Luther,95 Thesen und so weiter. https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther Ihre Äusserung zeigt das Sie sich mit Luthers Leben nicht befasst haben, wer sich zur damaligen Zeit mit der katholischen Kirche angelegt hat, hat mit seinem Leben gespielt. Die Leistung Luthers ist ja auch nicht das er etwas gegen den Judenhass getan hat, sondern die damals ziemlich allumfassen Macht der katholischen Kirche angegriffen hat.

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    Jemand
    27.06.2017

    BlackSheep, noch ein Nachtrag: Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann äußerte sich so über Luther: "Das Festhalten an Luther als Art unerschütterliche Heldenfigur, wie sie uns das 19. Jahrhundert in Gestalt von monumentalen Bronzeplastiken auf die Marktplätze gestellt hat, kann keine angemessene Umgangsweise sein." Wenn man z. B. Luthers 7-Punkte-Plan zur Verfolgung der Juden zur Kenntnis nimmt, ist es ein Skandal, dass irgend etwas nach Luther benannt wird.

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    Jemand
    27.06.2017

    Hallo BlackSheep, es ist richtig, dass damals, als das Christentum die alleinige Macht hatte, Judenhass völlig normal war. Luther kann damit durchaus entschuldigt werden (obwohl Luther kein normaler, ungebildeter Zeitgenosse war, er hatte das Zeug dazu, sich dem Zeitgeist zu widersetzen - hat er ja auch punkto kath. Kirche getan), aber da müssen wir Luther auch in seiner Zeit lassen und er kann nicht für uns Heutigen als das große tolle Vorbild herangezogen werden. Luther musste nicht mit seinen Leben einstehen, er stand auf der Seite der Herrschenden - Sie verwechseln ihn vielleicht mit Thomas Müntzer?

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    BlackSheep
    26.06.2017

    @Jemand, https://de.wikipedia.org/wiki/Judenfeindlichkeit lesen Sie sich das mal durch, Sie werden merken das das mit den handwerklichen Mängeln noch schwer untertrieben ist. Luther mit den heutigen Masstäben zu messen kann doch nicht funktionieren, damals war Judenhass völlig normal. Wir sollten uns nicht so leichtfertig über Leute äußern die für ihre Meinung mit ihrem Leben einstehen mussten.

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    Jemand
    25.06.2017

    Gut fand ich, dass mal klar und deutlich gesagt wurde, dass das Christentum die Mutter des Judenhasses ist und der in unserer Gesellschaft hoch verehrte Luther diesbezüglich ein enormer Brandbeschleuniger war. (Der lautstärkste Antisemit des 3. Reiches Streicher hatte sich bei seiner Verteidigung in Nürnberg zu recht auf Luther und dessen Buch "Die Juden und ihre Lügen" bezogen.) Da auch der Islam den Judenhass in sich trägt, hätte m. M. nach auf das Konfliktpotential, was die monotheistischen Religionen generell in sich tragen, bei diesem Thema viel mehr zur Sprache kommen müssen.

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    norbertfiedler
    24.06.2017

    Mahmud Abbas hat laut Wikipedia den Holocaust geleugnet. Wenn dieser nun dieselbe antisemitische Argumentation wie andere Antisemiten - Juden als Brunnenvergifter und absoluten Weltfrieden durch Lösung der Judenfrage - verwendet, so ist es nicht aus der Luft gegriffen, dies auch zu benennen. Der Nazivergleich hätte nicht unbedingt sein müssen, aber völlig deplatziert ist er wiederum auch nicht. Wobei der Film nicht die Personen vergleicht, sondern deren Aussagen bzgl. Juden und Weltfrieden. Die Einseitigkeit ist auch kein Argument, da arte eine andere einseitige Dokumentation stattdessen zeigte, die allerdings kritisch gegenüber Israel war. Die besprochene Dokumentation enthält m. E. keine Passagen, welche die Nichtsendung vernünftig begründen. Sie ist einseitig und auch Kritik würdig. Aber das sind andere gesendete Dokumentationen ebenso.

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    Freigeist14
    24.06.2017

    nobertfiedler,ich habe es offensichtlich nicht falsch verstanden.Der Sender arte ist bestimmt nicht dafür bekannt,einseitig "pro Palästinenser"zu argumentieren.Einerseits hat der Film Material zusammengetragen,was mit entlarvenden Interviews den wahnwitzigen Antisemitismus zeigt und die Gewaltwelle gegen Juden in Frankreich dokumentiert. Anderseits werden Bilder gezeigt,die eher vernebeln,statt aufzuklären.Ein direkter Vergleich von Mahmud Abbas mit Julius Streicher-dem Hetzer und Antisemiten schlechthin-reißt Äußerungen aus dem Kontex. Über 30 Minuten geht es im Film nur um die Korruption der Hamas oder um die florierende NGO-Industrie in Ramallah.Der Film verfehlt hier sein eigentliches Thema und zeichnet ein extremes Zerrbild von Gut und Böse .Das ist genau die grobe Schwarz-Weiß-Debattenkultur,die ein differenziertes Auseinandersetzen zwischen den Fronten verhindert. Zu dieser Einschätzung kam auch der Experte Peter Ulrich vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.

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    norbertfiedler
    24.06.2017

    @Freigeist 14: Sie haben offensichtlich die Ausgewogenheit missverstanden: das gesamte Programm der öffentlich-rechtlichen Anstalten ist zur Ausgewogenheit verpflichtet. Dabei dürfen einzelne Beiträge selbstverständlich einseitig und sogar parteiisch sein. arte hatte überhaupt kein Problem damit, eine recht einseitig gestaltete Dokumentation über den 6-Tage-Krieg und der darauffolgenden israelischen Besatzung anstatt der hier besprochenen Dokumentation zu senden. Wann hatten arte und WDR den in Frankreich offen zu Tage tretenden Antisemitismus thematisiert? Der französische Antisemitismus ist einer mit islamistischem Ursprung. Gestern konnte man aber auch in Berlin wieder beobachten, dass durchaus berechtigte Kritik an Israels Politik für offen zur Schau gestellten Antisemitismus missbraucht wird. In welcher Dokumentation der öffentlich-rechtlichen Anstalten wurden diese Tatsachen mit dieser Deutlichkeit, wie es die hier besprochene Dokumentation tat, benannt? Es ist leider so, dass der Palästina-Konflikt fast immer recht einseitig dargestellt wird. Sonst aber Pro-Palästina - wogegen diese Dokumentation einen Kontrapunkt darstellt. Somit wäre eine gewisse Ausgewogenheit im Programm der öffentlich-rechtlichen Sender gewahrt gewesen.

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    Freigeist14
    24.06.2017

    norbertfiedler,der WDR hat keine "Meinungsvielfalt"verhindert,sondern möchte keine so einseitige und polarisierende Dokumentation ausstrahlen.Es kann keine handwerkliche Freiheit sein,wie der Film vom eigentlichen Thema der Sorge um des wachsenden Antisemitismus in Europa schnell zur Beurteilung der Problematik des Nahostkonfliktes findet.Dabei die Kritik an der 50 jährigen Besatzung der palästinensischen Gebiete mit dem tatsächlichen Antisemitismus in einen Topf zu werfen,erlaubt es dem WDR ,die Wissenschaftlichkeit und Ausgewogenheit der Dokumentation zu hinterfragen.

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    gelöschter Nutzer
    23.06.2017

    Ich habe lange überlegt, ob ich zu diesem Artikel etwas sage... WENN der gemeine kleine Mann in Europa "Hass" auf Juden hat, dann betrifft es doch zumeist die großen jüdischen, Jahrhunderte alten und weltweit agierenden Bankhäuser (und das zu Recht) oder religiöse Aspekte im Zusammenhang mit ultraorthodoxer Religionsauslegung. Ansonsten ist dem europäischen "Normalo" der jüdische "Normalo" doch eigentlich egal. Warum der Film aber nicht wirklich ausgestrahlt wurde, das verschweigt der Redakteur des Artikels gekonnt - und flüchtet sich in ein herumgeeiere peinlichster Güte um den heißen Brei. Kein Wunder, ist er doch ein Vefechter der ersten Stunde der "Willkommenskultur" und sieht sich nun wohl so nach und nach eines Besseren belehrt. Dass der erstarkende Antisemitismus (in Deutschland) in sehr hohem Maße mit der Zunahme muslimischer Zuwanderer zusammenhängt, das verschweigt der Film nicht. Aber der Redakteur verschweigt es. Arte und WDR sprechen von "handwerklichen Mängeln" und die ARD distanziert sich mit großem Aufwand von dem Film. Es ist eben blöd (oder peinlich), wenn das Ergebnis einer Doku nicht den Erwartungen entspricht und objektiv geführte Nachforschungen die Mär von der Religion des Friedens und der Toleranz zerstören. Dumm gelaufen, würde ich sagen.

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    norbertfiedler
    23.06.2017

    Was für ein Posse. Wie kann man sich nur derart selbst bloß stellen, wie es arte und WDR hier getan haben? Angesichts des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Fernsehens alle (demokratisch legitime) Meinungen in ausgewogen darzustellen, wäre es sogar im Sinne dieses Auftrags verpflichtend gewesen, die Dokumentation ohne solch großes Trara auszustrahlen. Da die Dokumentation einen sehr regierungskritischen Ton anschlägt, bleibt der nicht ganz unberechtigte Eindruck, dass es sich bei arte und WDR nicht um unabhängige Medien mit öffentlich-rechtlichem Auftrag sondern um amtliches Staatsfernsehen mit Propagandaauftrag handelt.

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    Freigeist14
    22.06.2017

    Jedem sei die Sendung "Maischberger" und die klaren Worte der Journalistin,die im Nahen Osten war und Norbert Blüms empfohlen.



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