Durch die Kasse getaktet

Nils Mohl beginnt seinen Roman "Kasse 53" mit einer Kamerafahrt. Minutiös verfolgt er den Weg des Kassierers im Technik-Kaufhaus durch die Hamburger Fußgängerzone bis zu seinem Arbeitsplatz. Über eine Woche notiert sich der junge Mann, achtundzwanzig Jahre alt, was ihm an seiner Kasse ("viele rechte Winkel auf wenig Raum") in der CD-Abteilung im Sommer 1999 so alles vor den Tresen kommt.

Schon die obligatorische Frage nach der Tüte kann bei manchen Kunden ja zu langen Nachdenkzeiten führen. Und so schiebt der Mann an der Kasse zwischen seine Arbeit immer wieder Exkurse ein - wie eben die Frage nach der Tragetasche. Die Antworten dazu sind so mannigfaltig und unterschiedlich, dass eines ganz sicher ist: Ein einfaches "Ja" oder "Nein" kommen am seltensten vor.

In den Stunden an der Kasse ist es ihm gelungen, die Wochentage zu klassifizieren. Dienstags ist in der Regel wenig los, Mittwoch ist der Tag der Kranken, da viele Arztpraxen am Nachmittag geschlossen haben. Donnerstags sind die Bekloppten unterwegs, "Krethi, Plethi und Yeti". Erst zum Freitag hin entspannt sich die Lage an der Kassenfront wieder etwas in Richtung Normalität.

Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Kassiervorgängen und eingeschobenen Gedankenspielereien, der die Lektüre zu einem unterhaltsamen Roman macht, den man in sehr kurzer Zeit gelesen hat. Und wer sich fragt, was jemanden dazu bringt, sich einen solchen Job auszusuchen, der "minimale Aufstiegschancen bietet, von äußerst geringem sozialen Renommee ist und scheinbar ohne jedes Selbstverwirklichungspotenzial", der wird von Nils Mohl eine überraschende Antwort erhalten. Es sind die Kunden mit ihren skurrilen Wünschen, ihren Absonderlichkeiten, ihren Launen und Befindlichkeiten, die die tägliche Arbeit nicht in der Routine erstarren lassen.

Mit einer großen sprachlichen Virtuosität schreibt Mohl, der für seinen Roman "Es war einmal Indianerland" mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 ausgezeichnet wurde, über das Leben eines kleinen, unbedeutenden Kaufhaus-Kassierers, dessen Alltag durch die Kasse getaktet ist, aber darum noch lange nicht in Langeweile abgleiten muss.

Nils Mohl: "Kasse 53"
Rororo
221 Seiten
9,99 Euro
ISBN 978-3-499-26898-4

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