"Man kann sich nicht immerzu raushalten"

Ein junger Mann begleitet seinen Großvater auf eine Reise in die deutsche Vergangenheit, durch die sich für die Familie alles ändert.

POW ist die Abkürzung für Prisoners of War, Kriegsgefangene. Es gab einst über 370.000 deutsche Soldaten, die in den USA in mehr als 500 Lagern in amerikanischer Gefangenschaft waren. Ihre Geschichte ist bei uns heute weitgehend vergessen.

Für den 1982 geborenen Hannes Köhler ist sie es nicht. Er wurde angeregt durch die Erzählungen seines Großonkels, der selbst in Amerika in Kriegsgefangenschaft war. Aufgewühlt durch diese Erinnerungen, hat Köhler eine zweimonatige Recherchereise in die USA unternommen, mit Zeitzeugen gesprochen. Das Ergebnis ist der Roman "Ein mögliches Leben".

Eigentlich hat Martin kein besonderes Verhältnis zu seinem Großvater Franz, begründet sicher auch in dem schwierigen Verhältnis, das seine Mutter zu ihrem Vater hat. Warum auch immer, aber Martin will seinem Großvater dessen Wunsch nicht abschlagen: Der will noch eine letzte große Reise unternehmen, und zwar nach Amerika, an die Orte, wo er 1944 in Kriegsgefangenschaft war.

Die beiden Männer durchstreifen unter sengender texanischer Sonne Ruinen der ehemaligen Barackenlager, treffen auf Zeitzeugen. Nach und nach werden in dem fast 90-Jährigen die Kriegsjahre und die Zeit danach wieder lebendig. Er beginnt zu reden. Und Martin beginnt auf dieser Reise in die Vergangenheit, seinem Großvater zuzuhören und manches zu verstehen.

Es sind verstörende Ereignisse, die Köhler in seinem Roman, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelt, aus den Gefangenenlagern schildert: diese seltsame Gemengelage zwischen den deutschen Gefangenen, denen auch die Amerikaner ratlos gegenüberstanden, diese fragwürdigen Kameradschaften, der Terror, der auch vor Mord nicht zurückschreckte, die Angst.

Aber es gibt auch echte Freundschaften und Erkenntnisse. "Irgendwann muss man sich einfach entscheiden und die Konsequenzen tragen. Eine Seite. Eine Meinung. Man kann sich nicht immerzu raushalten", sagt Paul, der zum besten Freund von Franz wird. Die Zeit im Lager beeinflusst das gesamte spätere Leben von Franz und die Verhältnisse in der Familie. Und irgendwann beginnt Martin, über sein eigenes Leben nachzudenken, über sein Verhältnis zu Judith und ihrem gemeinsamen Kind. Und irgendwann beginnt auch Barbara, die Tochter von Franz, sich ihrem Vater in vorsichtigen, kleinen Schritten wieder anzunähern. Sie begreift, dass für ihn auch ein anderes Leben möglich gewesen wäre. Er aber aus Verantwortungsbewusstsein verzichtet hat.

Das alles erzählt Hannes Köhler in einer ruhigen, fast distanzierten Sprache, doch absolut packend und anschaulich. Genau dadurch, ohne den erhobenen Zeigefinger und das Schwingen der Moralkeule, bereitet das Buch Lesegenuss. Eine sehr berührende Facette ist Franz' Begeisterung für Steine. Von überallher bringt er sie mit, sammelt sie in einem Glas als Zeugnisse für sein Leben -- nicht ohne sie vorher im Mund gehabt zu haben, um diesen Lebensabschnitt auch zu schmecken. "Ein mögliches Leben" beinhaltet noch einen wichtigen Rat: Sprecht miteinander. Um manches aus der Vergangenheit zu erfahren, ist nicht mehr viel Zeit für Gespräche mit denen, die es erlebt haben.

Hannes Köhler: "Ein mögliches Leben"

Ullstein

352 Seiten

22 Euro

ISBN 978-3-550-08185-9

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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