Mit dem Finger in der Wunde

Der schleichende Zerfall einer Familie wird von Nina Lykke in "Aufruhr in mittleren Jahren" mit bitterbösem Witz erzählt.

Dieses Buch ist bitterböse. Dabei konfrontiert es den Leser nur mit dem ganz banalen Alltag einer wohlsituierten Familie. Da sind Ingrid und Jan, beide in mittleren Jahren und seit knapp 25 Jahren miteinander verheiratet. Sie haben zwei erwachsene Söhne, die noch im Elternhaus leben, die Vorteile von Pension Mama voll auskosten. Es geht ihnen gut: ein nettes Haus in einem Vorort von Oslo, Ingrid ist Lehrerin, Jan Beamter. Das Leben plätschert dahin. Doch dieses Leben gerät aus den Fugen, mit jedem Tag etwas mehr.

Dafür gibt es eigentlich keinen direkten Anlass, ganz schleichend stellt sich alles in Frage. Ingrid spürt immer stärker, dass nichts in ihrem Leben mehr eine Frage der Lust ist. Sie funktionierte nur noch, muss sich zwingen zu jedem Schritt. Noch ist Jan ahnungslos. Überhaupt folgt er in seinem Leben einer markierten Loipe, stets war es ihm wichtig, ein guter Vater und Ehemann zu sein. Und doch hat er tief in sich das Gefühl, dass noch eine andere Version von ihm an einem anderen Ort existieren müsse. Mit seiner Ehe war er allerdings nie unzufrieden. Dann trifft er auf Hanne, eine junge Kollegin. Mit ihr hat er eine heiße Nacht und wacht früh auf mit dem Gedanken: "So ist es also draußen."

Und Hanne, die Mittdreißigerin? Sie ist auf der Suche. Alle Freunde und Bekannten stecken schon in Ehe und Familie. Sie weiß, dass sie bald in einer Beziehung, mindestens 16 oder 17 hat sie schon hinter sich, Nägel mit Köpfen machen muss, wenn sie nicht allein bleiben will. Sie sehnt sich nach einer Familie.

Ist Jan, der erfolgreiche, noch rüstige Liebhaber, der Richtige für sie? Will Jan sein Leben wirklich völlig umkrempeln, mit junger Frau und kleinem Kind noch einmal von vorn anfangen? Die beiden können bald nicht mehr nur überlegen, denn als die Affäre auffliegt, ist es Ingrid, die mit gnadenloser Konsequenz, auch sich selbst und ihrem bisherigen Leben gegenüber, alles ändert. Auf der Strecke bleibt die Betrogene nicht, im Gegenteil.

Diese Zusammenfassung von Nina Lykkes Roman "Aufruhr in mittleren Jahren" täuscht. Midlife-Crisis und Dreiecksgeschichte, alles schon gelesen und von jeder Seite durchgekaut? Auf keinen Fall. In Lykkes Familiendrama bleibt kein Stein auf dem anderen. Das ist so tiefgründig in Szene gesetzt, obwohl eigentlich auf den 270 Seiten nichts besonders Schreckliches passiert. Es ist der böse Witz, das Rabenschwarze, das diese Geschichte von tausend ähnlichen unterscheidet.

Darf man als Mutter so denken und fühlen über die eigenen Kinder? Darf man als Geliebte so skrupellos sein? Unbestritten sind Ingrid und Hanne die Starken in diesem Buch. Sie nehmen sich nichts, auch wenn beide Frauen unterschiedlicher nicht sein könnten. Es scheint, als blicke die eine auf das Leben zurück und befreie sich davon, was vor der anderen noch liegt und das ihr so erstrebenswert vorkommt. Der etwas unbedarfte Jan steht dazwischen. Er kommt bei Nina Lykke nicht so gut weg.

Aber "Aufruhr in mittleren Jahren" ist kein friedlich-freundlicher Frauenroman. Es ist ein grandioses Buch für alle, die beim Lesen auch ertragen, dass es wehtun kann. Stichwort: Spiegel.

Nina Lykke: "Aufruhr in mittleren Jahren"

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Sylvia Kall

Nagel & Kimche

270 Seiten

20 Euro

ISBN 978-3-312-01060-8

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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