Die Dramen des Lebens - seines Lebens

Er war eine der großen Gestalten der russischen Literatur. Eine neue Biographie schildert Dostojewskijs schrecklich spannendes Leben.

Dieser 22. Dezember 1849 auf dem Semenowskplatz in St. Petersburg war es wohl, der das Leben des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewskij grundlegend veränderte. Die Exekution, zu der er an diesem Morgen auf den Platz geführt wurde, sie fand nicht statt.

Stefan Zweig hat in seinen "Sternstunden der Menschheit" die Situation beschrieben. "Um seine Lippen hängt das gelbe Lachen der Karamasows", heißt es da am Schluss. Und dieses gelbe Lachen ist ein Symbol für das widersprüchliche Werk, das dieser Mann aus solcher Erfahrung schreiben wird. Nach seiner Rückkehr aus der Verbannung, in die jene Exekution verwandelt wurde, entstehen neben Erzählungen und kürzeren Texten die großen Romane "Schuld und Sühne" (1867), "Der Idiot" (1869), "Die Dämonen" (1871/1872), "Die Brüder Karamasow" (1879/1880). Damit schrieb er sich in die Weltliteratur.

Schon zu Lebzeiten wurde die außerordentliche Fähigkeit des Erzählers bewundert - und immer wieder haben Schriftsteller der kommenden Jahrzehnte das Besondere dieses Autors beschrieben. Thomas Mann nannte Dostojewskijs literarische Produktion "ein kolossales Lebenswerk von unerhörter Neuheit und Kühnheit, von wogender Fülle der Leidenschaft und Gesichte". Und auch wenn die Wirkung in dem vergangenen Jahrhundert seit seinem Tod unterschiedlich war, dieser Autor ist und wird bleiben: eine der großen Gestalten der russischen Literatur.

Nach fast einem Vierteljahrhundert ist eine neue Biographie in deutscher Sprache erschienen. Eine Biografie, die Dostojewskijs Leben und Werk aus heutiger Erfahrung erkundet. Der Slawist Andreas Guski hat eine Lebensbeschreibung geliefert, die auch noch einen anderen großen Vorzug aufweist. Es ist ja in der Literaturwissenschaft der letzten Jahre "Mode" geworden, biografische Exkurse als dicke, kaum lesbare Bücher vorzulegen. Franz Kafka in drei Bänden, Friedrich Schiller auf tausend Seiten, Alfred Döblin auf neunhundert Seiten. Man kann die Aufzählung fortsetzen, aber wer soll das lesen? Die Welt der Leser rekrutiert sich doch nicht aus den stillen Arbeitszimmern der schreibenden Professoren. Andreas Guski schließt sich nicht dieser elitären Phalanx an, sein "Dostojewskij" hat 460 Seiten. Er ist lesbar, ohne sich populär zu geben, er beschränkt sich auf das Wesentliche dieser Gestalt, dieses Werkes. Und auf das Nachdenken über seine heutige Bedeutung. Guski nennt ihn einen Autor der Krise, das ist nicht allzu originell, aber es kennzeichnet wohl doch auch die Situation, in der er heute gelesen wird. Schwierige Zeiten rufen nach Dostojewskij und seiner Weltbeschreibung. Dieses Leben also, ein Aufbruch des Jünglings, später plötzlich der Beinahe-Untergang, die Unternehmung, dann in zehnjähriger Verbannung ein Autor zu werden. Die großen Werke in schlimmen Zeiten. Das Leben des Spielers und dabei immer stärker wachsend der Ruhm.

Man kann das alles mit dem Blick auf heutige Verhältnisse in Russland lesen, mit sehr ähnlichen Widersprüchen. Dostojewskij wird uns als historische Figur beschrieben, aber dieses Umfeld, aus dem er lebt und schreibt, ist auf andere Weise sehr lebendig. Und wie gesagt: Man muss kein Slawist sein, um dieses Buch mit Gewinn zu lesen. Hermann Hesse schrieb schon 1925: "Wir müssen Dostojewskij lesen, wenn wir elend sind ... dann sind wir offen für die Musik dieses schrecklichen und herrlichen Dichters ...".

Andreas Guski: "Dostojewskij. Eine Biographie"

C. H. Beck Verlag

460 Seiten

28 Euro

ISBN 978-3-406-71948-6

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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