Die Öffnung des dritten Auges

Paulo Coelho nimmt die Leser in dem autobiografischen Roman "Hippie" wieder einmal mit auf eine spirituelle Sinnsuche.

Karla aus Rotterdam ist 23. In einer puritanischen Musterfamilie ist sie stromlinienförmig aufgewachsen. Nun will sie endlich etwas Außergewöhnliches machen, nachdem sie an die Enttäuschung vom Christentum erste Ausstiegserfahrungen angeschlossen hat mit Hinduismus, Taoismus, Buddhismus, afrikanischen Kulturen und Yoga. Schön ist sie natürlich auch mit ihren langen Haaren. Ihr Äußeres gefällt den Männern. Es herrscht kein Mangel, das macht sie selbstbewusst, launisch und dickköpfig. Mit der Liebe tut sie sich schwer, sie kann diesem Zustand keine Dauer geben, weil sie immer wieder schnell das Interesse verliert. Einer hat ihr deswegen sogar eine Depression unterstellt.

Im Jahr 1970 sitzt sie auf dem Dam in Amsterdam, einem der Mittelpunkte der Welt für eine neue Gegenkultur. Hier haben die Hippies einen zentralen Begegnungsort. Es gibt diverse Sekten und alternative Zeitungen. Freie Liebe und neue Idole haben Konjunktur: Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison. Die jungen Leute gehen nicht zum Studium, wollen stattdessen Erfahrungen sammeln.

Hier floriert die neue Hippie-Industrie mit Weihrauchstäbchen, Batikhemden und Flower-Power-Aufnähern, und George Harrison unterhält sogar ein Gratisrestaurant. Die Männer sind unrasiert, haben lange Haare und tragen zerschlissene Jeans. Die Frauen lieben bunte Blusen, lange Röcke und klobige Ketten. Auf BHs verzichten sie, auch Karla, die durchaus einen gebrauchen könnte. Sie suchen sich ihre Männer selber aus. "Be Sure to Ware Some Flowers in Your Hair ..."

Alle wollen weg, deswegen ist das wichtigste Buch Arthur Frommers "Europe On Five Dollars a Day". Reisepässe stehen hoch im Kurs, Fliegen ist zu teuer und nur für die Elite, aber es gibt Busse und die Reisefreiheit dieser billigen Hippie-Trails. Auf so einen wartet Karla, doch braucht sie wegen der nicht zu unterschätzenden Gefahren einen maskulinen Beschützer. Nach Nepal soll es gehen, weil nach ein paar Vorfällen und der überstürzten Abreise der sinnsuchenden Beatles Indien ein wenig diskreditiert ist. Der Bus ist so schäbig, wie man es erwarten darf bei einem Preis von 70 Dollar für die Strecke Amsterdam-Türkei-Libanon-Iran-Irak-Afghanistan-Pakistan-Indien-Kathmandu.

Da trifft ihr Blick auf dem Dam den des gleichaltrigen Paulo, und bis zum ungeschickten Kennenlernen wissen sie, dass sie sich beobachten. Sie mag den schüchternen, schmalen Brasilianer, der nicht viel redet. Plötzlich ist alles klar. Für den schweigsamen Paulo ist es der zweite Trail, er kennt sich aus, will Schriftsteller werden und hat schon manches durch: psychiatrische Anstalt, Gefängnis, Folter und den Spott der Gleichaltrigen daheim. Aber er hat sein Ziel, dem er durch Erfahrungsgewinn näherkommen will. Klara gefällt ihm jenseits von Liebe, also sitzen sie bald gemeinsam im Magic-Bus, wo irgendwann Langeweile herrscht und sich ansonsten alles um ein Leben nach eigenen Überzeugungen dreht.

Blockflöten, Sitar und Gitarren grundieren den Sound von Liebe und Frieden, den die frühen Kyniker, Thoreau und Gandhi stützen: Vereinfache dein Leben. Die Hippies sind ein Stamm ohne Anführer. Sie träumen ihren Traum, und die Reise soll nie zu Ende gehen, weil der Weg das Ziel ist. Irgendwann baden sie nackt und Paulo wirft Blicke auf eine andere, verschämten Sex hat er dann aber doch mit Karla, die weiterfährt, als er schon in Istanbul bei den Derwisch-Tänzern des Mevlevi-Ordens Erfüllung findet und bleibt, nicht ohne zum Abschied Karla innig zu küssen, voller Liebe, aber ohne Wollust.

Paulo ist der allwissende Erzähler in diesem Roman, der ein Porträt des Künstlers als junger Mann sein will. So kann er die Motive aller aus der Reisegesellschaft referieren und immer wieder Exkurse einstreuen, die wenig mit seiner Hingezogenheit zu Klara zu tun haben. Dann geht es um Drogenerfahrungen, Hare Krishna, gutes Karma, die Gründe des Ausstiegs eines erfolgreichen Pariser Marketingdirektors, um den Dichter Rumi oder die Öffnung des dritten Auges, das den tibetanischen Mönch Lobsang Rampa berühmt machte, der eigentlich der Sohn eines britischen Klempners war. Spirituelle Sinnsuche ist Paulo Coelhos Zentralthema, von dem er hier mal pathetisch, da mal hölzern aufsatzmäßig berichtet, als wolle er einem einfach gestrickten Nachbarn ein halbes Jahrhundert später die Phänomene erklären.

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