Ein Abschied von der Libido

Mit "Serotonin" erscheint am Montag der neue Roman von Michel Houellebecq. Der skandalöse Franzose hält darin hinter bekanntem Biss ein überraschendes Plädoyer für die Liebe.

Paris.

Seit Michel Houellebecq 1997 mit dem Manifest "Rester Vivant" die literarische Bühne betrat, sorgte er für Aufsehen. Im ersten Roman "Ausweitung der Kampfzone" (1994) führte er vor, wie die Lust neben dem Kapital die Gesellschaft erbarmungslos spaltet. Nach "Plattform" (2001) erhielt er wegen islamfeindlicher Äußerungen Morddrohungen. Und an dem Tag, an dem "Unterwerfung" erschien, stürmten islamistische Terroristen mit Maschinengewehren die Redaktion des Satiremagazines "Charlie Hebdo", auf dessen Titelblatt eine Houellebecq-Karikatur abgebildet war. Insgesamt 28 Menschen starben an jenem 7. Januar 2015 in Paris. Der Roman, in dem eine islamistische Partei in Frankreich die Macht übernimmt, wurde in ganz Europa kontrovers diskutiert. Entsprechend groß ist die Spannung vor dem neue Roman - zumal der Verlag um den Titel bis zuletzt ein Geheimnis gemacht hat. Am Montag nun erscheint der neue Houellebecq als "Serotonin".

Für einen Skandal wird das Buch wohl nicht sorgen. Es hat fast den Anschein, als habe der im vergangenen Jahr 60 gewordene Houellebecq einen solchen unbedingt vermeiden wollen - kehrt er doch zu seinen Ursprüngen zurück und schreibt über den Libidoverlust in der westlichen Gesellschaft. Mehr als einmal fühlt man sich an "Ausweitung der Kampfzone" erinnert, obwohl das neue Buch nicht ganz so konsequent komponiert ist.

Der Ich-Erzähler heißt Florent-Claude Labrouste, ist 46 Jahre alt und einer dieser für Houellebecq so typischen Verlierer, die man irgendwie lieben muss, auch wenn man sie moralisch eigentlich verurteilen sollte. Vom Leben gezeichnet ist Florent nur noch beim Kaffee anspruchsvoll. Nach einem Job bei Monsanto arbeitet er jetzt für ein gutes Gehalt auf Vertragsbasis beim französischen Ministerium für Agrarwirtschaft. Die Ideale der Landwirtschaftlichen Hochschule hat er lange verraten und sich damit abgefunden, dass ein Bauer nach dem anderen Selbstmord begeht, weil er bei den niedrigen Milchpreisen nicht überleben kann. Das widert ihn zwar an - aber Hoffnung, die Welt zu retten, hat Florent keine mehr. Fährt er doch selbst einen SUV und genießt im Supermarché die Warenvielfalt, statt sich mit Produkten von örtlichen Erzeugern zu begnügen. Mit Sex und dem Antidepressivum Captorix (das den Serotoninspiegel erhöht) versucht Florent, dem Leben Sinn zu geben. Komplikationen sind da programmiert: "Die bei Captorix am häufigsten beobachteten unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust, Impotenz. Unter Übelkeit habe ich nie gelitten." Als er eines Tages an sich selbst die "Abwesenheit jeglichen Verlangens" diagnostiziert, verlässt er seine Freundin Yuzu, um "vorsätzlich zu verschwinden".

Für diese Umgestaltung seines Lebens braucht er einen Tag: Das größte Problem ist es, in Paris ein Hotel zu finden, in dem Rauchen noch erlaubt ist. Was aber anstellen mit dem Rest des Lebens? Ins Kloster? Sind alle ausgebucht. Nutten in Thailand? Bei Impotenz keine Lösung. Also geht er zum "Abschied von der Libido" auf Tour und trifft all seine Ex-Frauen noch mal.

Wieder erzählt Houellebecq von der Dekadenz der westlichen Welt, in der es alles zu kaufen gibt und in der trotzdem niemand glücklich ist: Freihandel, Konsum und Leistung haben moralische Werte verdrängt. Es gilt das Recht des Stärkeren. Die Ideale der 68er haben nur in einer kleinen Nudistenkolonie alternder Hippies überlebt. Auch "Serotonin" strotzt mit einem entwaffnenden, böse-ironischen Erzählton vor Tabubrüchen - und doch verbirgt sich hinter frauenfeindlichen Formulierungen und pädophilen Entgleisungen ein Romantiker, der sich nach nichts mehr sehnt als nach der Einen. Im Buch heißt sie Camille, Florent verbrachte mit ihr seine glücklichsten Jahre. Im Rousseau'schen Sinn waren die beiden sich selbst genug. Am Ende dieses urkomischen wie tieftraurigen Romanes hält Houellebecq ein regelrechtes Plädoyer für die Liebe, die in der heutigen Zeit durch die Illusion von individueller Freiheit, von einem offenen Leben und von unbegrenzten Möglichkeiten zum Scheitern verurteilt ist. Antworten? Hat Houellebecq keine. Aber augenscheinlich noch Ideale.

Das Buch Michel Houellebecq: "Serotonin"; DuMont Verlag; 336 Seiten; 24 Euro.

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