Eine Familie, die keine war

Die Schriftstellerin Lucy Barton stammt aus fast asozialen Verhältnissen. Der Kontakt zu ihrer Familie ist abgebrochen - bis zu dem Tag, als ihre Mutter an ihrem Krankenbett sitzt. Von da ab wird vieles in ihrem Leben infrage gestellt. Elizabeth Strout erzählt das in einem Wahnsinnsbuch.

Aufgrund einer lebensgefährlichen Infektion nach einem Routineeingriff muss die New Yorker Schriftstellerin Lucy Barton für Wochen im Krankenhaus bleiben. In dieser Zeit bekommt sie Besuch von ihrer Mutter, die sie jahrelang nicht gesehen hat. Alle früheren Probleme scheinen in diesen Tagen, die die Mutter an ihrem Bett verbringt, vergessen zu sein. Lucy ist überglücklich, fühlt sich geliebt und geborgen wie nie zuvor. Gebannt und voller Freude lauscht sie der Mutter, wenn sie über alte Bekannte und Nachbarn aus der längst verlassenen Heimat erzählt. Doch bald kommen die mit der Zeit verdrängten Erinnerungen zurück, die sie eigentlich für immer aus ihrem Gedächtnis löschen wollte.

Es war keine glückliche Kindheit, die das Mädchen und ihre zwei Geschwister erleben mussten. Armut, Prügel, Demütigungen durch die Eltern, Hunger, Kälte, Isolation durch die Nachbarn, kein Fernsehen, keine Zeitungen, keine Bücher. Lucy Barton aber kann sich aus diesem Milieu befreien, geht ihren Weg, trotz aller Widrigkeiten. Und sie wird dafür belohnt: ein sorgenfreies Leben in New York, eine scheinbar glückliche Ehe, zwei geliebte Töchter, Erfolg als Schriftstellerin. Und doch bleiben im Inneren stets eine gewisse Unsicherheit, Fragen, eine nicht erklärbare Leere.

Der Besuch der Mutter am Krankenbett und ihr unvermittelter Abschied lassen sie völlig aufgewühlt zurück. Der Kontakt bricht aus unerklärlichen Gründen wieder ab. Lucy sieht die Mutter erst neun Jahre später auf dem Sterbebett wieder. Es gibt keine Versöhnung, keine Entschuldigung für erlittenes Leid, keinen noch so kleinen Liebesbeweis, auf den die erwachsene Frau sehnsüchtig wartet.

Doch diese Ereignisse bringen ihr eigenes Leben gänzlich durcheinander: Der Mann wird ihr fremd, sie trennt sich von ihm, vielleicht auch aus dem Gefühl heraus, dass er, der als Einzelkind aus einer liebevollen Familie stammt, nie nachvollziehen konnte und kann, was Lucy zu der gemacht hat, die sie ist. Und sie kommt zu dem Schluss: "Wir waren eine so kaputte Familie gewesen, wir alle fünf, aber erst jetzt merkte ich, wie tief hinunter ins Herz das Geflecht unserer Wurzeln reichte."

Der Pulitzerpreisträgerin Elizabeth Strout ist mit "Die Unvollkommenheit der Liebe" ein Wahnsinnsbuch gelungen. Eigentlich ist es eine ganz einfache Geschichte, aber die wird anrührend erzählt. Das, was Strouts Romanheldin erlebt und als ihren eigenen Roman aufschreibt, berührt zutiefst und macht das Buch zu einem Liebesroman der besonderen Art. Ob bei dem unglücklichen Kind oder bei dieser später so erfolgreichen Frau und Mutter - es geht zu jeder Zeit um Liebe, um das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern, um Gefühle, die zum Teil nicht erwidert werden, die nicht vorhanden sind, die nicht in Worte gefasst werden können. Denn immer spürt der Leser, dass Lucy nicht alles preisgibt. Andeutungen lassen erahnen, dass es einiges gibt, worüber das Kind, die Frau, die Schriftstellerin nicht reden und erst recht nicht schreiben kann. Unweigerlich fragt man sich selbst nach dem Umgang mit den eigenen Gefühlen, wie offen man sie auslebt, andere daran teilhaben lässt.

Das Buch von Elizabeth Strout wühlt auf. Es regt zu Gedanken an, die einem nicht oft durch den Kopf gehen.

Elizabeth Strout: "Die Unvollkommenheit der Liebe"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sabine Roth
Luchterhand Literaturverlag
205 Seiten
18 Euro
ISBN 978-3-630-87509-5

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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