Eintauchen in die Welt der toten Mutter

"Eine Liebe, in Gedanken" ist eine schöne, aber keine kitschige Liebesgeschichte

Manchmal ist es zu spät, die Eltern befragen zu können nach ihrem Leben, nach der Liebe und dem Glück und ob sie fanden, was sie einst gesucht und erwartet haben. Auch diese Tochter hat zu Lebzeiten der Mutter diese Themen nicht berührt, erst nach deren Tod macht sie sich Gedanken, ob die Mutter das Leben gelebt hat, was sie sich erträumte. Die Antwort liegt schon in dem Titel des Romans "Eine Liebe, in Gedanken", geschrieben von Kristine Bilkau. Ein Buch mit Stärken und Schwächen.

Den Leser erwarten mehrere Erzählebenen. Da ist die Geschichte der Mutter, die Liebesgeschichte von Toni und Edgar. Sie geht zurück in die 60er-Jahre. Der zweite Erzählstrang spielt heute, beginnt mit dem Tod der Mutter, umfasst die namenlose Tochter, wie sie mit dem Schmerz und dem Verlust umgeht. Sie will sich viel Zeit lassen, und beim Eintauchen in die Welt der Mutter, beim Lesen von Tagebuchnotizen und Briefen, stellt sie sich die Frage nach deren Glücklichsein.

Es hätte das große Glück werden können mit Toni und Edgar, die wie füreinander geschaffen waren. Auch wenn die Nachkriegszeit noch nicht lange vorbei war, das Leben voller Zwänge und Traditionen Kraft kostete, sie hatten einander und wollten eine gemeinsame Zukunft aufbauen - in den 60er-Jahren. Auch beruflich scheint alles im Lot. Für Edgar bietet sich eine große Chance: die Versetzung nach Hongkong. Toni soll nachkommen, sobald er Fuß gefasst hat. Doch das ersehnte Flugticket kommt nie bei Toni an, bis sie nach einem Jahr schließlich die Verlobung löst. Edgar hüllt sich von da ab in Schweigen.

Diesen Mann will die Tochter kennenlernen. "Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, dass meine Mutter gestorben ist." Mit diesen Worten möchte sie ihn aufrütteln, ihn zwingen, sich an ihre Mutter zu erinnern. Es gibt viele Fragen, zumindest die Tochter möchte Antworten hören, wenn es der Mutter schon nicht vergönnt war. Auch der Leser bekommt nicht auf jede Frage eine Antwort.

Das Buch ist dennoch eine schöne Liebesgeschichte; nicht die zwischen Toni und Edgar. Es ist die Liebeserklärung der Tochter an ihre tote Mutter. Es ist der Versuch, sie selbst, ihr Leben und die Art, es zu leben zu verstehen. Das mag kitschig klingen, ist es aber nicht. Weil Bilkau zurückhaltend schreibt, ohne in Sentimentalitäten abzugleiten. Allein die Dreiecksgeschichte Toni, Edgar und Tochter hat nicht den Reiz ausgemacht. Faszinierender war das Eintauchen in die Geschichte vor knapp 60 Jahren. Das von Bilkau gezeichnete, gut recherchierte Bild dieser Jahre, die damalige Rolle der (westdeutschen) Frau mit ihren Erwartungen und Einschränkungen, ihrer Suche nach Selbstbestimmung, sind ein Leseanreiz und machen "Eine Liebe, in Gedanken" empfehlenswert.

Kristine Bilkau: "Eine Liebe, in Gedanken"

Luchterhand

256 S.

20 Euro

ISBN 978-3-630-87518-7

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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