Im Kopf verdichtet sich alles wie zu einem Film

Ein Streifen über Sex soll gedreht werden - es entsteht einer über Liebe

Eine Tochter, deren Vater bei einer Bergwanderung stirbt, findet im Nachlass drei Tagebücher. Sie dokumentieren Ereignisse vom Sommer 1996. 22 Jahre später liegen sie dem Leser als Buch vor. Damals wurde der Filmstudent Jonas Rosen nach New York geschickt, um einen Film über Sex zu drehen. Das klingt skurril, die Ereignisse sind es auch. Warum beginnt der erste Eintrag mit der zehnmaligen Wiederholung von "Ich drehe keinen Nazischeiß!"? Diese Frage beantwortet Chris Kraus in seinem Roman "Sommerfrauen, Winterfrauen" erst später.

Ein Film über Sex - der junge Student ist überfordert. Zumal er auch noch in der düstersten Ecke der Lower East Side gelandet ist. Schon in den ersten Minuten nach seiner Ankunft entgeht er nur knapp einem Raubüberfall. Auch das künstlerische Umfeld trägt nicht dazu bei, die obskure Studienaufgabe mit Bravour zu erfüllen. Jonas ist umgeben von gestrandeten Existenzen, die mehr an ihm interessiert sind als an Unterstützung für den künstlerischen Nachwuchs. Der Leser taucht ein in das New York der Neunziger. Er erlebt Sex, "Drugs and Rock 'n' Roll", lernt Typen kennen, die jeder Beschreibung spotten. Fast leidet man mit an der Hoffnungslosigkeit, mit der Jonas seine Felle davonschwimmen sieht. Er findet keinen Zugang zur Stadt, und erst recht nicht zu dem Thema des Films.

Bis Nele auftaucht; die Sommerfrau, schillernd, eigensinnig, scharf auf Jonas und - schwanger. Dieses Persönchen hilft ihm aus seiner Not, zeigt ihm (scheinbar unbeabsichtigt) den Weg, den er gehen muss. Denn Jonas schleppt eine Bürde mit sich herum, eine ungeheuerliche Familiengeschichte, mit der er eigentlich nichts zu tun haben möchte. Aber es lebt eine alte, sterbenskranke Tante von ihm in New York, die den Kontakt zu ihm sucht. Schritt für Schritt nähert er sich der Tante Paula an, hört ihren Erzählungen zu. Ich drehe keinen Nazischeiß? Er dreht ihn dann doch.

Kraus hat mit "Sommerfrauen, Winterfrauen" seinem Ruf als brillanter Erzähler alle Ehre gemacht. Bekannt ist er als Filmregisseur und Drehbuchautor, seine Filme wurden vielfach ausgezeichnet. "Vier Minuten" beispielsweise erhielt 2007 den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm. Vielleicht ist es seine Nähe zum Film, dass er als Autor so kraftvoll und bildgewaltig schreibt. Was man liest, verdichtet sich im Kopf zu Kino vom Feinsten. Er kann formulieren und beschreiben, sodass man sofort mitten im Geschehen ist: Im New York der 90er-Jahre, bei all den wilden Künstlerpartys ebenso wie mitten drin im Holocaust, in (wie Jonas es nennt) der Nazischnulze "Jüdin liebt Folterer". In diesem Buch stecken viele Geschichten. Jede ist schier unglaublich - auch weil jede unglaublich gut erzählt wird.

Chris Kraus: "Sommerfrauen, Winterfrauen"

Diogenes

416 S

24 Euro

ISBN 978-3-257-07040-8

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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