Kunst als kleine weite Welt

Wenn Martha aus der Pommernprovinz in Weimar tanzt: Der Debütroman von Tom Saller porträtiert die Geburtsstunde des weltberühmten Bauhauses.

Bauhaus - dieser Begriff steht noch heute gleichermaßen für eine herausragende Kunstschule und überhaupt für den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Der Wilhelminismus war endgültig tot, als es vor 99 Jahren in Weimar gegründet wurde. Hier versammelten sich nicht nur beispiellos bis in die Gegenwart interdisziplinäre schöpferische Kräfte, sondern entfalteten sich auch Denken und Handeln der Moderne. In dieser Zeit siedelt Debütautor Tom Saller das Porträt der Tänzerin Martha an, die als Tochter eines Blaskapellmeisters in einer pommerschen Kleinstadt geboren wird.

Einer der Musiker rät der talentierten jungen Frau, nach Weimar zu gehen. Hier findet sie nicht nur ihren künstlerischen Ausdruck, sondern übt sich auch in dem, was sie als weite Welt deutet. Dabei wird sie immer von einer Art Tagebuch begleitet, in das bedeutende Künstler wie Kandinsky und Klee, die am Bauhaus unterrichten, Porträts ihrer Anmut skizzieren.

Dieses Buch, wegen der unbekannten Originale millionenschwer, bildet den Ausgangspunkt der Rahmenhandlung, die in einer heutigen deutschen Provinzfamilie bei deren Durchschnittssohn beginnt. Er findet die Kladde im Kleiderschrank seiner Großmutter, versteigert sie in New York und entschlüsselt von dort aus die eigene Familiengeschichte.

Die Spannung der Romanhandlung ergibt sich vor allem aus dem Porträt einer Zeit, die aus heutiger Sicht wie weggewischt scheint, weil ihr Zauber durch das Dritte Reich verloren ging, das seinerseits durch den Mief der Nachkriegsjahre ersetzt wurde.

Die Figuren indes werden zwar sparsam, aber doch nur unzureichend beschrieben. Gerade von Saller, im Hauptberuf Psychotherapeut, hätte man profiliertere Porträts erwartet. So aber liegen die Motive der Agierenden im Ungefähren; Szenen, Charaktere, Stimmungen bleiben angedeutet, lassen aber logische Zusammenhänge oft vermissen.

Aufgenommen ans Bauhaus wird Martha nicht etwa aufgrund nachgewiesener Eignungen, sondern weil sie sich Walter Gropius unbewusst als Empfehlung von dessen Bruder vorstellt, dem pommerschen Musiker. Ihre Begeisterung für die neue Zeit bricht jäh ab, als die berühmte Künstlerschule nach Dessau umzieht - warum, wirkt ebenso konstruiert wie die nach und nach aufgeklärte Geschichte ihres aus Weimar mitgebrachten Kindes, das sich als ungewollte Tochter ihrer Lebensgefährtin Ella Beyer-Held entpuppt. Auch diese Figur, als Fotografin eine der vielen realen Größen dieser Zeit, tritt unvermittelt auf, lehrt Martha flugs in einer Nacht die gleichgeschlechtliche Liebe, um sich kurz darauf ihrem nazistischen Professorengatten an den Hals zu werfen. Ihre heutigen Erben wird es nicht gerade freuen.

Dass der Protagonist und Ich-Erzähler am Ende der Reise nach New York auch noch die über 100-jährige Titelheldin selbst trifft, die schließlich in den Twin Towers am 11. September 2001 umkommt, überrascht kaum noch. Die Konstruktion, deren Sprache sich so schnörkellos geben will und dabei doch häufig unbeholfen wirkt, weist inhaltlich so viele Ornamente und Künstlichkeiten auf, dass die Widersprüchlichkeit zwischen Inhalt und Form kaum größer sein könnte. Man wird das Gefühl nicht los, dass der junge Student, der sein Mittelmaß durch eine berühmte Familiengeschichte aufwerten will, wie ein Selbstporträt des Autors wirkt.

Tom Saller: "Wenn Martha tanzt"

List Verlag

288 Seiten

20 Euro

ISBN 978-3-471-35167-3

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