Ohne Zweifel ein Ekelpaket

Der Held in den Krimis von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt ist ein echtes Ekelpaket, doch genau das macht die Romane zu einem wahren Lesevergnügen - Spannung auf höchstem Niveau inklusive.

Vermutlich dürften sich Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt des Risikos bewusst gewesen sein, als sie vor acht Jahren den ersten Roman dieser mittlerweile weltweit erfolgreichen Krimireihe mit dem deutschen Titel "Der Mann, der kein Mörder war" auf den Markt brachten. Neu und zunächst verstörend bei dem Autorenduo war nämlich, dass die Hauptperson ein echtes Ekelpaket ist, die sich sogar daran erfreut, dass ihre Zeitgenossen sie als Kotzbrocken meiden, wo es nur möglich ist. Es kommt sogar noch schlimmer: Sebastian Bergman nutzt seine Fähigkeiten, mit Charisma ausgestattet viel Charme zu versprühen, um Frauen gleich reihenweise nur zu seinem Vergnügen und als Bestätigung für sein Macho-Ego ins Bett zu ziehen, nur um sie nach dem Akt sofort wieder fluchtartig verlassen zu können.

Warum das Rezept, diesen Mann in den Vordergrund der spannenden Plots zu stellen und sein Chauvi-Image dabei noch regelrecht zu zelebrieren, dennoch aufgeht und dies den gerade erschienenen sechsten Band "Die Opfer, die man bringt" unmittelbar nach dem Erscheinen von null auf eins der "Spiegel"-Bestsellerliste katapultierte? Ganz einfach: Sebastian Bergman ist ein versierter Psychologe und ein begnadeter Profiler, weshalb er in allen Bänden trotz seiner sozialen Inkompatibilität der schwedischen Reichsmordkommission entscheidend helfen kann, die Mörder und Serienkiller zur Strecke zu bringen.

Ohne zu viel zu verraten, sei gesagt: Wer den ganzen kurzweiligen Unterhaltungswert der Romane genießen will, sollte sie unbedingt der Reihe nach lesen. Denn der hochintelligente, manipulative und grausame Kriminalpsychologe schleppt gleich zwei persönliche Traumata mit sich herum: Seine kleine Tochter hatte ihre Hand in der seinen, als der Tsunami im Jahr 2004 beide fortriss und nur er überlebte, was Sebastian Bergman wohl Zeit seines Lebens bis in die tiefsten Träume verfolgt. Außerdem taucht plötzlich eine neue, mittlerweile erwachsene Tochter in seinem unmittelbaren Arbeitsumfeld auf, mit er sich arrangieren und aussöhnen möchte, was aber nicht nur für ihn zu einer großen Hürde wird. Hinzu kommt, dass die Kollegen in dem Team der Mordkommission alle persönliche Probleme mit sich tragen, in die der Protagonist ausnahmslos irgendwie verwickelt wird. So viel sei verraten: Es geht um Sex, mitunter auch nicht den mit den Blümchen. Das ist die Ausgangssituation für "Die Opfer, die man bringt".

Sebastian Bergman hat innerlich resigniert, weil er erkannt hat, dass man ihn in dem Mordteam nicht mehr haben will. Er quält sich mehr durchs leben und verdingt sich mit Vorträgen und dem Versuch, ein neues Buch zu schreiben. Dann geschehen in Uppsala eine Reihe von brutalen Vergewaltigungen. Die Chefermittlerin dort entschließt sich, den Kriminalpsychologen in ihr Team zu holen. Das führt dann dazu, als die Stockholmer Kollegen auch hinzugezogen werden, dass Bergman plötzlich glücklich ist: Er darf wieder mitmischen. Die einzige Bedingung seines früheren Chefs: "Dein Hosenschlitz bleibt zu."

Zwischen den Opfern scheint es zunächst keinen Zusammenhang zu geben, was die Ermittler verzweifeln lässt, bis sich erste Ansätze einer Spur ergeben und der Verdacht sich erhärtet: Die vergewaltigten Frauen haben sich, weit in der Zeit zurückliegend, in der Kirche engagiert und unter anderem schwangeren Frauen die notwendige Hilfe angeboten, nicht abtreiben zu müssen. Damals ist eine Frau kurz vor der Entbindung unter dramatischen Umständen gestorben. Will hier jemand Rache üben? Und es passiert dann das, was einem die Haare zu Berge stehen lässt: Sebastian Bergman hat Sex mit einer Frau, von der er besser die Hände (und alles andere auch) gelassen hätte, weil es da irgendeine Verbindung zum Serienvergewaltiger geben muss, aber welche?

Über dieses ebenso besondere wie attraktive Beziehungsgeflecht der abstoßenden Hauptfigur mit allen anderen Protagonisten hinaus sind die Romane von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt solide literarische Handwerkskunst und überzeugen vor allem durch ein schnörkelloses Schildern von Handlungsabläufen. Soll heißen: Auf das, was man für gewöhnlich als atmosphärische Dichte bezeichnet, kann das Autorenduo ebenso verzichten wie auf diese polternden und aneinandergereihten Cliffhanger, ohne die moderne Thriller offenbar nicht zu funktionieren scheinen.

Besonders viel Geschick beweisen die Schriftsteller bei der Charakterisierung der handelnden Figuren, weil sie zwar alle ohne Ausnahme eine persönliche Bürde mit sich rumschleppen und mit sich und den Umständen hadern, aber dabei nie an den Rand der Aufgabe gedrängt werden, weil sie im Kern ihres Wesens starke und nie an sich selbst zweifelnde Persönlichkeiten sind.

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