Spannend eben auf eine andere Art

Der Regionalkrimi war seit den 90er-Jahren ein Garant für erfolgreiche Spannungsliteratur. Mittlerweile ist der Boom vorbei, nur einige Platzhirsche stürmen noch die Bestsellerlisten. Sorgen, dass die Lücke nicht geschlossen werden konnte, muss sich niemand machen. Andere Krimi-Autoren verstehen ihr Handwerk auch.

Es gab eine Zeit, als um die Jahrtausendwende herum in Deutschland der Markt der Krimis und Thriller mehr oder weniger vollständig in der Hand von skandinavischen Autoren wie Henning Mankell, Jo Nesbø, Arne Dahl oder Arnaldur Indriðason zu sein schien. Doch der Eindruck täuscht, denn mit dem Regional- und Städtekrimi entwickelte sich ab Mitte der neunziger Jahre ein nicht weniger erfolgreiches Genre, das die deutschen Verlage zurück in die Erfolgsspur brachte. Legendär sind mittlerweile die Eifel-Krimis von Jacques Berndorf oder die in Münster spielenden Romane von Jürgen Kehrer.

Manchmal schien es so, als wenn Schriftsteller sich weiße Flecken auf der Landkarte suchten und anfingen, spannende Geschichten zu schreiben mit dem Ziel, möglichst viel regionales Flair mit einfließen zu lassen. Eine Bilanz: Mehr als 50 deutsche Regionen und Städte haben es geschafft, von über 100 Autoren zum Ort von Krimis und Thriller gemacht zu werden. Das bedeutet auch, weil fast alle Romane noch zu kaufen sind: Wer Deutschland erkunden möchte, während er einer Mörderjagd beiwohnt, hat hier ein schier unerschöpfliches Reservoire an Möglichkeiten. Viele Reihen leben auch ohne großen kommerziellen Erfolg weiter, deshalb ein Geheimtipp: In der nächsten Woche erscheint mit "Falscher Glanz" von Eva Ehley der siebte auf Sylt spielende Krimi mit einem ebenso charmanten wie genialen Ermittlertrio.

Zu den (offenbar dauerhaft) ungekrönten Königen der Regionalkrimis gehört seit vielen Jahren Klaus-Peter Wolf mit seinen in Ostfriesland angesiedelten Geschichten um die charismatische Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen. Gerade erst ist mit "Ostfriesennacht" der 13. Band erschienen und kokettiert (wie immer) mit Fischbrötchen essenden und Tee trinkenden Ermittlern, dem Flair von Dünen und Stränden und der Herausforderung einer Sturmflut. Soll heißen: Auch wenn der Plot alles andere als packend ist, bekommen die Fans, was sie lieben und was früher mal "atmosphärische Dichte" genannt werden durfte. Doch der Hinweis ist erlaubt: Die gleichfalls in Ostfriesland beziehungsweise an der Nordseeküste spielenden "Dünen"-Krimis von Sven Koch oder die Romane von Sandra Lüpkes (zuletzt "Taubenkrieg" und "Götterfall") können es mit den Geschichten von Wolf mehr als nur aufnehmen. Zumal der Erfolgsautor auch davon zehren darf, dass das ZDF seine Krimis verfilmt. Das gilt nicht weniger für die ebenso weiterhin erfolgreichen "Allgäu"-Krimis von dem Autorenduo Michael Kobr und Volker Klüpfel, deren eher kauziger Kommissar Kluftinger von der ARD zu Filmehren aufsteigen durfte.

Noch vier Autoren von Regional- und Städtekrimis seien erwähnt, die es jenseits der Blütezeit dieses Genres nicht weniger verdient haben, weiterhin gelesen zu werden: Katharina Peters mit ihren "Rügen"-Krimis und Eva Almstädt, deren Plots auch an der Ostseeküste angesiedelt sind, sowie Susanne Kronenberg mit ihren "Wiesbaden"-Krimis und Wolfgang Burger mit seinen Gangsterjagden in Heidelberg. Für alle gilt: Der Reihe nach lesen erhöht den Genuss.

Mehr als nur eine Lücke geschlossen, sondern die Szene richtig aufgemischt, hat vor 13 Jahren Sebastian Fitzek mit seinem Erstling "Die Therapie" und danach mit "Amokspiel". Seine Thriller sind Selbstläufer und allesamt Bestseller, wofür es vor allem den einen Grund gibt, denn der literarische Wert ist es eher nicht: Völlig abgefahrene psychische Abgründe tun sich auf in seinen Plots, während die Killer mehr oder weniger immer abgedrehte Psychopathen sind, die einen Wettlauf gegen die Uhr starten, der bis zur letzten Seite fesselt. Zuletzt ist von Fitzek "Der Insasse" erschienen. Nicht ganz so erfolgreich, aber nicht weniger packend sind die Thriller von Arno Strobel, dessen aufeinander aufbauende Romane "Kalte Angst" und "Toter Schrei" im vergangenen Jahr die Fans dieses Genres in Aufruhr versetzten. Auch hier ein Tipp: Die Thriller von Eric Berg (unter anderem "Das Nebelhaus" und "Das Küstengrab") können es mit Fitzek und Strobel durchaus aufnehmen, mitunter sind sie sogar raffinierter.

Und dann gibt es ein ganze Reihe von deutschen Autoren, deren Krimis sich nicht in eine Schublade stecken lassen und die gerade deswegen für den Markt der Spannungsliteratur jenseits von Verkaufszahlen als alleinigen Gradmesser eine enorme Bereicherung sind, was die Szene der schwächelnden Regionalkrimis mehr als nur kompensiert.

Auf einem hohen literarischen Niveau bewegen sich beispielsweise seit 20 Jahren die Romane von Friedrich Ani mit dem leicht misanthropischen Tabor Süden als einsamer Wolf in der Hauptrolle des Ermittlers, der mehr mit Bauchgefühl als Verstand nach vermissten Menschen sucht; psychischer Tiefgang ist in allen seinen Büchern ein besonderes Qualitätsmerkmal. Das gilt nicht weniger für die Romane von Oliver Bottini, der vor 15 Jahren mit "Mord im Zeichen des Zen" der Szene einen außergewöhnlichen Impuls gab, weil seine Heldin eine dem Alkohol verfallene und lebensuntüchtige Frau ist, was dem esoterisch angehauchten Krimi eine enorme emotionale Dichte verleiht; zuletzt ist von ihm "Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens" erschienen.

Einem eher düsteren Duktus entlang von Schwermut und Melancholie, mit dem die ermittelnden Protagonisten zu kämpfen haben, folgen auch die Plots in den Romanen von Jan Costin Wagner, der 2003 mit "Eismond" und zwei Jahre später mit "Schattentag" einen eindrucksvollen Beweis dafür ablieferte, dass auch deutsche Autoren einen Thriller in bester skandinavischer Tradition schreiben können; sein jüngstes Buch hat den bezeichnenden Titel "Sakari lernt, durch Wände zu gehen", wobei wieder einmal erst die Bedächtigkeit eine fesselnde Dramatik erzeugt.

Und dann gibt es seit Jahren auf dem deutschen Krimimarkt die Romane mit Helden, die alles andere als das wirklich sind, eher gescheiterte Existenzen, und gerade deshalb beim Leser viele Sympathiepunkte für sich verbuchen können. Drei Beispiele dafür, wobei die Romane von Christian von Ditfurth mit einem in praktischen Lebensfragen so wenig bewanderten und eigentlich im Beruf gescheiterten Juristen in der Hauptrolle (alle mit dem Untertitel "Stachelmanns Fall") das prägnanteste sein dürfte. Was bedeutet: Der Autor erzeugt Spannung dadurch, dass der Wahnsinn aus einer Alltagswelt entspringt, wie sie uns alle vermutlich bekannt sein dürfte.

In den drei "Regler"-Krimis von Max Landorff ist mehr das Gegenteil der Fall, was aber genauso faszinierend ist, denn Gabriel Tretjak ist weniger ein versierter Privatdetektiv, als vielmehr ein Mann, der für andere Menschen die Dinge eben "regelt" und bei der Wahl der Mittel weder zimperlich ist, noch sich immer an die Gesetze hält. Dem Autor gelingt es auf eine packende Weise, den Leser mit in eine Zwickmühle zu entführen, wo er zwischen Gut und Böse entscheiden muss, obwohl das Urteil immer das falsche ist; ein ganz heißer Lesetipp.

Die acht "Zorn"-Krimis von Stephan Ludwig, von denen die ARD bis jetzt fünf verfilmt hat, verfügen über etwas, das neben den betont schrägen Typen als Kommissare (Zorn ein zu bemitleidender Chaot und Schröder ein spießb'ürgerlicher Pedant) diese Art eines spannenden Krimis auf eine einmalige Weise auszeichnet: Humor, denn man kommt aus dem Lachen kaum heraus, auch wenn es einem manchmal im Halse stecken bleiben möchte.

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