Von Versagern und Verlierern

Willkommen zur Freakshow: Heinz Strunk versucht sich im Band "Das Teemännchen" an Kurzgeschichten.

Anja gilt als Dorfschönheit, bevor sie sich von Marcel trennt und im Dorfimbiss als Arbeitssklavin bis ans Ende ihrer Tage hängenbleibt. Eugen ist mehr der Dorfdepp, dessen mittelmäßige Karriere als Fußballer ein plötzliches Ende findet. Marion ist zwar nicht allein, aber trotzdem verdammt unglücklich, und selbst ihr letzter todesmutiger Versuch, daran etwas zu ändern, scheitert kläglich. Michael nimmt einmal im Leben allen Mut zusammen und wagt den Schritt in die Unabhängigkeit, doch die Pleite ist abzusehen. Jenny lässt vielleicht die letzte Chance verstreichen, der Tristesse ihrer Vergangenheit zu entfliehen, während Mandy längst weiß, dass sich für sie keine Chance mehr auftun wird.

Willkommen zur Freakshow, die uns Heinz Strunk miesepetrig, sarkastisch und erbarmungslos inszeniert. Nach dem Jammerlappendrama aus dem beschädigten Leben als autobiografisch motivierter Fortsetzungsroman in sechs Teilen treten in seinem ersten Kurzgeschichten-Band "Das Teemännchen" wieder allseits ramponierte Existenzen auf, denen das Schicksal entweder sprechende Namen als Menetekel verpasst hat oder nicht minder sprechende Bezeichnungen wie Gnom, Penner, Nutte oder Blogger. Von den gesellschaftlichen Rändern castet Strunk sorgsam und penibel seine bizarren Kreaturen, die sonst nur bei RTL II in hermetisch abgeriegelten Formaten groß auftrumpfen dürfen. Neu ist, dass bei ihm endlich auch die Gleichberechtigung Einzug gehalten hat und neben Männern auch Frauen als Deklassierte und Deprimierte präsentiert werden.

Sein Interesse an Versagern und Verlierern kennt keine Grenzen, ob Alte, Dicke, Kranke, Doofe, Ossis, Dorfis, auch alte Dicke, kranke Dorfis, doofe Ossis oder andere Konstellationen. Der als Mathias Halfpape 1962 in Hamburg geborene Heinz Strunk kennt da keine Gnade, vor seinem grotesk-ulkigen Tribunal sind alle Menschen gleich: gleich in ihrem fatalen Hang, aus sich und ihrem bisschen Leben wenig bis gar nichts zu machen. Die Anklage wird generell schonungslos offen und drastisch vorgetragen, das Urteil lautet meist: selbst schuld. Der Autor als Richter ist nicht zimperlich, seine lakonische, plakative Sprache hat kaum Mitleid, Charakterisierungen sind mehr Lästereien und Beleidigungen. Auf Tragik wird mit Drastik, auf Drama mit Zynismus, auf unfreiwillige Komik mit erzwungenen Gags reagiert.

Die von ein paar Zeilen bis zu ein paar Seiten reichenden Stories aus dem Abseits spielen mit Genres wie Nachricht, Glosse, Polemik, Kommentar, Betrachtung, Erinnerung, mischen Beobachtungen, Anmerkungen, Überlegungen ganz selbstverständlich miteinander. Für Dialoge (oder Monologe) ist kein Platz, für respektlose Zuschreibungen und Beschimpfungen dafür schon. Strunk behält die Fäden der Figuren fest in den Händen, er führt sie nach seinen Vorstellungen und zu seinen Bedingungen, viel Raum zum Scheitern bleibt nicht. Die Welt der Stolpernden, Fallenden und Liegenbleibenden ist einfach - vielschichtige, überraschende Schicksale und Katastrophen sind nicht zu erwarten.

Von Empathie des Erzählers für sein Personal ist leider wenig zu merken. Bekam in der Langform selbst der Frauenmörder Fritz Honka (im hochgelobten "Der goldene Handschuh") davon reichlich ab, haben in der Kurzform Janine, Marcel, Steffen, Jenny oder Mandy schlechte Karten. Das etwa ist ein gravierender Unterschied zum Kollegen Clemens Meyer, der für seine strauchelnden Antihelden in rauen Milieustudien stets Respekt und Mitgefühl übrig hat. In den Momenten allerdings, in denen Strunk wie in "Living In The Past", "Verkehrsfunk" oder "When We Were Kings" das Beschreiben über das Beurteilen stellt, profitieren nicht nur die Betroffenen. Gesichter statt Masken sind dann zu erkennen, Menschen statt Freaks. Verziehen ist dann beinahe auch der mehrfache Einsatz von sprachlichen Drechseleien wie "über das gesamte Leben verhängte Aussichtslosigkeit" oder "kommen aus dem Nichts und verschwinden im Nichts". Gnadenlose Effektivität, Selbstfeier oder Unachtsamkeit? Stilmittel oder Marotte? In jedem Fall: peinlich.

Heinz Strunk: "Das Teemännchen"

Rowohlt Verlag

208 Seiten

20 Euro

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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