Wie ein Quasi-Hippie ein Monster züchtete

Die Autobiografie von K. K. Downing erklärt den Aufstieg von Judas Priest

Chemnitz.

Das Jahr 1984 gilt weltweit als historisch für den Heavy Metal. In dem Jahr erschienen Unmengen Alben, die heute als stilprägend gelten - von Metallica über Queensryche und Bon Jovi bis Van Halen, Iron Maiden und Celtic Frost. Das erzeugte eine weltweite Welle, die beide Teile des damals getrennten Deutschlands erfasste. Dabei gab es zwei Katalysatoren: Erstens erschien im Westen die erste Ausgabe der Zeitschrift "Metal Hammer", von der auch etliche Exemplare in den Osten geschmuggelt und dort zerlegt wie auch vervielfältigt wurden. Covermotiv war Rob Halford, der Sänger von Judas Priest. Zweitens sendete das ZDF in seiner Reihe "Rock-Pop in Concert" den Mitschnitt einer Heavy-Metal-Nacht in der Dortmunder Westfalenhalle, bei dem das "Who is who" der damaligen Metal-Szene auf der Bühne stand, etwa Ozzy Osbourne, Krokus, Def Leppard, die Scorpions oder Iron Maiden. Höhepunkt: wieder Judas Priest. Das Konzert wurde von zahllosen Fernsehern mitgeschnitten, die entsprechenden Kassetten gelten heute als Initialzündung der Metal-Subkultur in der DDR, was dazu führte, dass der DDR-Rundfunk sogar eigene Heavy-Metal-Sendungen einführte, die zu den meistgehörten des Landes zählten.

Kurz: Judas Priest spielte als Taktgeber für die deutsche, besonders die ostdeutsche Rockszene immer eine spezielle Rolle. Entsprechend groß ist da die Erwartungshaltung, wenn nun mit dem (mittlerweile ehemaligen) Gitarristen K. K. Downing jener Musiker eine Autobiografie vorlegt, dermaßgeblich für die "Härterwerdung" dieser bereits Ende der 60er gegründeten Band steht. Ob sie erfüllt wird, hängt von der Vorliebe des Lesers ab: Wer auf deftige Rock'n'Roll-Anekdoten aus ist, dürfte mit anderen Büchern besser bedient sein - etwa Lemmy Kilmisters "White Line Fever". Downing hat zwar auch ein paar "Abschweifungen" parat, doch die sind eher knapp als Würze eingestreut. Wer jedoch an der musikalischen und geschäftlichen Entwicklung dieser Band von Autodidakten interessiert ist, die sich aus den bitterarmen Verhältnissen Birminghams an die Weltspitze gespielt hat, der wird "Leather Rebel" mit Genuss lesen. Vor allem, wenn er die Band so wie viele Ost-Anhänger in ihrer derben 80er-Phase mit Alben wie "Screaming For Vengeance" oder "Defenders Of The Faith" kennengelernt hat: Zu der Zeit galt Judas Priest mit dem Leder-und-Nieten-Image schlicht als brachialste und gewaltigste Band der Welt. Downing, der vom Blues und von Jimi Hendrix geprägt wurde, schildert spannend, eindringlich und mit trockenem britischen Humor, wie aus der Quasi-Hippie-Truppe vom Debüt "Rocka Rolla" ein Metal-Monster wurde. Hört man parallel Platten wie "Point Of Entry" oder "Sin After Sin", gewinnt man in der Tat ein tieferes Bild. Lohnt!

Das Buch K. K. Downing mit Mark Eglington: "Leather Rebel. Mein Leben mit Judas Priest". IP-Verlag. 224 Seiten. 21,90 Euro.

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